Revolution auf Papier

Autorin und Influencerin Jaqueline Scheiber im Interview

11 Min.

© Sophie Nawratil

Offen, ehrlich und ungeschönt – Jaqueline Scheiber macht nicht nur ihre psychische Erkrankung öffentlich, sondern reflektiert präzise, warum sie es für heilsam hält, die Stimme für sich selbst zu erheben und sich in Bezug auf Themen wie Trauer, Liebe oder Body Neutrality Gehör zu verschaffen.

Ein Beginn ist etwas, worauf etwas anderes folgt.

-Jaqueline Scheiber

Autorin und Sozialarbeiterin Jaqueline Scheiber – auch bekannt als @minusgold – teilt mit ihren fast 44.000 Follower:innen auf Instagram intime Momente und bezeichnet sich selbst als „Leuchtreklame“. Ungefiltert und ohne viel Schnickschnack zeigt sie sich so, wie sie ist, und steht stellvertretend für all jene, die sich geblendet durch die Außenwelt falsch in ihren Körpern und Emotionen fühlen. In einem Interview erzählt sie uns, was sie dazu bewegt hat, ihr erstes Buch „Offenheit“ zu überarbeiten, und wie sie es schafft, die Grenze zwischen Privatem und der Öffentlichkeit zu ziehen.

© Sophie Nawratil

In „ungeschönt“ geht es unter anderem um Feminismus, Bodyshaming und psychische Gesundheit. Was motivierte dich dazu, dein erstes Buch „Offenheit“ im Zuge dessen nochmals zu überarbeiten?

Jaqueline Scheiber: Meine größte Kritik an „Offenheit“ war immer, dass es aufgrund der Tatsache, dass es eben ein Essay ist, sehr kurz gegriffen ist. Rückblickend betrachtet konnte ich darin viele Themen nur oberflächlich streifen. An ein fertiges Manuskript nochmal heranzugehen und zu schauen, was sich alles verändert hat oder was ich mittlerweile anders ausdrücken möchte, war herausfordernd. Im Endeffekt hat sich nämlich herausgestellt, dass ich alles ändern wollte – daher ist sehr wenig stehengeblieben. Trotzdem habe ich den Prozess sehr genossen, da ich mit „ungeschönt“ für mich nochmals einen Kreis schließen konnte und nun wirklich sagen kann, dass darin genau steht, wie ich zu den jeweiligen Thematiken stehe.

Obwohl wir uns der Tatsache bewusst sind, dass äußere Merkmale vergänglich und den Witterungen des Lebens ausgesetzt sind, messen wir ihnen immernoch zu viel Bedeutung zu.

-Jaqueline Scheiber

Wie hast du es geschafft bzw. wie schaffst du es, immer wieder aufs Neue die Scham in Bezug auf deinen Körper und deine psychische Gesundheit hinter dir zu lassen? Gibt es einen „Leitfaden“, wie das auch anderen gelingen kann?

Erstens einmal fehlt mir der Mechanismus, den ganz viele Menschen automatisch in sich tragen – nämlich diese innerlichen Alarmglocken, die einem signalisieren, dass etwas peinlich sein könnte. Mir ist durchaus bewusst, dass ich mich wahrscheinlich für manche Sachen schämen müsste. Gleichzeitig spürt man beim genaueren Betrachten der Situation, dass man sich schämt. Genau dann ist es wichtig, sich einen Moment Zeit zu nehmen und zu überlegen, woher das kommt. Scham ist meistens ein Gefühl, das uns signalisiert: „Du bist ein totaler Alien, und du bist die einzige Person, die so ist.“ Sobald man es jedoch ausspricht, bemerkt man, dass so viele andere Menschen ähnliche Gedanken haben. Spätestens dann hebt sich das unangenehme Gefühl auf, und es ist gar nicht mehr so schlimm, wie ursprünglich gedacht.

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Kannst du für solch eine Situation vielleicht ein konkretes Beispiel nennen?

Im privaten Rahmen zum Beispiel schämen sich viele, sich das erste Mal vor ihrem:r Partner:in auszuziehen, da eine enorme Unsicherheit in Bezug auf den eigenen Körper vorherrscht. Aber wichtig ist, sich die Frage zu stellen: Warum ist das so? Der Umgang mit solchen Situationen ist wie ein Muskel, den man trainieren kann. Man stellt sich, probiert unterschiedliche Wege aus, um damit klarzukommen, und sobald man wieder in seinen Safe-Space zurückkommt, merkt man meistens, dass es halb so wild war.

Der Drang zu überleben und Dinge zu bewältigen liegt in den meisten von uns tief verankert und wird eine Möglichkeit finden, sich auszuformulieren.

-Jaqueline Scheiber

Wie hat deine Arbeit im sozialen Bereich dein heutiges Ich beeinflusst?

