Frau steht in einem Schaufenster neben einer pink leuchtenden Neonreklame – Symbolbild zum Thema Sexarbeit.

Sexarbeit: Forscherinnen beleuchten Arbeitsbedingungen

Welche Faktoren sich wie auf die mentale Gesundheit auswirken, wo Änderungsbedarf geortet wird.

8 Min.

© Pexels/Lichtberlin

Lady D. arbeitete als erfolgreiche BDSM-Domina (steht für Bondage & Discipline, Dominance & Submission, Sadism & Masochism). Sie war ziemlich weit oben auf der Pyramide. Sie verdiente gut. So gut, dass sie an manchen Tagen nur einen Gast empfing. Das ging nicht über Nacht, sie habe sich hochgearbeitet. Jahre zuvor sah sie, wie eine Sexarbeiterin vom Bordellbesitzer an den Haaren vom Hocker gezogen und danach mit einem Gürtel verprügelt wurde. Die Frau hatte zuvor zwei Kunden abgelehnt. „Ich habe schlimme Dinge gesehen und mir schon damals gedacht: So macht man das doch nicht“, sagt Lady D.

Sie sei ihr Leben lang abenteuerlustig gewesen, erzählt sie und lacht in ihre Rauchwolke. Sie hatte zuvor Jobs, die gesellschaftlich als „üblich“ gelten, war erfolgreich, aber die Sexarbeit reizte sie. Einen Monat lang arbeitete sie selbst in einem Barbordell, „das war nix für mich. Vor allem störten mich die Nachtarbeit, der Alkohol- und Drogenkonsum der Klientel.“ In ihrer Rolle als selbstständige Domina in einem Wiener Studio sei sie aber voll aufgegangen. „Ich habe für meine Gäste eigene Geschichten erfunden, sie auf eine Reise mitgenommen. Ich habe mich gar nicht als Sexarbeiterin oder Prostituierte gesehen, für mich war das eine erotische künstlerische Tätigkeit“, beschreibt Lady D.

Im selben System

„Es gibt einen Grund, warum alle Sexarbeiter*innen ihren Job machen – und das ist Geld“, schickt die Arbeitspsychologin Ines Hölbl vo­raus. Das unterscheide sie nicht von anderen Erwerbstätigen, wir alle leben in demselben System, in dem wir Geld für Miete, Essen und Co brauchen. Wichtiger Nachsatz: „Die Einstellungen dazu sind aber unterschiedlich.“ Das Thema Sexarbeit rückte während der Covid-Pandemie in ihren Fokus. Sie stellte fest: Es gibt zwar eine Vielzahl an Studien, aber der Großteil sei vom gesellschaftlichen Diskurs geprägt. „Wenn wir aber Sexarbeit nicht als gesellschaftliches Phänomen, sondern als Arbeit betrachten, welche Faktoren sind da wichtig und welchen Einfluss haben sie auf die mentale Gesundheit?“

Im Kern handle es sich um eine Arbeit, für die es keine formale Bildung brauche, wo man schnell und mit wenig Voraussetzungen hinsichtlich der Fähigkeiten anfangen könne. Ganz außen vor könne der gesellschaftliche Diskurs nicht gelassen werden; das Stigma wirke sich sogar auf das Lukrieren von Forschungsgeldern aus, auf die Ines Hölbl und ihre Kollegin Julia Reiter am Institut für Arbeits-, Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Uni Wien weiter hoffen.

Porträt von Ines Hölbl, Expertin zum Thema Sexarbeit, mit dunklen Haaren und hellblau gestreifter Bluse.
© privat

Unsere Studie soll dabei helfen, die Anliegen der Sexarbeiter*innen ernst zu nehmen.

Ines Hölbl, Arbeitspsychologin

Die Studie starteten sie 2024 – mit persönlichen Gesprächen mit Sexarbeitenden mit Körper- bzw. Kund*innenkontakt in Österreich, Deutschland und den Niederlanden. „Ich halte die Forschung für sehr wichtig, weil wir einfach nicht genug wissen, weil auch Beratungsstellen, Verbände und Selbstvertretungen die Daten brauchen. Gleichzeitig sehen wir ein Erstarken der konservativen Kräfte in Deutschland, die sich für Kriminalisierung einsetzen. Die Forschung zeigt, dass das mit negativen Konsequenzen für die Sexarbeiter*innen einhergeht.“

Klar gegen das sogenannte schwedische Modell spricht sich die Berufsvertretung Sexarbeit Österreich (BSÖ) aus: „In Schweden wird der Freier bestraft, während die Dienstleister*innen straffrei bleiben. Ich denke, dass damit der Staat komplett den Überblick verliert, weil sich alles in die Illegalität verschiebt und damit die Dienstleister*innen den Schutz verlieren“, findet die Sozialarbeiterin Yasmin Ulreich von der BSÖ. Die Gesetze für Sexarbeit variieren weltweit enorm, weiß Ines Hölbl; die Modelle reichen von einer kompletten Dekriminalisierung etwa in Belgien bis hin zu einer kompletten Kriminalisierung beispielsweise in fast allen Staaten der USA und China.

