Luna Wedler: “Frauenhass und die Gewalt an Frauen sind Realität”
Die Schauspielerin im Interview
© Zieglerfilm Baden Baden XVerleih AG
Sie spielt nicht, sie taucht mit Haut und Haaren in ihre Rollen – und wenn sie vom Dreh Abschied nimmt, nimmt sie ihre Figuren als Freund:innen mit. Und der Freund:innenkreis wächst bei Luna Wedler außergewöhnlich rasant. Zum Start zweier Filme trafen wir die herausragende Künstlerin zum Interview.
Hugo Drowak hat sich in seiner Wohnung mit jeder Menge Alkohol und Zigaretten verschanzt. Er pflegt sich nicht und wirft „Pissbomben“ aus dem Fenster. Als Lena Jacobi bei ihm auftaucht, ist der widerliche Gestank das geringere Übel, das ihr entgegenschlägt. Das größere sind seine Wut und sein Hass.
„Was fehlt Ihnen zum Glück?“, fragt sie ihn. „Die Abwesenheit aller Menschen“, entgegnet er. Doch die junge Frau, die ihn im Rahmen eines Resozialisierungsprogramms zum kreativen Schreiben bewegen soll, lässt sich von all dem nicht beirren. Sie muss sich das erst gar nicht bewusst zum Ziel stecken, sie sucht ganz selbstverständlich und mit viel Vertrauen nach dem Guten in ihm – mit Erfolg.
Das Schöne erwacht, es beginnt zu blühen, Hugo reist auf einer alten Schreibmaschine in eine Vergangenheit, in der er sich in seine „Glücksverströmerin“ Anna verliebte. Parallel dazu erwachen in ihm auch jene Dämonen, die er seit Jahren mit Alkohol betäubte.
Mit „Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ komponierte Regisseur Nicolas Steiner einen zutiefst bewegenden Film, der tragisch und komisch sein kann: über das Zuhören, das Aufeinanderzugehen und über Empathie. Darüber, wie wir mit Interesse füreinander Brücken zueinander bauen können. Nach dem Drehbuch von Bettina Gundermann lässt er schwarzweiße Szenen mit Rückblicken tanzen, die in Farbe leuchten, und inmitten von schrägen Betonbauten spielt ein sagenhaftes Duo: Karl Markovics verkörpert Hugo Drowak, Luna Wedler spielt die herzlich motivierte Schreibtrainerin Lena Jacobi. – An ihr, der herausragenden jungen Künstlerin aus der Schweiz, kommt man aktuell kaum vorbei.
Ihr Senkrechtstart begann nicht erst gestern; Hauptrollen spielte Luna Wedler schon in den vergangenen Jahren etwa in der erfolgreichen Netflix-Serie „Biohackers“ oder im zauberhaften Kinofilm „Was man von hier aus sehen kann“, im viel beachteten Instagram-Projekt @ichbinsophiescholl war sie Sophie Scholl.
Seit Monaten nunmehr ist die 25-Jährige aber sozusagen Stammgästin auf der Kinoleinwand: Vergangenen Herbst überzeugte sie als Tilda in Caroline Wahls Romanverfilmung „22 Bahnen“, am 9. Februar startet „Silent Friend“, und Herrn Drowak greift sie ab 20. Februar unter die Arme.
„Sie ist eine Naturgewalt, zerbrechlich und robust zugleich, mit einem großartigen Sinn für Humor“, sagt die preisgekrönte und Oscar nominierte Regisseurin Ildikó Enyedi. In ihrem Film „Silent Friend“ schlüpfte Luna Wedler in die Rolle der zielstrebigen Grete, der ersten Biologiestudentin der Universität Marburg; bei der Weltpremiere bei den Internationalen Filmfestspielen in Venedig wurde sie 2025 mit dem Marcello-Mastroianni-Preis für die beste junge Entdeckung ausgezeichnet.
Viele Hauptrollen, viele Preise – und der rote Teppich. Wie geht es dir damit?
Luna Wedler: Ich bin extrem dankbar. Ich war 15, als ich meine Leidenschaft gefunden habe, und darf seither so viel lernen. Es ist wundervoll und überwältigend – und manchmal ein bisschen krass (lacht).
Du wirst beispielsweise als die Schweizer Überfliegerin bezeichnet. Zu Recht! – Was ist dein „Geheimnis“?
Ich glaube, dass ich es so sehr liebe. Aber ich liebe es nicht nur zu spielen, in dem Moment (beim Dreh, Anm.) bin ich die Figur. Es muss bei mir immer sehr echt und ehrlich sein, ich möchte keine halben Sachen. Wenn ich es mir nicht selbst glaube, dann mache ich es noch einmal und noch einmal. Ich will ganz für die Geschichten meiner Frauen und Figuren da sein.
Wie verabschiedest du dich von ihnen, wenn ein Film abgedreht ist?
Ich nehme sie mit. Das hört sich weird an, aber sie alle sind immer ein bisschen da. Sie werden zu meinen Freund:innen. Schwierig wird es, wenn ich gefragt werde, wen ich am liebsten gespielt habe, weil ich mir dann denke: Wenn ich eine nenne, sind die anderen böse (lacht). Ich kann mich schon extrem in meinen Figuren fallen lassen. Ob das so gesund ist, weiß ich nicht, aber das ist auch ein Prozess. Wenn ich drehe, schmeiße ich mich voll rein. Ich kann dabei alles rauslassen, und ich brauche das. Das Spielen ist auch ein bisschen meine Droge. Aber ich habe mich gebessert, ich kann nach einem Drehtag sagen: Heute treffe ich meine Freunde oder ich koche einfach etwas.
