Vier minus drei

Vier minus drei: Wie ein Unfall eine Familie auslöschte

Ein lautes farbkräftiges Ja zum Leben

10 Min.

© Nikolett Kustos/Alamode Film/Polyfilm

Sie verlor bei einem Unfall ihre Familie – und gab nicht auf. Wir trafen Barbara Pachl-Eberhart und Valerie Pachner, die echte und die Film-Mama, kurz vor der Berlinale-Weltpremiere von
„Vier minus drei“.

Ich packte Taschentücher ein. Doch sie blieben unangetastet. Beide Male. Ich erinnerte mich daran, dass mich damals jeder Beitrag, den ich hörte, las oder sah, zutiefst berührte. Der Unfall passierte im März 2008, an einem unbeschrankten Bahnübergang – und Barbara Pachl-Eberhart, die selbst nicht im Auto saß, verlor mit einem Schlag ihren Mann und ihre Kinder.

Im Schreiben fand sie einen Weg, mit ihrer Trauer umzugehen. Ihre Bücher „Vier minus drei“ oder „Warum gerade du?“ bewegten seither viele, viele Menschen.

Auch den Filmemacher Adrian Goiginger, der nun „Vier minus drei“ ins Kino bringt.
Ich durfte ihn vorab sehen – und ihn sehr intensiv spüren. Ich weinte aber nicht. Denn sehr oft, wenn die Tränen kommen, passiert im Film eine Wendung oder eine humorvolle Szene, die wie ein zartes, aber stabil geknüpftes Netz vor dem Fall in die Traurigkeit auffängt. Da ist immer irgendwo Licht.

Sie sehen es auf den Fotos selbst, auch beim Interview blieben die Taschentücher unberührt.
Wie überlebt man den schlimmsten Schmerz – und wie verkörpert man das vor der Kamera? Wie gelingt es, die Hoffnung nicht aufzugeben – und wie schenkt man sie Menschen vor der Kinoleinwand? Ein Gespräch mit Autorin Barbara Pachl-Eberhart und Schauspielerin Valerie Pachner über das Annehmen von Sackgassen – und die Beweglichkeit unseres Inneren.

Vier minus drei
© Vandehart Photography / Besondere Begegnung. Barbara Pachl-Eberhart und Valerie Pachner waren einander auf Anhieb sympathisch, beschreiben sie im Interview.

Wie geht es euch beiden?

Barbara Pachl-Eberhart: Wirklich gut. Ich habe momentan einen sehr guten Platz in meinem Leben. Ich bin dankbar, für alles, was rund um den Film passiert, und auch ein bisschen stolz, was alles entstehen durfte.

Valerie Pachner: Es macht mich glücklich, wenn ich Barbara so etwas sagen höre. Es war eine sehr berührende, erfüllende Arbeit mit allen Beteiligten.

Es gab schon früher Ideen, einen Film aus deinem Buch zu machen. Wieso kam es jetzt dazu?

Barbara Pachl-Eberhart: Es haben sich einige den Kopf darüber zerbrochen, wie die Übersetzung in einen Film gelingen kann, weil mein Buch stark von einem inneren Prozess handelt. Vieles ist zu Hause passiert, eingeigelt in meinem – wie ich es nenne – Kokon. Es kommen auch lustige Szenen vor, als ich versucht habe, mich wieder der Welt zu stellen. Aber da gab es viel mehr. Senad (Halilbašić, Drehbuchautor, Anm.) hat sich getraut, mich nach diesem „mehr“ zu fragen. Vielleicht war ich erst nach dieser langen Zeit in der Lage, wirklich über alles zu reden, auch über problematische Punkte.
Mein Trauerweg wurde immer als vorbildlicher Weg hingestellt. Einer der größten Stücke Arbeit war es, für den Film danach zu suchen, wo auch in mir Brüche waren, wo ich mal fehlgegangen bin, mich geirrt und verkrampft habe. Wir haben eine Geschichte gefunden, die ein bisschen andere Schwerpunkte setzt, als das Buch, aber genauso wahr ist.

Wie war eure erste Begegnung?

Valerie Pachner: Es war mir wichtig, dass ich davor schon mit dem Drehbuch arbeite. Ich wollte es vermeiden, in Barbara irgendwie „reinzukriechen“. Adrian (Goiginger, Anm.) und ich haben immer wieder besprochen, dass sie die Inspiration ist, aber es geht um eine Neuübersetzung, eine Art Erweiterung. Erst als ich mein eigenes Gefühl zur Figur hatte, haben Barbara und ich uns getroffen – und das war dann sehr schön.