Die soziale Arbeit spielt bis heute eine große Rolle für mich und mein Schreiben. Mit 21 Jahren habe ich angefangen, im illegalen Suchtbereich zu arbeiten. Das heißt, manchmal standen 60-jährige Drogenabhängige vor mir, die gewalttätig waren. Dadurch habe ich schnell lernen müssen, mich in einem unangenehmen Kontext zu behaupten. Ich habe gesehen, dass es viele Leute gibt, die um ihre Existenz bangen müssen, daher habe ich das Gefühl, dass – und das meine ich keinesfalls abwertend – die Themen, mit denen ich mich heute beschäftige, zwar durchaus wichtig sind, jedoch nicht für alle Menschen relevant sind. Das war bedeutend für mein heutiges Auftreten und wie ich mit Leuten spreche.

Wie hast du dich diesen Situationen, die gewiss herausfordernd waren, gestellt?

Ein unangenehmes Gefühl gehört selbstverständlich dazu. Es gibt allerdings einige Faktoren, die das schmälern können – etwa zu zweit in ein Gespräch zu gehen, die Türe offen zu lassen und das Ganze im Anschluss für sich selbst zu reflektieren.

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Die Selbstreflexion stellt für uns alle eine hohe Kunst dar. Gibt es sowas wie ein Rezept für die Umsetzung?

Die Frage, die sich dabei stellt, ist: Was ist der Anspruch? Sich selbst immer wieder hinterfragen zu können, ist ein wahres Luxusgut. Viele Menschen haben gar nicht die Ressourcen, sich darüber Gedanken zu machen. Wenn man sich allerdings in der privilegierten Situation befindet, sich mit dem eigenen Tun und sich selbst auseinanderzusetzen, betrachte ich die Selbstreflexion als unbedingt notwendig. Gespräche mit dem:r Partner:in, der Familie, Freund:innen zu führen, lernen, wie Beziehungsdynamiken funktionieren, sich in diesen Dynamiken zu verorten und das eigene Verhalten in unterschiedlichen Situationen zu beobachten – all diese Dinge können zu mehr Klarheit beitragen.

Vorurteile können großen Einfluss auf unser Verhalten gegenüber anderen haben. Wie gehst du mit diesem „Schubladendenken“ um?

In erster Linie sind Vorurteile sehr hilfreich. Wir brauchen sie, um uns zu orientieren. Daher ist es wichtig, Menschen begreifbar zu machen, dass dieses „In-Schubladen-Stecken“ nur menschlich ist. Die Frage ist nur, was tut man, wenn jemand bereits einen Stempel aufgesetzt bekommen hat? Schafft man es dann, den Gap zu halten und dem: derjenigen die Chance zu geben, eine andere Erfahrung zu bieten? Wenn ich in Tirol beispielsweise auf einen Menschen treffe, der eine Funktionsjacke trägt, gehe ich automatisch davon aus, dass der:diejenige sehr sportlich ist und bei der nächsten Gelegenheit sein Knäckebrot aus der Tasche holt. Sobald wir aber ins Gespräch kommen und ich erfahre, dass die Jacke nur wegen dem kalten Wind getragen wird, habe ich dieser Person die Chance gegeben, jemand anderes zu sein, selbst wenn ich vorher eine andere Meinung hatte. Ich würde daher gar nicht den ersten Schritt unterbinden, sondern eher den zweiten befeuern, indem wir trotz Vorurteilen ins Gespräch kommen und uns gegenseitig die Möglichkeit geben, uns so zu zeigen, wie wir wirklich sind.

Meine Herkunft hat mich geprägt, hat mir zu denken gegeben und mir bewusst gemacht, dass viele Dinge, die ich für selbstverständlich hielt, für andere in weiter Ferne liegen.

-Jaqueline Scheiber

Auf Instagram teilst du einen großen Teil deines Lebens mit deiner Community und bezeichnest dich selbst auch als „Leuchtreklame“. Wie würdest du deinen Balanceakt zwischen Öffentlichkeit und Privatem beschreiben?

Das Amüsante an Leuchtreklamen ist ja, dass, wenn es dunkel wird, man sich selbst sieht. Genauso wie ich können sie mal blinken und kaputt sein. Generell bin ich sehr dankbar dafür, dass meine Online-Präsenz langsam und organisch gewachsen ist. Das heißt, so etwas wie einen Wachstumsschmerz – wie es bei unzähligen anderen Blogger:innen der Fall war und ist – gab es bei mir nicht. Mit 15 Jahren habe ich mit meinem Blog angefangen, und seitdem ist meine Zielgruppe stetig gewachsen. Somit entstanden für mich auch keine Situationen, in denen mich Leute vor allem in Wien oder in Österreich von heute auf morgen auf der Straße angesprochen haben. Ich konnte selbst ein bisschen mitwachsen und überlegen, wo meine private Grenze ist.

© Sophie Nawratil

Wo ziehst du diese Grenze?

