Weltschmerz - Frau wirft den Kopf nach hinten

Weltschmerz – wenn die Welt zur Last wird.

Was steckt dahinter? Und was kann man tun, wenn die Last der Welt zu groß wird?

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© Pexels/Cottonbro Studio

Ein Vater, der in Trümmern nach seinen Kindern sucht und immer wieder verzweifelt ihre Namen ruft. Ein kleines Mädchen, das zitternd und mit Staub bedeckt auf dem Boden eines Krankenhauses sitzt. Ein Arzt, der weinend in die Kamera spricht und mit all seiner verbliebenen Kraft um Hilfe bittet. Diese und viele weitere schreckliche Bilder erreichen uns in der heutigen Zeit so gut wie täglich. Bilder von Zerstörung, Hilflosigkeit und Krieg. Bilder, die einen bis in die Nacht hinein begleiten und Spuren in Kopf und Herz hinterlassen. Spuren von Ohnmacht, Hilflosigkeit und Trauer. In der deutschen Sprache gibt es ein Wort für genau dieses Befinden: Weltschmerz.

gefühl von machtlosigkeit.

In der Epoche der Romantik war es der deutsche Schriftsteller Jean Paul, der den Begriff „Weltschmerz“ prägte. Dieser Ausdruck verweist auf ein Gefühl der Ohnmacht, das aufgrund der vermeintlichen Unzulänglichkeit der Welt entsteht. Doch was verbirgt sich wirklich hinter diesem Begriff ? Während sich die Menschen früher gerne mal melancholischen Gefühlen hingaben, wird Weltschmerz heute ganz anders wahrgenommen. Ob Krieg, Klimawandel, Pandemien oder soziale Ungerechtigkeiten – rund um die Uhr erreicht uns eine regelrechte Flut an negativen Nachrichten. Kein Wunder also, dass ein Gefühl von Hilflosigkeit entsteht. Zwar sind wir meist selbst nicht direkt von den Schreckensnachrichten betroffen, sitzen glücklicherweise im warmen Wohnzimmer und haben ein Dach über dem Kopf – trotzdem leiden wir mit, wenn die Welt leidet, und sind wie betäubt vom Gefühl der Machtlosigkeit. Wie man mit Weltschmerz umgehen und trotz der Nachrichtenlage zuversichtlich bleiben kann, erklärt Psychotherapeutin Alexandra Steiner-Mangweth im Interview.

Interview zum Thema Weltschmerz mit Psychotherapeutin
© Birgit Pichler

Der Begriff „Weltschmerz“ beschreibt „die tiefe Traurigkeit über die Unzulänglichkeit der Welt“. Warum leiden wir an der Welt?
Alexandra Steiner-Mangweth: Wir leiden, weil es viel Leid auf der Welt gibt und uns dieses nicht direkt betrifft. Heutzutage bekommen wir Nachrichten aus der ganzen Welt unmittelbar ins Wohnzimmer geliefert und somit auch Bilder, die Leid darstellen. Das kann natürlich sehr viel Schmerz in uns bewirken.

Wieso empfinden manche diesen Schmerz, andere aber nicht?
Das ist natürlich typabhängig, aber ich denke, das hat auf jeden Fall etwas damit zu tun, wie über Themen berichtet wird. Wenn die Berichterstattung reißerisch präsentiert wird, vor allem in Momenten, in denen man ohnehin schon emotional berührt ist, hat das einen besonders starken Einfluss. Vor allem auf sensible Menschen, die schnell berührt sind. Heutzutage hat sich die Bandbreite des Medienkonsums erweitert und das geschieht mit einer Leichtigkeit und Intensität, die es früher so nicht gab.

Pandemie, Kriege, Naturkatastrophen und Klimawandel – die bedrückenden Nachrichten überschlagen sich im Moment. Was kann man tun, wenn einen die Weltlage zu sehr beschäftigt?
Es gibt definitiv Möglichkeiten, mit dieser Überlastung umzugehen. Das richtige Maß ist entscheidend und man sollte bewusst nach Möglichkeiten zum Ausgleich suchen. Beispielsweise etwas Leichteres zusätzlich zu den belastenden Nachrichten zu konsumieren, wie ei- nen unterhaltsamen Film. Außerdem kann es helfen, wenn man negative Erlebnisse oder Gedanken mit einem anderen Menschen teilt – ein Gespräch darüber, was erfahren wurde, erleichtert oft. Sollte dies nicht ausreichen, ist es ratsam, professionelle Hilfe in Betracht zu ziehen.

