Barbara Schett-Eagle im Interview: „Ich bin und bleibe mit Leib und Seele Tirolerin“
Die ehemalige Tennis-Weltranglisten-Siebte spricht über ihre Tiroler Wurzeln, das Leben in Australien, Frauen im Sport und die Gelassenheit, die mit 50 kommt.
© Chris Singer
„Ich habe Ihnen damals vor dem Fernseher immer die Daumen gedrückt. Und alles gelesen, was über Sie in der Zeitung gestanden ist.“ Es dauert nicht lange, bis Barbara Schett-Eagle bei unserem Treffen im Café Central in Innsbruck erkannt wird. Ein älterer Herr bleibt am Tisch stehen, kurz wird geplaudert. Mehr als zwei Jahrzehnte nach ihrem letzten Profimatch ist die ehemalige Tennisspielerin in ihrer Heimat noch immer präsent. Sie war die Nummer sieben der Welt, spielte gegen die Größten ihrer Generation und wechselte nach ihrem Karriereende erfolgreich die Seiten. Heute ist die gebürtige Innsbruckerin als Moderatorin und Tennisexpertin unterwegs und lebt mit ihrer Familie in Australien.
Gibt es etwas, das Sie erst an Tirol zu schätzen gelernt haben, seit Sie nicht mehr hier leben?
Barbara Schett-Eagle: Es sind vor allem die kleinen Dinge, die man plötzlich schätzt: gutes Wasser, Brot oder Speck. Und unser Gesundheitssystem. Wenn man erlebt, wie kompliziert es anderswo sein kann, weiß man erst, was wir hier haben. Was mir auch fehlt, ist der Dialekt. Ich hoffe wirklich, dass uns das nie verloren geht.
Und umgekehrt: Was nehmen Sie aus Österreich überallhin mit?
Holundersaft und Preiselbeeren! Die brauche ich schon deshalb, weil sich Freund:innen und Bekannte regelmäßig Schnitzel von mir wünschen. Ich mache dort auch ziemlich oft Werbung für Österreich. Viele Australier:innen kennen das Land kaum, und denen sage ich immer: Ihr müsst da hin!
Die ersten Bälle haben Sie in der Reichenau gegen eine Wand geschlagen, mit 14 sind Sie in ein Leistungszentrum in Wien gezogen. Was mussten Sie früher lernen als andere Jugendliche?
Vor allem selbstständig zu sein. In den ersten Monaten hatte ich wahnsinniges Heimweh und habe mich so weit weg von Zuhause überhaupt nicht wohlgefühlt. Aber mein Traum, die beste Tennisspielerin zu werden, war stärker. Ich hatte nie das Gefühl, auf Partys oder ein normales Teenagerleben verzichten zu müssen. Aber natürlich wird man schneller erwachsen. Durch das Reisen habe ich unglaublich viel fürs Leben gelernt und einen sehr offenen Blick auf andere Menschen und Kulturen bekommen.

Weltranglistenplatz sieben, US-Open-Viertelfinale, Olympia: Welcher Erfolg bedeutet Ihnen am meisten?
Dass aus meiner Leidenschaft ein ganzes Leben geworden ist. Ich habe zwölf Jahre auf der Tour gespielt und bin inzwischen seit 21 Jahren Expertin und Moderatorin. Sportlich wollte ich immer besser werden als Barbara Paulus, die Nummer zehn der Welt war. Das habe ich geschafft und darauf bin ich natürlich stolz. Aber heute sind diese Ranglisten und Ergebnisse schon ziemlich weit weg. Viel wichtiger ist mir, was mir das Tennis alles ermöglicht hat.
Auch Verlieren gehört im Sport dazu. Wie sind Sie mit Niederlagen umgegangen?
Ich habe mir nach einer Niederlage gedacht: Okay, was muss ich besser machen? Das ist bis heute meine Strategie. Wenn etwas schiefläuft, mache ich einen Plan und weiter geht’s. Wir haben in unserer Gesellschaft oft das Gefühl, alles müsse perfekt sein. Aber macht Fehler, jedem passieren blöde Dinge. Die Welt geht deshalb nicht unter.