Natürlich muss jede:r für sich selbst herausfinden, was sich richtig anfühlt. In der Vergangenheit gibt es allerdings gewisse Dinge, die ich so heute nicht mehr machen würde und wo ich mittlerweile viel strenger differenziere. Seit einem Jahr zum Beispiel gibt es für mich im Urlaub kein Social Media mehr, oder wenn ich mit Freund:innen etwas unternehme, dann lege ich bewusst das Smartphone aus der Hand. Früher waren diese Grenzen verschwommen, da man beinahe alles mit der Welt geteilt hat. Natürlich gibt es Kontexte, wo das nach wie vor reinpasst, aber ich habe einfach gemerkt, dass es wichtig ist, mein Privatleben zu schützen, damit sozusagen eine private Person von mir übrigbleibt.

Warum glaubst du, werden Themen wie die psychische Gesundheit und Bodyshaming von der Gesellschaft einfach totgeschwiegen?

Diese Frage ist schwer zu beantworten, da es ein Thema ist, das uns alle beschäftigt. Die eine Schiene ist eine politische oder auch eine patriarchal-gedachte. Das heißt, alles liegt sozusagen einem System zugrunde, indem es von Natur aus so gegeben ist, dass Frauen im Hinblick auf ihr Äußeres sozialisiert werden und eher dafür belohnt werden, wenn sie gut aussehen; dafür „bestraft“ werden oder Nachteile erfahren müssen, wenn sie einem Schönheitsideal nicht entsprechen und bei Männern viel schneller die emotionale Entwicklung vernachlässigt wird. Das führt dann dazu, dass wir uns nicht trauen, uns über abweichende Körpernormen zu unterhalten, weil die Scham darüber so groß ist und weil wir in solch einer Überzeugung davon leben, dass dies was Schlimmes ist. Es gibt sogar Menschen, die davon überzeugt sind, dass Unattraktivität das Schlimmste ist, was passieren kann. Leider hat es aber auch Konsequenzen, wenn man unattraktiv ist: Die Leute sind nicht so freundlich mit einem, man bekommt nicht so schnell einen Job oder kann nicht einfach in einen Laden gehen und sich problemlos etwas Passendes aussuchen. Ich finde nur, dass dies nicht der springende Wert ist. Äußerlichkeiten haben ganz viel mit unseren Sehgewohnheiten zu tun. Meine Idee von Attraktivität hat sich beispielsweise enorm verändert, seit ich mir andere Menschenbilder ansehe als jene, die plakatiert und stereotypisiert werden.

Auf Gedanken müssen Taten – wie etwa die Beteiligung an politischem Aktivismus – folgen.

-Jaqueline Scheiber

Meinst du, dass die Gesellschaft sich langsam auf dem richtigen Weg zur „Bodypositivity“ befindet?

Es hat sich schon was getan, aber ich finde es auch wichtig, nicht nur zu sagen, dass es keine perfekte Körperform gibt, sondern dieses Thema auch in Kontexten wie dem Tanzen etwa oder bei einem ästhetischen Fotoshooting umzusetzen. Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Lechner hat mir beispielsweise eben erst bei einem Podium von ihrem Konzertbesuch von Sängerin Lizzo erzählt. Dabei kam für uns die Tatsache auf, dass wir es einfach nicht gewohnt sind, „dicke“ Körper tanzen zu sehen. Natürlich sieht es anders aus, aber es ist nicht weniger ästhetisch. Darüber habe ich noch lange nachgedacht.

Wir alle wollen Ruhe und Glück in uns selbst finden. Glaubst du, dass dies in Zeiten von Social Media und Co überhaupt noch möglich ist?

Ich glaube schon, dass es möglich ist, insofern wir es immer wieder schaffen, uns daran zu erinnern, worum es wirklich geht, und das auch fühlen zu können. Ich erlebe immer wieder Momente, in denen ich ehrfürchtig werde und mir bewusst wird, welche tollen Menschen ich in meinem Leben habe und dass ich die Möglichkeit habe, meinen Träumen nachzugehen und mir selbst Ausdruck zu verleihen. Das beschert mir großes Glück. Ruhe kommt dann, wenn wir uns von unserem Handeln und unserem Leisten loslösen können und verinnerlichen, dass sich die Erde auch zwei Tage ohne einen Post auf Instagram weiterdreht. Das ist einerseits extrem schwer, da wir alle gelernt haben, dass wir dafür „belohnt“ werden, wenn wir auf Social Media toll performen, doch machbar ist es auf jeden Fall.

Welche Projekte stehen in Zukunft so an, worauf freust du dich ganz besonders?

Seit Herbst arbeite ich an meinem Debütroman – das wird also sicher das nächste große Projekt werden. Außerdem wird es für mich nächstes Jahr im Frühling wieder in Richtung Bühneninszenierung mit vielleicht sogar schauspielerischen Aspekten gehen. Momentan arbeite ich ganz konkret auch an meiner eigenen Kolumne, mit der ich als Überbrückung bis zu meinem nächsten Buch etwas Schönes in gedruckter Form schaffen möchte.

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