Jutta Treiber über “Kurztrip nach Absurdistan”, Jubiläen und Sehnsucht
Jutta Treiber feiert mit ihrer Familie 100 Jahre Kino und ihr 60. Buch – und dieses ist die erste Kooperation mit ihrem Mann, verrät sie bei unserem Besuch.
© Bildschön Fotos/Hanna Kleinschuster
Lassen Sie den folgenden Satz bitte kurz auf sich wirken: „Vor Freude über die unverhoffte Ehre, die ihm zuteil geworden war, machte er einen Kopfsprung ins Ehrengrab.“ Oder wie wäre es damit: „Nachdem die Ehefrau erfahren hatte, dass die ehemalige Geliebte ihres Mannes gestorben war, sagte sie: ,Mehr konnte sie nicht für uns tun.‘“
Die Minigeschichten stammen aus Jutta Treibers neuestem Werk „Kurztrip nach Absurdistan“ (erscheint am 10.09.206). Damit und mit einem herzerwärmenden Bilderbuch macht sie die 60 voll: 60 Bücher in 50 Jahren als Autorin. Für die Familie Treiber ist es heuer ein Jahr der Jubiläen: 100 Jahre Kino Oberpullendorf, 50 Jahre Kino Treiber – und 50 Jahre Schriftstellerin Jutta Treiber.
Ehe es mit den Festivitäten im Sommer losgeht, quetschte ich mich – zwischen Lesungen in Passau, Stoob und Wien – in ihren Terminkalender, um mit ihr aufregende Persönlichkeiten und bewegende Geschichten in Erinnerungen zu entdecken. Wir öffnen ein Album irgendwo mittendrin …

Wow, Valie Export! Die kürzlich verstorbene feministische Filmkünstlerin war bei euch?
Jutta Treiber: Ja! Joe (Spitzname ihres Mannes Hans Peter, Anm.) hat sie angeschrieben – und sie kam wirklich, um ihren damals aktuellen Film vorzustellen; das muss „Unsichtbare Gegner“ gewesen sein (Psycho-Science-Fiction, 1976/77, Anm.).
Jutta Treiber blättert zu den schwarzweißen Bildern.
Das ist das Hotel, das mein Großvater vor über 100 Jahren erbaut hat – im Keller hatte er das Kino. Er hat es aber finanziell nicht gepackt, zehn Jahre später hat er verkauft – und nachdem die Schulden beglichen waren, ging sich ein neues Kino am heutigen Standort aus (sie zeigt auf ein historisches Foto mit einem auffällig modernen Gebäude). Er ist aber leider schon 1937 gestorben; dann hat meine Großmutter übernommen – und später meine Tante.
Tolle Businessfrauen.
Ja, bei uns in der Familie gab es einige selbstständige Geschäftsfrauen: Meine Mutter hatte ein Möbelgeschäft, die andere Tante ein Glasgeschäft.
Ich kann mich jedenfalls noch gut an den Kino-Umbau 1955 erinnern, an die großen blauen Stoffbahnen für die Tapezierung des Saals. Ich war sechs Jahre alt und durfte beim Festakt unserem Ehrengast, der damals ganz jungen Schauspielerin Brigitte Antonius, einen Blumenstrauß überreichen, das war aufregend!
Ihr habt vor 50 Jahren übernommen – wie kam es dazu?
Meine Tante Margarethe Pini ist in Pension gegangen – und mein Mann und sein Vater hielten das Kino für eine Goldgrube. Ich war am Anfang gar nicht begeistert; ich war die Einzige, die erlebt hat, wie meine Tante von jeder Familienfeier hat wegrennen müssen, weil im Kino immer irgendetwas zu tun war.

