Schablone für verschiedene Brustwarzen-Tattoos

Annabelle Headlam: Tattookunst auf der Haut

Rekonstruktion von Brustwarzen mithilfe eines Tattoos.

5 Min.

Annabelle Headlam


Annabelle Headlam verschafft mit ihren Tattoos heilende Spuren auf der Haut. Denn nach einer Brustkrebsdiagnose verändert sich nicht nur der Körper, sondern auch das Gefühl von Intimität und Privatsphäre. Die Salzburger Tätowiererin hilft Frauen, fehlende Brustwarzen optisch wiederherzustellen.

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In ihrem Studio in Salzburg hat sich die gebürtige Australierin auf die Rekonstruktion von Brustwarzen spezialisiert – und zählt damit zu den wenigen Tätowierer:innen in Österreich auf diesem Gebiet. Mit viel Einfühlungsvermögen und ihrem langjährigem Know-how erschafft sie täuschend echte Brustwarzen. Im Gespräch erzählt sie, wie nah sie den Geschichten der Frauen kommt und wie sich ihr Schönheitsbild im Laufe der Jahre verändert hat. Dabei sieht sie ihre Arbeit mehr als Kunst: Sie gibt Frauen ein Stück Selbstbestimmtheit und Normalität zurück.

Frau Annabelle Headlam, wie kam es dazu, Brustwarzen mithilfe von Tätowierungen zu rekonstruieren? Was war der Impuls dahinter?

Annabelle Headlam: Vor rund 15 Jahren kam eine Kundin zu mir und bat mich, ihre Brust zu tätowieren, weil sie aufgrund ihrer Krebserkrankung keine Brustwarze mehr hatte. Für sie war das nicht nur eine körperliche Veränderung, sondern etwas, das ihr Selbstbild stark beeinflusst hat. Als ich gesehen habe, wie viel es ihr bedeutet hat, wieder eine Brustwarze zu haben, hat mich das sehr berührt. In diesem Moment habe ich gemerkt, dass ich Frauen auf diesem Weg gerne unterstützen möchte. Der Wunsch, ihnen nach einer schweren Zeit etwas zurückzugeben, ist seitdem ein großer Antrieb für meine Arbeit. Deshalb habe ich 2019 bei einem Kollegen in Deutschland eine spezielle Ausbildung für Brustwarzenrekonstruktion gemacht.

Welche Rolle spielt Vertrauen in Ihrer Arbeit?

Vertrauen ist die Grundlage, vor allem nach traumatischen Erlebnissen wie einer Krebserkrankung. Daher lege ich immer großen Wert auf ein persönliches Erstgespräch, damit wir uns kennenlernen. Nur so kann man in sich hineinspüren, ob es passt und ob sich die Frau wohlfühlt. Die Kundin soll das Gefühl haben, dass sie jederzeit offen alles ansprechen kann.

Wie genau läuft so eine Sitzung ab?

Die Dauer einer Sitzung hängt vom Schwierigkeitsgrad ab. Zunächst ist es wichtig, eine Anamnese zu machen, beispielsweise wie alt die Operationsnarben sind. Jedes Narbengewebe und jede Haut ist individuell. Im Vorfeld werden alle Risiken, Unklarheiten und auch mögliche Unsicherheiten besprochen. Im nächsten Schritt wird festgelegt, wie die Brustwarze aussehen soll. Anschließend wird sie, wie bei einer normalen Tätowierung, aufgezeichnet und als Abdruck auf die Brust übertragen. Dann wird gemeinsam geschaut, wie man sie am besten anpasst, platziert und in welchem Winkel sie tätowiert wird, damit alles harmonisch wirkt. Während des eigentlichen Tätowierprozesses beobachte ich genau, wie die Haut reagiert, und taste mich sanft und langsam heran. Im Durchschnitt brauche ich drei Sitzungen für eine Rekonstruktion. Es kommt jedoch immer auf die jeweilige Situation an.

Hat sich Ihr Blick auf den menschlichen Körper und auf Schönheitsideale durch diese Spezialisierung verändert?

Definitiv. Ich denke aber auch, dass sich der Blick auf Schönheit mit zunehmendem Alter verändert. In der heutigen Zeit mit Social Media, wo viele Bilder bearbeitet werden, damit keine Falten oder Unebenheiten zu sehen sind, wird das Bild von Schönheit oft stark verzerrt. Schönheit ist etwas Menschliches und sie zeigt sich in vielen Facetten und Ebenen. Wenn man einem Menschen gegenüber- steht, der etwas erlebt hat, der Werte hat und ein guter Mensch ist, strahlt er ganz anders. Meine Kundinnen strahlen eine ganz besondere Stärke aus. Das ist für mich wahre Schönheit.

Wie gehen Sie persönlich mit Momenten um, in denen Sie die Schicksale Ihrer Kundinnen erfahren?

Es berührt mich sehr, aber es macht mir auch Mut. Ich erlebe die Kraft, Offenheit und das Durchhaltevermögen der Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind. Sie stellen sich der Situation realistisch und gehen trotzdem weiter. Das finde ich unglaublich faszinierend und beeindruckend.

Was beobachten Sie in dem Moment, in dem die Frauen das fertige Ergebnis zum ersten Mal im Spiegel sehen?

Man spürt richtig, wie erleichtert diese Frauen sind. Ich bin nach wie vor mit vielen meiner Kundinnen in Kontakt und merke, wie sie ein Stück Privatsphäre zurückgewinnen. Sie können endlich wieder in die Sauna oder ins Schwimmbad gehen, ohne dass ihr Körper verrät, dass sie eine Brustoperation hatten. Ich habe zum Beispiel eine Kundin, die Mitte 70 ist und eine Brustwarzenrekonstruktion machen lässt. Es ist nämlich nie zu spät, sich im eigenen Körper wohlzufühlen. Man bekommt auch ein Stück Selbstbestimmtheit zurück: Die Krankheit und die Operation sucht man sich nicht aus. Was man aber selbst entscheiden kann, ist bewusst etwas für diese Stelle an der Brust zu tun, die so viel erlebt und durchgemacht hat.

Sehen Sie Ihre Arbeit eher als Handwerk oder als Teil eines Heilungsprozesses?

Für mich persönlich ist die Markierung des Körpers immer etwas sehr Tiefgründiges. Es ist etwas, das einen ein Leben lang begleitet. Selbst wenn es nur ein kleiner Punkt ist: Es ist ein Entschluss, ein Commitment. Und genau das kann für viele Menschen sehr heilend sein.

Portraitbild in Schwarz/Weiß von Annabelle Headlam, Tätowiererin in Salzburg
© April 2026 Annabelle Headlam, Lisa Kutzelnig

Mehr über die Autorin dieses Beitrags

Elisabeth Trauner
© Privat

Elisabeth Trauner ist Redakteurin bei Unser SALZBURG und mit Stift, Block und Herz immer zur Stelle, wenn Menschen spannende Geschichten zu erzählen haben. Sie hört Podcasts, braucht Krimis und True Crime-Dokus zum Einschlafen und probiert gerne neue Kochrezepte aus, die aber meistens komplett schief gehen.

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