Barbara: Ich habe in anderen Filmen gesehen, was rüberkommt, wenn Valerie sich einer Rolle annimmt. Dass sie sich meiner Geschichte annimmt, hat mich extrem entspannt. So wie ich mich vorher schon bei Adrian und Senad entspannen konnte, weil ich gespürt habe und immer mehr wissen durfte, dass meine Geschichte in richtigen Händen ist. Dass ich mich nicht zu fürchten brauche, dass etwas verzerrt wird. Der Bonus war, dass Valerie und ich uns grundsympathisch waren und auch einzelne Berührungspunkte gefunden haben: Wir waren teilweise an ähnlichen Plätzen, haben beide in Graz eine Sommerschule für Theater besucht – und: Darf ich das ausplaudern, Valerie? (Valerie nickt) Ein früherer Partner von Valerie war auch ein Clown (Barbara und Heli, ihr verstorbener Mann, waren Clowns, Anm.).

Wie war es für dich, den Film zu sehen?

Barbara: Sehr schön! – Ich hatte damals zum Begräbnis Freunde eingeladen, Geschichten mitzubringen, die sie mit meinem Mann und mit meinen Kindern erlebt haben. Das Leben, das chronologisch kein „Weiter“ mehr hatte, habe ich durch diese Geschichten weiter gemacht. Der Film ist auch ein bisschen so: eine Erweiterung von dem, was ich in mir abgespeichert habe.

Ich hatte auch Angst vor dem Schauen, vor Flashbacks. Aber mein jetziger Mann hat Händchen gehalten und wir haben gewusst, wir können auf Pause drücken. Ich habe dann sehr schnell im Film die Geschichte gesehen, die zwar sehr viel mit mir zu tun hat, aber so wie Valerie nicht in mich hineinkriechen wollte, bin auch ich nicht in sie auf dem Bildschirm hineingekrochen.

Du warst nur am ersten Drehtag dabei, war das eine bewusste Entscheidung?

Barbara: Ja, im gemeinsamen Einverständnis. Das wäre sonst so gewesen, wie in der Schule, wenn der Lehrer dir bei der Mathe-Arbeit über die Schulter schaut (lacht). An diesem ersten Drehtag habe ich mich – auf Einladung des Filmteams – ins Theater geschlichen und Robert Stadlober gesehen, wie er Helis Bühnenauftritt gespielt hat (als Clown, Anm.). Das hat mir Berge gegeben! Das ist bis heute eines der schönsten Dinge für mich: Die Würdigung des Lebenswerks meines geliebten ersten Mannes – neben der Botschaft, die diese Geschichte erzählt.

Was ist für euch die Botschaft des Films?

Barbara: Dass jeder Mensch seinen Weg findet – und dass er ihn nicht gleich findet. Es ist ein Suchen, aber jeder Schritt auf diesem Weg ist wichtig.

Valerie: Für mich geht es auch stark darum, anzunehmen, wo man ist. Das finde ich schön. Wir leben in einer Leistungsgesellschaft, wo es oft heißt, man müsse Visionen und Träume haben und sie nur verfolgen. Das stimmt nicht. Die erfüllen sich nicht immer für alle. Der Film erzählt, wie wichtig es ist, das zu schätzen, was man hat. Manches in gewisser Weise auch auszuhalten und darin eine Ruhe finden zu können.

Barbara: Das meiste, das wir uns wünschen, basiert auf dem, was wir schon kennen. Wir erinnern uns an Dinge, die uns glücklich gemacht haben und machen damit Hochrechnungen. Aber das Leben ist viel größer. Es kann so viel anderes kommen, auf das wir nie gekommen wären. Am kraftvollsten ist das Leben, wenn wir es freigeben, uns von Wünschen lösen und uns überraschen lassen.

Valerie, wie hast du es erlebt, Barbara zu verkörpern?

Valerie: Es gibt Figuren, die mich sehr viel kosten, weil sie zum Beispiel sehr hart zu sich selber sind. Das ist viel anstrengender als eine Figur, die zwar durch ein schlimmes Schicksal gehen muss, aber eine innere Stärke hat. Barbara hat mir Kraft gegeben. In ihr gab es den Versuch zu einer inneren Weite, zu einer inneren Helligkeit, das hat mich gewappnet, das war wunderbar.