War es eine Goldgrube?
In den 1950er-Jahren war es das – und auch als wir übernommen haben, in den 70ern und 80ern, ging es noch gut. Aber dann wurden es immer mehr Vorstellungen und immer weniger Leute. Irgendwann mussten wir beginnen, privates Geld reinzustecken.
Euer Kino ist wundervoll, aber habt ihr auch überlegt aufzuhören?
Ja, aber wenn man einmal in das eigene Kino so viel Zeit und Liebe reinsteckt … (seufzt und lächelt). Das aktuelle Geschäftsmodell ist eine Art Pop-up-Kino: Wir machen Filmtage – und zeigen weiterhin neben Mainstream- auch interessante Filme, für die wir uns zum Beispiel am „Falter“ orientieren.
1976 markiert auch den Beginn deiner Laufbahn als Schriftstellerin. Ihr habt beide am Gymnasium unterrichtet. Wie ging sich das alles aus?
Irgendwann gar nicht mehr. Mit 38 bin ich beim Einkaufen zusammengeklappt und 45 Minuten später im Krankenhaus aufgewacht. – So ging es nicht mehr weiter. Ich habe also pragmatisch überlegt: Für meine Kinder, meine alte Mutter, meinen behinderten Bruder und das Kino musste ich weiterhin da sein, das Schreiben wollte ich nicht aufgeben. Es blieb nur die Schule, der einzige Arbeitsplatz, wo ich ersetzbar war. Das ist mir aber nicht leicht gefallen, ich hab’ ja gerne unterrichtet – und als Autorin bin ich damals ganz am Anfang gestanden.
Du hast mit acht Jahren begonnen, Märchen zu schreiben. Wie kam das?
Ich denke mir im Nachhinein, dass das vielleicht mit der Geburt meines Bruders zusammenhängt. Er war von Geburt an behindert, das war vor 69 Jahren sehr schwierig; es gab damals keine Einrichtungen am Land, nichts, wo man sich beraten lassen, Hilfe holen konnte. Meine Mutter war traurig, mein Vater hat sich da ganz rausgenommen – und mit mir hat niemand geredet. Ich war sehr sprachlos und allein damit, da habe ich vermutlich begonnen, mir schreibend Fantasiewelten zu erschaffen.
Die Ideen sind dir nie ausgegangen. Kennst du Schreibblockaden?
Das ist normal, dass einem mal nichts einfällt. Mich beunruhigt das nicht; man bringt auch bei anderen Arbeiten manchmal nichts weiter. Dann mache ich eben etwas anderes.
Wie erlebst du das Schreiben?
Qualvoll, anstrengend! (lacht) Für mich ist Sprache Marmor: schwer zu bearbeiten. Das erlebt jeder anders; ich habe andere Autor*innen gefragt, an welches Material sie Sprache erinnert: Manche haben gesagt Holz oder sogar Lehm – ganz leicht zu formen. Ich habe einmal einen Sommer lang ein Hörspiel geschrieben und parallel dazu am Bau gearbeitet; für mich war beides gleich anstrengend.
Wie geht es dir, wenn ein Buch erscheint? Hast du ein Ritual?
Ich habe bis heute eine ungeheure Freude daran. Wenn das Paket mit den ersten Exemplaren kommt, öffne ich es ungeduldig. Dann signiere ich das erste Buch, schreibe das Datum und vielleicht einen Gedanken hinein, stelle es ins Regal. Ein zweites Exemplar kommt in den Lesereisekoffer, drei weitere schenke ich meinem Mann und meinen Kindern Bettina und Oliver.

