Guido Maria Kretschmer: “Vielleicht würden Frauen im Blütenkleid die Welt retten”
Der Stardesigner im Interview
© P&C
In Wien spricht Designer Guido Maria Kretschmer über romantische Mode, Authentizität beim Dating und seine Kollektion zur aktuellen Staffel von „Bridgerton“.
Ein Hauch von Romantik liegt in der Luft, als wir Guido Maria Kretschmer im ersten Wiener Bezirk treffen. Prunkvolle Altbauten, elegante Schaufenster, das geschäftige Treiben der Innenstadt. Eine Kulisse, die fast wie gemacht ist für ein Gespräch über Mode und große Gefühle. Passend, denn genau darum geht es auch in seiner neuen Kollektion zur aktuellen Staffel von „Bridgerton“. Der Designer spricht mit Begeisterung über Blütenkleider, Bouclé und die Kunst, Nostalgie ins Heute zu holen. Für ihn ist Mode nie nur Kleidung. „Es ist ein Lebensgefühl“, sagt er. Im Gespräch erzählt er, warum romantische Looks gerade jetzt ein Comeback erleben, weshalb man beim ersten Date keine „Mogelpackung“ sein sollte und warum ein Blütenkleid auch von einem „toughen, emanzipierten Girl“ getragen werden kann.
Warum funktioniert Romantik gerade jetzt so gut? Haben wir genug vom Minimalismus?
Guido Maria Kretschmer: Minimalismus bleibt. Wer sich mit Kunst beschäftigt, kommt irgendwann zur Reduktion. Less is more. Aber es gibt Phasen im Leben, da braucht man mehr. Wir leben in unsicheren Zeiten, mit viel Unruhe. Da ist es wichtig, Looks zu haben, die an Liebe, Zuneigung und Natur erinnern. Blüten und Candy Colors sind auch eine Hommage an den Frieden. Romantik bedeutet nicht, das Gehirn auszuschalten. Sie befeuert eine Sehnsucht nach einem glücklichen Leben, und das wünscht sich jeder Mensch. Ich bin überzeugt: Wenn mehr Frauen Verantwortung übernehmen würden, sähe vieles anders aus. Vielleicht würden sie im Blütenkleid die Welt retten. Mode zeigt, wie frei du bist. In einer Demokratie darfst du tragen, was du willst. Und das ist ein Privileg. Deshalb feiere ich Diversität im Stil.
Woran erkennt man auf den ersten Blick ein Guido-Design?
Ich mag eine feminine Handschrift. Ich komme aus dem klassischen Couture-Fach, deshalb liebe ich Kleidung, die für sich stehen kann und etwas Besonderes sein darf. Wir versuchen immer, gute Qualität zu machen, trotz demokratischer Preisgestaltung. Kleidung ist für mich nie nur Material. Es ist ein Lebensgefühl. Ich stelle mir immer vor, wer sie trägt und was diese Person erlebt.
Gibt es ein Detail, das unterschätzt wird, aber viel ausmacht?
Ja, zum Beispiel Taschenlösungen oder eine Bluse, die sowohl bei viel als auch bei wenig Busen gut sitzt. Gerade Frauen mit mehr Form lieben romantische Mode sehr. Aber sie muss fair gestaltet sein, für schmale wie für kurvigere Frauen. Das sieht man auch in „Bridgerton“. Die Figuren sind romantisch gekleidet, wirken fast wie Püppchen, sind aber emanzipierte, toughe Frauen mit starkem Gegenwartsbezug. Ein Blütenkleid bedeutet nicht, dass man schwach ist. Man kann ein toughes, emanzipiertes Girl im Blütenkleid sein. Ich nenne das emanzipierte Blütenmädchen.
Stichwort Romantik: Was wäre das perfekte Outfit für ein Date?
Ich sage immer: „Don’t give what you never will be.“ Du solltest keine Mogelpackung sein. Wenn da der Richtige sitzt, dann will der das Richtige sehen. Kleidung erzählt nonverbal, wer du bist und was du sein könntest. Auf Dauer zählt Authentizität. Am attraktivsten sind für mich Menschen, die charmant, ehrlich und leicht sind. Auch mit Fehlern. Aber man sollte immer bei sich bleiben und respektvoll sein.