Wenn Sie die Bedingungen Ihrer aktiven Zeit mit denen der Spielerinnen heute vergleichen: Was ist leichter geworden, was schwieriger?
Bei Ernährung, Training und Regeneration weiß man heute einfach viel mehr. Wir haben uns damals den ganzen Tag Kohlenhydrate reingestopft, weil es hieß, das sei gut. (lacht) Über den weiblichen Zyklus und seinen Einfluss auf die Leistung wurde überhaupt nicht gesprochen. Da würde ich heute einiges anders machen. Gleichzeitig bin ich froh, dass ich zu meiner Zeit gespielt habe. Wir konnten uns frei bewegen, ohne dass jemand ständig ein Handy auf dich gerichtet hatte. Wenn einmal ein depperter Zeitungsartikel über dich erschienen ist, landete der im Mistkübel. Heute bekommst du über Social Media permanent mit, was andere über dich denken. Mit 50 kann ich sagen: Wenn mich jemand nicht mag, dann ist das eben so. Mit 14 ist das deutlich schwieriger.
2005 haben Sie Ihre Karriere als Tennisspielerin beendet. War Ihnen damals gleich klar, wer Barbara Schett ohne Profisport sein würde?
Ich habe mich nie darüber definiert, was ich erreicht habe oder was ich beruflich mache. Nur weil man einen Tennisball besser übers Netz spielt als jemand anderer, ist man deshalb kein besserer Mensch. Beruflich hatte ich allerdings schon einen Plan. Sobald ich wusste, dass ich aufhören würde, habe ich Kontakte geknüpft und angefangen, als Gastkommentatorin zu arbeiten. Dass daraus eine zweite Karriere wird, die inzwischen länger dauert als meine erste, hätte ich nie gedacht. Mittlerweile weiß ich: Ich habe nicht nur gerne Tennis gespielt, ich lebe diesen Sport in allen Facetten.

Wo gelten in der Sportwelt für Frauen heute noch andere Maßstäbe?
Als Moderatorin merke ich es zum Beispiel beim Aussehen. Ein männlicher Kollege kann jeden Tag mit demselben Hemd dasitzen, das interessiert niemanden. Bei einer Frau wird sofort geschaut: Was hat sie an, wie sieht sie aus? Ich bekomme auf Social Media mehr Nachrichten zu meiner Hose als zu meiner Expertise.
Als Spielerin wurde ich einmal zum „Sexiest Player on Tour“ gewählt und dachte mir: Ich will einfach nur gut Tennis spielen. So eine Wahl gab es für die Männer natürlich nicht. Mit den Jahren sind mir solche Unterschiede immer bewusster geworden. Natürlich sind Männer körperlich anders gebaut, aber deshalb ist Frauensport doch nicht weniger spannend. Ich würde mir wünschen, dass wir irgendwann aufhören, ständig zu vergleichen, und stattdessen die Leistung für sich stehen lassen.
Ich bekomme auf Social mehr Nachrichten zu meiner Hose als zu meiner Expertise.
Hat sich Ihr Verhältnis zu Leistung im Laufe der Jahre verändert?
Ich setze mir immer noch Ziele und will alles, was ich angehe, gut machen. Aber ich merke schon, dass ich entspannter werde. Ich muss nicht mehr überall dabei sein und mache mittlerweile nichts mehr, worauf ich keine Lust habe. Sport gehört nach wie vor fast täglich zu meinem Leben. Aber früher habe ich sechs, sieben Stunden trainiert, um besser zu werden. Heute mache ich Sport, weil ich mich damit gut fühle und gesund bleiben möchte.
Was steht auf Ihrer persönlichen Bucketlist?
Ich bin mein ganzes Leben um die Welt gereist und habe gleichzeitig erstaunlich wenig gesehen, weil ich meistens auf einem Tennisplatz war. Jetzt möchte ich Österreich und Europa entdecken. Meinem Mann habe ich gesagt: Ich möchte auf jede Alm in Tirol. Da habe ich allerdings noch einiges zu tun. Wenn unser Sohn ganz flügge ist, möchte ich wieder mehr Zeit hier verbringen. Ganz zurückkommen werden wir wahrscheinlich nicht, mein Mann würde den Tiroler Winter als Australier vermutlich nicht überleben. (lacht) Aber egal, wie lange ich weg bin: Ich bin und bleibe mit Leib und Seele Tirolerin.
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Über die Autorin:

Leonie Werus betreut die Ressorts Genuss, Wohnen, Freizeit und Gesundheit. Sie ist ein echter Workhaholic und weiß jede Minute gut für sich zu nutzen. Mit ihren Airfryer, liebevoll Fritti genannt, probiert sie gerne neue Rezepte und versucht neben