Wenn ein Dreh vorbei ist, kann sich das auch anfühlen wie ein Heartbreak, und es kann passieren, dass ich zwei oder drei Tage im Bett heule und erst langsam wieder zurückfinde. Es ist wichtig, auch das zuzulassen. Aber ich habe viele tolle Menschen um mich, meine Familie und Freund:innen, mit denen ich einfach sein kann und nichts sagen muss.
„Sie glauben an Engel, Herr Drowak?“ – dieser Film berührt auf vielen Ebenen. Welche Bedeutung hat er für dich?
Es ist ein Herzensprojekt, ein ganz wichtiger Film. Ich liebe das Zitat, wenn Marlon Lena fragt: „Was ist schon wichtig?“ – Und sie sagt: „Mitmenschlichkeit.“ Das bringt es auf den Punkt, das brauchen wir in der Welt. Ich würde viel geben, um noch einmal die Lena zu sein, weil es einfach so schön war. Ich konnte kaum das Set verlassen. Ich war vor Karl (Markovics, Anm.) mit dem Dreh fertig, bin aber den ganzen Tag noch dageblieben und am nächsten Tag noch einmal hingefahren. Ich vermisse Lena, ich habe ihr sogar einen Brief geschrieben. Der war nötig, um sie gehen lassen zu können – und darin steht auch: „P. S.: Vielleicht melde ich mich ab und zu bei dir.“
Was ist Lenas Antrieb, in einer Welt, in der vieles gar nicht schön ist?
Sie ist ein lebensfroher Mensch, trotz Unsicherheiten. Auch sie ist in ihrer Geschichte gefangen. Aber sie kennt ihren Wert und sieht das Schöne in den Menschen und in der Welt. Ich mag ihr Zitat: „Nur weil ich mein Herz auf der Zunge trage, bin ich noch lange nicht bekloppt.“ Sie konzentriert sich nicht auf die negativen Sachen. Sie redet einfach, und alles kommt von einem guten Ort.
Glaubst du an Engel?
Ja, aber nicht mit einer religiösen Haltung dahinter. Ich hatte schon als Kind das Gefühl, dass da immer irgendetwas da ist und guckt, wie es weitergeht. Ich vertraue sehr auf das Leben, mit all den Abgründen und den guten Sachen. Alles macht einen Sinn.
Frauenhass und die Gewalt an Frauen sind Realität, dagegen will ich kämpfen.
Luna Wedler, Schauspielerin
Zuletzt ist es aber schwerer geworden, oder?
Wenn man in die Welt sieht? – Ja, es ist beängstigend und gefährlich, was alles passiert. Vieles macht mich traurig. Vielleicht ist es naiv, aber ich wünsche mir so sehr Frieden. Ich glaube an das Gute im Menschen und hoffe, dass am Schluss die Menschlichkeit gewinnt. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll: Da ist die Klimakrise, der Rechtsruck … So viele Jahre haben Frauen für unsere Rechte gekämpft, damit wir besser leben dürfen, und dann kommen irgendwelche Männer, und es geht wieder rückwärts, das ist grausam. Die Opfer des Patriarchats, Frauenhass und die Gewalt an Frauen sind Realität, ich will mich in Zukunft verstärkt dagegen einsetzen und dagegen kämpfen.
Wenn ich heute Demos sehe und die Masse an Lichtern, dann spüre ich auch eine große Wucht, sodass hoffentlich das Gute gewinnen kann. Darum ist der Film so wichtig, weil er auch nichts schönredet, er ist auch brutal, tragisch und gesellschaftskritisch. Er spricht Sucht und Traumata an. Die junge Lena kommt aus einer Generation, die bereits sieht, da ist ein Problem, über das Herr Drowak schreiben sollte, wenn sie auch nicht weiß, was sie damit auslöst, wie groß die Dunkelheit darunter ist. Insbesondere Männer, aber wir alle sollten versuchen, unsere Dämonen nicht zu begraben, sondern sie so früh wie möglich angucken.
Ende Jänner kam Ildikó Enyedis „Silent Friend“ ins Kino, ein Film, der mehrere spannende neue Perspektiven eröffnet, etwa wie die Natur auf uns „blickt“. Auch da spielst du eine Hauptrolle. Deine Filme scheinen durchaus miteinander verbunden zu sein …
Ich denke immer: Ich kann nicht die ganze Welt verändern, aber ich kann im Kleinen, in meinem Umfeld oder mit meiner Arbeit versuchen, etwas Gutes zurückzugeben. Filme und Kino sind Orte, die verbinden, Empathie schaffen können. Ich möchte keine stereotypischen Sachen erzählen, sondern an Filmen arbeiten, die uns unser Gegenüber besser erklären und das Verständnis für die Komplexität der Menschen fördern.
Filme wie „Herr Drowak“ oder „Silent Friend“ hinterlassen uns mit Fragen und tragen dazu bei, dass wir miteinander reden, einander zuhören. Ein Film kann ein guter Anfangsort sein, eine Offenheit gegenüber anderen Meinungen zu entwickeln.