Reguliert

In Österreich ist Sexarbeit unter bestimmten Voraussetzungen legal; dazu gehören beispielsweise regelmäßige Tests zu sexuell übertragbaren Krankheiten. Ausgeübt darf sie als sogenannte Neue Selbstständige werden – inklusive Steuernummer und Sozialversicherung. Die „Arbeitsgruppe Sexuelle Dienstleistungen“ (Ministerium für Frauen, Wissenschaft und Forschung) arbeitet laufend an Empfehlungen für die Gesetzgebung. Eine Herausforderung, die aus verschiedenen Richtungen kritisiert wird: „Das Bundesgesetz ist hauchdünn, wir haben neun verschiedene Landesgesetze“, sagt Yasmin Ulreich.

Jedes Land regelt für sich seine Schutzzonen, die Lizenzen für Etablissements oder in welchem Rahmen – beispielsweise im Hotel – Sexarbeit ausgeübt werden kann. Das erschwere die Situation für die Arbeitenden, weil sie oft mobil sind, für die Exekutive und selbst für die Forschung: „Es gibt sogar ein unterschiedliches Schutzalter, wann jemand offiziell sexuelle Dienst­leistungen anbieten darf“, sagt Ines Hölbl.

Die Psychologin untersucht sozusagen vier Hauptarbeitsumgebungen – Laufhaus, Bordell, Escort und Straße – sowie zwei spezielle Kontexte: die BDSM-­Domina-Arbeit und Sexualassistenz für Menschen mit Beeinträchtigungen oder ältere Menschen. Die Anforderungen können zwar sehr variieren, der gemeinsame Nenner sollte laut der Sozialarbeiterin Yasmin Ulreich die Autonomie sein: „Sexarbeit ist eine selbstbestimmte körpernahe Dienstleistung, bei der Illusionen angeboten werden.

Porträt von Yasmin Ulreich an einem Bahnhof. Die Expertin spricht über Sexarbeit und die Situation von Sexarbeiterinnen.
© privat

Sexarbeit ist eine selbstbestimmte körpernahe Dienstleistung.

Yasmin Ulreich, Berufsvertretung Sexarbeit Österreich

Das bedeutet: Die Sexarbeiter*in gibt die Rahmenbedingungen vor und hat das Recht – und für die eigene psychische Gesundheit sogar die Pflicht – Nein zu sagen.“ So weit das Empowerment. Die Realität: „Dass Frauen von Männern objektifiziert werden, ist natürlich ein großes Problem. Eine Abwertung nach dem Motto ,Ich hab’ dafür bezahlt, mach!‘ steht leider an der Tagesordnung.“ Sexarbeit wird zwar von allen Geschlechtern für alle Geschlechter angeboten; Frauen sind aber weiterhin in der klaren ­Überzahl.

Wie viele ihren Job „freiwillig“ machen, ließe sich nicht beziffern, sagt die Arbeitspsychologin. „So seltsam das klingt, ,Freiwilligkeit‘ ist ein Spektrum: Es reicht von ,Das ist meine berufliche Erfüllung‘ über ,Ich muss das machen, weil ich sonst keine andere Art habe, mir Essen zu kaufen‘ bis hin zu ,Wenn ich es nicht tue, werde ich geschlagen‘.“

Loverboy

Zuhälterei steht unter Strafe, „aber die Loverboy-Methode begegnet uns leider oft: Männer, die ihre Partner*in toxisch manipulieren, damit die Frau in die Sexarbeit eintritt“, sagt die Sozialarbeiterin Yasmin Ulreich. Sexarbeit sei häufig auch mit dem Suchtgiftmarkt verzahnt, „da wieder rauszukommen, braucht eine gute Begleitung. Es ist selten so, dass jemand süchtig in die Sexarbeit kommt. Die psychische und physische Belastung ist nicht ohne, darum ist immer die wichtigste Frage: Warum willst du das machen?“, erklärt sie. Und die Antwort? – „In mehr als 90 Prozent der Fälle herrscht der Irrglaube vor, dass man schnell zu Geld kommt.“ – „Wir bewegen uns in einem Niedriglohnsektor“, stellt die Arbeitspsychologin Ines Hölbl klar.