Du beschäftigst dich nicht nur mit Mode, sondern auch viel mit Menschen und Lebensfragen. Woher kommt das?
Mode hat immer mit Menschen zu tun. Du bist nur ein guter Designer, wenn du weißt, wer die Menschen sind, für die du entwirfst. Wenn du sie magst und verstehst. Deshalb habe ich auch meinen Podcast „feinstoff“ gemacht. Neben Fernsehen und Mode wollte ich einen Raum haben, um über das Leben zu sprechen. Man hat eine Verantwortung. Alles andere ist Firlefanz.

Wenn du fünf Kleidungsstücke auswählen müsstest, damit eine Frau gut angezogen ist: Was sollte im Kleiderschrank sein?
Gut angezogen ist relativ. Wichtiger ist, dass man sich wohlfühlt. Ich würde auf jeden Fall ein gutes Strickteil nehmen, etwas, das warm hält, lässig funktioniert, aber sich auch aufwerten lässt. Dann eine gut sitzende Hose. Das kann eine Jeans sein oder eine Stoffhose. Ganz wichtig ist ein perfekt sitzender BH, angepasst von einer Fachkraft. Viele Frauen tragen die falsche Größe und denken dann, sie müssten ihren Busen operieren lassen. Wenn sie einmal die richtige Größe hätten, würden sie merken, dass vieles ganz wunderbar funktioniert. Außerdem ein gutes Kleid. Ein Stück, in dem du dich als Frau richtig fühlst. Ein Kleid, das du zu verschiedenen Anlässen tragen kannst und das deiner Form schmeichelt. Und gute Wäsche, die dich begleitet. Aber ganz ehrlich: Fünf sind wenig. Mit nur fünf Teilen wird es schwierig. Als Frau, und eigentlich als Mensch, braucht man mehr. Vielleicht 35 (lacht). Mode ist die Haut der Seele. Das sage ich immer, und das stimmt auch.
Wie kam es zu deiner Bridgerton-Kollektion?
Für die vierte Staffel von Bridgerton wurde ein Designer gesucht, der das umsetzen kann. Da fiel die Wahl auf mich. Sie haben gefragt: „Guido, kannst du dir das vorstellen?“ Ich fand das eine große Ehre und habe mich sehr gefreut. Ich mochte Bridgerton sehr, die ersten Staffeln fand ich toll, und ich kannte mich in dieser Welt aus. Ich glaube, sie wollten einen Designer mit einer Affinität zur Romantik, jemanden, dem das nicht schwerfällt und der auch historisch ein gutes Verständnis hat. Wir haben sehr viele Entwürfe gemacht, viel zu viele, und mussten am Ende stark reduzieren.
Wie schwer fiel es dir, dich auf 26 Styles zu beschränken?
Sehr schwer. 26 ist wenig. Es waren sehr, sehr viele Entwürfe. Ich mache es immer so: Ich entwerfe alles am Wochenende und gebe es am Montag dem Team. Dann fliegt automatisch schon etwas raus. Es ist ein bisschen wie Kinder langsam in die Schule schicken. Irgendwann muss man sie laufen lassen. Am Ende entscheiden auch andere mit. Für ein oder zwei Teile habe ich wirklich gekämpft. Als ich dann die Chanel-Show in Paris gesehen habe, die sehr romantisch war, dachte ich: Guck mal, wie gut, wir waren früh dran. Das, was dort jetzt kommt, haben wir schon gemacht. Mode wird gerade wieder romantischer.
Hast du ein Lieblings-Piece?
Vielleicht genau das, für das ich kämpfen musste: die kleine Bouclé-Weste. Bouclé ist ein bisschen Retro, die Knöpfe auch. Man kann die Weste vielseitig kombinieren. Sie schafft beides, modern und nostalgisch. Ich mag aber auch alle Teile mit verschiedenen Größenvariationen sehr. Und ich liebe die Blütenkleider. Ich hatte kürzlich einige Meet-and-Greets im Rahmen des Kollektions-Launchs, und das war ganz rührend. Da habe ich eine ganz junge Frau darin gesehen. Und eine Dame, 89 Jahre alt, stand dort und trug dieselbe Bluse. Da dachte ich: So muss Mode sein. Sie muss ein Gefühl geben. Romantik bleibt, egal in welchem Alter. Dieser generationenübergreifende Gedanke gefällt mir sehr.
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