Im September kommen Nr. 59 und 60. Mit einer Kostprobe aus „Kurztrip nach Absurdistan“ begann dieser Artikel – das war die erste Zusammenarbeit mit deinem Mann. Wie war das?
Super! Ich hatte eine Menge ganz kurze Geschichten geschrieben, manche mit zwei, drei Sätzen, manche mit einem Halbsatz. Aber da hat etwas gefehlt: Zeichnungen. Mein Mann und ich sind seit 58 Jahren verheiratet. Ich habe gewusst, dass er zeichnen kann. Ich habe ihm ein paar Ideen beschrieben und er hat sich da total reingetigert.
Was magst du über „Warum ist der Kakao so grau?“ verraten?
Das soll ein Bilderbuch zum Mutmachen sein – für Kinder in schwierigen Zeiten. Die Oberpullendorferin Nadine Kappacher hat dazu sehr schöne Illustrationen gemacht.
Wie geht es dir in diesen schwierigen Zeiten?
Ich habe mich jahrzehntelang engagiert, bin auf politische Demos gegangen, schreibe in meinen Büchern immer gegen den Krieg an, aber zum Protestieren bin ich zu müde. Ich bin beschäftigt mit dem Schreiben, meiner Familie, dem Kino, ich versuche das schreckliche Weltgeschehen nicht mehr so nahe an mich heranzulassen. Obwohl es dann doch nahe kommt (seufzt). Das Leben ist trotzdem sehr schön, uns geht es wahnsinnig gut in diesem Österreich, nur wissen das viele Leute nicht. Es passiert überall so viel Zerstörung, die Hungersnot steigt weiter, es ist wirklich deprimierend.

Wenn jeder nur einen Quadratmeter Gutes tut, entsteht ein großer blühender Garten.
Das Bilderbuch ist ein Gespräch zwischen einer Großmutter und ihrem Enkelkind. Es beginnt damit, dass die Farben verschwinden, das Kind bleibt im Bett liegen, es mag nicht mehr aufstehen – und fragt, warum es Kriege gibt. Die Oma sagt, sie versteht es selbst nicht, auch sie macht es traurig, aber sie sagt auch, dass die Zukunft die einzige Zeit ist, die wir gestalten können. Und wenn wir mutig, optimistisch und aufrichtig sind und jeder nur einen Quadratmeter Gutes tut, entsteht ein schöner großer blühender Garten.
Wie schön! Das ist bestimmt auch toll, wenn du daraus liest …
Ob für Kinder, Jugendliche oder Erwachsene: Ich bin auch weiterhin eine begeisterte Vor-Leserin. Mit Ende des Jahres werden es insgesamt 3.300 Lesungen sein, die ich in all den Jahren im In- und Ausland bis jetzt gemacht habe.
Wie blickst du in die Zukunft?
Ich freue mich jetzt auf die Kino-Feierlichkeiten im Sommer, die zwei neuen Bücher im September und einige Buchpräsentationen; bis Dezember bin ich sehr verplant und werde kaum zum Verschnaufen kommen, weiter denke ich jetzt noch nicht (lacht).
Lebst du eigentlich auch mal einfach so in den Tag hinein?
Nein, wirklich nicht, das habe ich mit fünf oder sechs Jahren gemacht.
Woher nimmst du deine Energie?
Meine beste Gabe ist vielleicht, dass ich gerne arbeite. Da ist es mir wurscht, ob ich das Klo putze oder etwas schreibe.
Hast du keine Sehnsucht, mal nur am Meer zu sitzen?
Doch, schon. Das geht hoffentlich auch irgendwann. Aber wenn neue Bücher rauskommen, wenn ich neue Lesetermine habe, dann macht mir das auch sehr viel Freude. Dann schaue ich halt nicht aufs Meer, sondern hüpfe in meinen kleinen Pool in Oberpullendorf (lacht).

100 Jahre Kino: Die Specials
Auftakt mit Gartenlesung:
„100 Jahre Kino Oberpullendorf – 50 Jahre Kino Treiber“, 22. Juli, 19 Uhr (Kinogarten, Rosengasse 1).
Jubiläums-Filmprogramm:
23. Juli bis 26. Juli, „Minions & Monsters“, „Paris Murder Mystery“, „Ein Münchner im Himmel“, „Hair“, „Der Fangschuss“, „Alles nur aus Liebe“, „Der Teufel trägt Prada 2“, „Der Buchspazierer“.
Festakt:
26. Juli, 10 Uhr, im großen Kinosaal – mit historischem Rückblick und persönlichen Erinnerungen, Musik mit „ConArco“.
Infos: kinooberpullendorf.at