Frau in schwarzem Body und roten High Heels beim Ankleiden – Symbolbild zum Thema Sexarbeit.
© Pexels/Kamaji Ogino

Ein Zimmer in einem Laufhaus kann 700 Euro oder mehr pro Woche kosten, das müsse zunächst einmal eingenommen werden. Es gebe Ausnahmen, Sexarbeitende, die quasi Karriere machen. „Wie in der Gesellschaft herrscht auch hier eine Art Hierarchie“, sagt Ines Hölbl. Zumeist gelte: Je mehr Körperkontakt, desto niedriger in der Pyramide. BDSM und Sexualassistenz – zwei Bereiche, in denen es spezielle Fähigkeiten braucht – werden in der Regel als etwas privilegiert angesehen und besser bezahlt. „Ich habe mir relativ schnell einen guten Kundenstock aufgebaut, auch international“, sagt Lady D.

„Eine Overnight-Buchung kann 2.200 Euro brutto bringen, aber da muss man sich schon einen Namen erarbeiten, das zahlt nicht jeder – und man hat bei BDSM ein anderes Klientel als im breiten Segment.“ Der Alltag in einem Laufhaus oder Bordell am Land biete wenig Annehmlichkeiten, weiß die Psychologin. Oft sind die Etablissements außerhalb der Orte, an Bundes- oder Landesstraßen, fern von Supermärkten und öffentlichen Anbindungen.

„Vergleichbar mit der 24-Stunden-Pflege ist auch hier der Anteil der Frauen, die aus dem Ausland kommen, hoch. Viele leben beispielsweise für zwei Wochen in gemieteten Laufhaus-Zimmern, wo sie vielleicht ein kleines Bad und eine Kochnische haben. Dabei versuchen sie möglichst viel zu arbeiten, um genug Geld für ihre Familien mit heimnehmen zu können“, erklärt Ines Hölbl. In ihrer Studie identifiziert sie Anforderungen und Ressourcen, vereinfacht gesagt: motivationshemmende und -fördernde Faktoren.

Ich war nicht Prostituierte, das war eine erotische künstlerische Tätigkeit.

Lady D.

Ein Beispiel: Während die beschriebene Wohnsituation eine Anforderung bzw. eine Belastung für die mentale Gesundheit darstellen kann, werde die Autonomie („Ich entscheide, wann ich mit wem was mache“) als eine Ressource erlebt – so wie Menschen das auch in vielen anderen beruflichen Bereichen erfahren; Autonomie gelte prinzipiell als klassische, wichtige Ressource. Freilich wüssten Sexarbeiter*innen am besten, was ihnen helfe oder schade, und auch kompetente Beraterinnen. „Uns geht es darum, die relevanten Faktoren für jedes Arbeitsfeld so zu systematisieren, dass Gesetzgeber und Gesundheitsdienstleister sinnvoll und effektiv ansetzen können.

Wenn man diese Daten nicht hat, hört man hoffentlich den Arbeiter*innen zu, nur ist das in der Vergangenheit nicht oft passiert“, sagt die Arbeitspsychologin. „Wir kennen das auch aus der Rassismus- und der Sexismus-Forschung: Unterdrückte werden weniger ernst genommen als Personen, die für die Unterdrückten sprechen. Wir hoffen, dass unsere Forschung dabei hilft, die Anliegen von Sexarbeiter*innen ernst zu nehmen.“

Wie sieht die Utopie aus? „Es müsste sich die Einstellung der Gesellschaft gegenüber Sexarbeit ändern – aber davor noch: überhaupt gegenüber Frauen“, betont Yasmin Ulreich von der BSÖ. „Es gibt eine Dunkelziffer bei Gewalt, wichtig wäre ein niederschwelliger Zugang zur Exekutive und gut geschultes Personal im Umgang mit Sexarbeiter*innen. Oft fehlt es an Respekt.“ Und in Richtung Arbeiter*innen: „Wenn ihr es euch irgendwie leisten könnt, geht alle zwei Wochen in Psychotherapie – oder zumindest einmal im Monat.

Hilfreiche Infos

berufsvertretung-sexarbeit.at
sexworker.at
lefoe.at/tampep
sophie.or.at
solwodi.at
herzwerk-wien.at

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