Blume wirft Schatten auf das Dekollete einer Frau
© Unsplash/Anna Tarazevich

Welche Auswirkungen kann anhaltender Weltschmerz auf die psychische Gesundheit haben?
Wenn man kein angemessenes Maß findet und sich ständig mit negativen Nachrichten, Informationen und Ereignissen auseinandersetzt, kann dies erhebliche Auswirkungen auf die psychische Gesundheit haben. Es kann die Stimmung und das Wohlbefinden stark beeinträchtigen. Es ist bekannt, dass dies Indikatoren für erhöhten Stress, Angst oder Depression sein können. Sich ständig in einem Zustand des erhöhten Erregungsniveaus zu befinden, führt zu einer andauernden Belastung und Stressreaktion im Körper. Es ist ähnlich wie ein anhaltender Alarmzustand in der Person, der sich negativ auf die Gesundheit auswirken kann. Deshalb ist ein Ausgleich mit positiven Erlebnissen und schönen Momenten sehr wichtig.

Häufig sind das auch sehr explizite Fotos und Videos von Gräueltaten, die uns lange im Kopf bleiben. Inwiefern wirken solche Bilder anders als Nachrichten in Textform?
Je mehr von unseren fünf Sinnen – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten – angesprochen werden, desto mehr Eindruck hinterlässt etwas bei uns. Vor allem in Bezug auf Bilder und Videos ist es deswegen wichtig, sich bewusst zu sein, dass sie aufgrund ihrer multisensorischen Natur natürlich auch mehr Leid bei uns auslösen als beispielsweise Nachrichten in Textform.

Welche Ratschläge haben Sie für Menschen, um den Nachrichtenkonsum zu regulieren und sich vor „Doomscrolling“ zu schützen, während sie dennoch informiert bleiben wollen?
Doomscrolling bedeutet, sehr viel Zeit damit zu verbringen, schlechte und negative Nachrichten am Handy oder Computer zu lesen. Früher konnte man sich über Zeitungen informieren und dies nahm nur eine begrenzte Zeit in Anspruch. Heutzutage ist es anders, da wir durch die technologische Entwicklung ständig und überall mit Nachrichten konfrontiert werden. Es liegt an uns, eine Fähigkeit zur Selbstregulierung zu entwickeln und zu erkennen, wann es genug ist. Eine halbe Stunde bis eine Stunde am Tag könnte ausreichen, um sich zu informieren, ohne sich zu überfordern. Es geht darum, die richtige Balance zu finden, zwischen Informationen und Ausgleich, um eine psychische Homöostase zu schaffen – Spannung und Entspannung.

Blurred Foto von einer Großstadt
© Unsplash/Stas Ostrikov

Die Faktenlage lädt nicht gerade zu Zuversicht ein. In vielen Bereichen zeigt sich: Es wird so schnell nicht besser. Wie behält man trotzdem Zuversicht?
Das Geschehen in der Welt kann man als Einzelperson oft nicht wirklich beeinflussen. Wir können jedoch einiges für unser eigenes Wohlbefinden tun. Wenn man dennoch das Gefühl hat, dass die Belastung zu groß wird, beispielsweise bei Schlafproblemen oder Veränderung der Stimmung, sollte man dies ernst nehmen. In solchen Situationen ist es gut, sich Unterstützung zu suchen. Wichtig ist, dass wir uns trauen, uns auszutauschen. Manchmal haben wir das Gefühl, dass wir alles alleine bewältigen müssen, aber der Austausch von Erfahrungen und Gehörtem kann von großer Bedeutung sein.

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Kultur-Redakteurin Tjara-Marie Boine bei der TIROLERIN
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Tjara-Marie Boine ist Redakteurin für die Ressorts Business, Leben und Kultur. Ihr Herz schlägt für Katzen, Kaffee und Kuchen. Sie ist ein echter Bücherwurm und die erste Ansprechpartnerin, wenn es um Themen wie Feminismus, Gleichberechtigung und Intersektionalität geht.

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