Barbara, ist es für dich in Ordnung, wenn Menschen sagen, deine Biografie inspiriere sie?

Barbara: Menschen zu inspirieren, ist etwas Schönes, auch früher als Clown (bei den Roten Nasen, Anm.). Ich habe das einmal von der anderen Seite erlebt: Ich musste mit meinem Sohn für ein paar Tage ins Krankenhaus – und wir haben Clownbesuch von meinen Kolleg:innen bekommen. Da habe ich gemerkt, wie sich ein Raum, ein Tag völlig anders färben kann. Die Clowns singen ein komisches Lied, in dem die Geräte im Zimmer vorkommen und der Vorhang zum Abendkleid wird. Auf einmal siehst du dieselbe Situation anders. Das gilt nicht nur für den Moment, da ändert sich etwas im Blick. Auch das ist Inspiration: für andere ein Fenster aufzumachen, wo man vorher geglaubt hat, dass dort eine Wand ist.
Natürlich hätte ich lieber weiter als Clown oder als Schriftstellerin andere inspiriert und nicht so. Aber ich habe aus dem, was war, das Beste gemacht.

Ich mag es weniger, wenn man sagt, ich sei ein Vorbild. Die Menschen lesen dann vielleicht ein Rezept. Aber kein Leben lässt sich auf ein anderes übertragen. Wenn man aber inspiriert, gibt man nur eine Ahnung und öffnet neue Möglichkeitsräume.

Wie kann man deiner Meinung nach andere in schweren Zeiten gut unterstützen, was half dir?

Barbara: Unterstützen kann man nur Menschen, die bereit sind, sich unterstützen zu lassen. Ich war höchst bereit. An dem Tag, als mein Sohn im Krankenhaus als letzter gestorben ist, habe ich eine Krisennummer angerufen und erklärt, was passiert ist, dass ich stabil bin, aber dass ich einen Kontakt herstellen möchte, weil es sein kann, dass ich Hilfe brauchen werde.

Ich finde es sehr wichtig, dass Unterstützung nicht nur im Freundeskreis passiert. Einerseits sind Freunde selber sehr betroffen, andererseits hat man als Hauptbetroffene Angst, sie zu überfordern. Heute gibt es viele Möglichkeiten und gut ausgebildete Menschen. Ein Zauberwort lautet außerdem: Zeit.

Valerie, wie ging es dir damit, auch in Barbaras Clown-Alter-Ego zu schlüpfen?

Valerie: Ich wusste, dass das fern von Slapstick und etwas sehr Persönliches ist. Ich hatte doppelt Angst, weil ich einerseits vor der Herausforderung stand, in mein Clown-Sein reinzugehen, und andererseits Elemente von Barbaras Clown Heidi Appenzeller mitzunehmen: beispielsweise ihr Schweizerdeutsch und ihre Strenge.

Aber dann durfte ich tatsächlich erleben, was Barbara vorher beschrieben hat: wie ich von der harten Realität wegrücken konnte, wie man die gleiche Situation anders sehen kann. Als hätte man zwei Seiten im Kopf. Wir alle hatten Respekt vor dem Clown-Thema, aber dann hat es viel Spaß gemacht – und plötzlich haben sich immer alle am Set gefreut, wenn Heidi Appenzeller da war (lacht).

Barbara, was hat dir die Heidi gegeben?

Barbara: Heidi hat eine Art Servolenkung in mein Hirn gebaut: Ich bin relativ flott darin, umzulenken, meine Blickrichtung zu wechseln. Die Welt ist durch den Blick eines Clowns einfach schöner. Anders als Schauspieler:innen, die immer eine andere Figur spielen, hat man als Clown irgendwann seine Figur gefunden und die hat unglaublich viel mit einem selber zu tun. Vor allem mit den Seiten, die die besten Freunde besser kennen als man selbst. Die man vielleicht ein bisschen zu verstecken versucht (lacht). Ich arbeite nicht mehr als Clown, sondern bin Autorin. Die Heidi in meinem Herz sagt aber bis heute: Du hast immer die Wahl. Und du hast immer mehr als eine Wahl. Es gibt immer mehr als entweder oder.
Valerie: Das hat sie mir auch gegeben: Das Bewusstsein über die Beweglichkeit unseres Inneren und unserer emotionalen Welt. Wir halten manchmal sehr an einer Art zu denken oder zu fühlen fest, aber die innere Beweglichkeit wohnt jedem Menschen inne.

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