Ein Schatten eines Menschen vor einer Wand

Rizzfluencer, Smart Glasses und Co.: Was wir gegen Pick-Up-Artists tun können

Pick-Up-Was?!

8 Min.

© Unsplash/ Claudio Schwarz

Es war eine harte Woche. Sie liegen endlich entspannt im Freibad auf einer Picknickdecke, vertieft in beispielsweise dieses Magazin. Ihre Freundin ist gerade mit zwei Eis in der Hand zurückgekehrt, ein ziemlich perfekter Sommermoment. Plötzlich steht ein Mann vor Ihnen, macht Ihnen ein Kompliment, er versucht es mit Humor. Sie verneinen, als er nach ihrer Nummer fragt. Völlig egal, warum.

Wenig später wird Ihnen genau diese Szene zugeschickt: Sie im Bikini, in die Sonne blinzelnd, höflich lächelnd – und den Kopf schüttelnd auf Social Media. Wie würde es Ihnen gehen? Würden Sie die Kommentare darunter lesen wollen?

Achtung, Kamera!

Als vor einigen Jahren eine meiner Freundinnen eine Brille mit Kamera mithatte, war das ein Partygag. Das Objektiv am Rahmen war nicht zu übersehen, wir haben uns gegenseitig gefilmt – und dabei gelacht. Ich dachte mir damals: ein teurer Spaß für James-Bond-Fans.

Die winzige Kamera der heutigen sogenannten Smart Glasses ist kaum zu sehen. Man kann damit – neben telefonieren und Musik hören – nahezu unbemerkt Videos aufnehmen; es leuchtet bei der Aufnahme nur ein winziges Licht. Das zusätzlich Perfide daran: Häufig handelt es sich bei den filmenden Aufreißern um sogenannte Pick-up-Artists (ab hier werde ich abkürzen und sie nicht als Künstler adeln) oder Rizzfluencer, die explizit mit ihren „Flirtqualitäten“ via Social Media prahlen – und das sogar als „Lehrmaterial“ vermarkten.

Der Reihe nach

Zeina erlebte einen solchen digitalen Übergriff in Hamburg. Das ohne ihr Einverständnis erstellte Video war bereits viral gegangen, als es ihr zugeschickt wurde; die Kommentare darunter: beleidigend und frauenverachtend. „Wie nuttig heut zu Tage die Weiber sind.“ „Hinter denen sind bessere Ärsche bra.“ „Viele nackte Frauenärsche. Das Paradies.“ Die junge Frau zitiert selbst einige daraus in der „Heimlich gefilmt“-Doku auf ARD (team recherche). Obwohl es ihr mit einem „Gegenvideo“ gelang, den Filmer zu überzeugen, die Aufnahme von ihr entfernen zu lassen, habe die Erfahrung sie nachhaltig verändert: „Leute mit Brillen haben es jetzt bei mir schwerer.“

Immer wieder werden haarsträubende Fälle bekannt, in denen heimlich Aufnahmen von Frauen gemacht wurden: Erst kürzlich waren es Fußballerinnen in einer Umkleide und in der Steiermark steht ein Arzt unter Verdacht, Patientinnen mit dem Handy gefilmt zu haben.

Die eingangs beschriebenen Rizzfluencer-Videos werden häufig direkt online gestellt, die Sozialen Medien sind voll davon. „Jede neue Technologie öffnet wieder eine Tür für die Manosphere“, bedauert Elli Scambor, Leiterin des Instituts für Männer- und Geschlechterforschung in Graz. „In dieser digitalen Männerwelt sind Frauen nur Statistinnen – oder das Ziel von Strategien.“

Eine Hand tippt auf der Tastatur eines Laptops
© Unsplash/ Ayush Sharma

Gruselige Vielfalt

Mittlerweile gibt es in diesem Netzwerk eine Reihe Communitys: Eine große Gruppe sind eben die Pick-up-A.s, die ihr „Können“ vermarkten und in Tutorials und Workshops anderen Männern beibringen wollen, wie sie Erfolg bei Frauen haben können. „In dieser Szene werden Frauen immer bewertet, auch in den Kommentaren von solchen Anbahnungsvideos; sie werden als Zielobjekte und kontrollierbare Wesen dargestellt, um intime Beziehungen geht es hier nicht“, weiß die Expertin.

Vergleichbare Gruppierungen sind weiters die viel zitierten Incels (involuntarily celibates, unfreiwillige Zölibatäre), die besonders misogyne Narrative ins Netz spielen, die „Men Going Their Own Way“, die sich zur Gänze von Frauen abwenden, Männer- und Väterrechtler – oder Datingcoaches, die oft nur auf den ersten Blick harmlose Tipps geben.

„Diese Gruppen verbindet, dass sie ,das feministische System‘ für – zumeist sehr komplexe – persönliche Probleme verantwortlich machen; ihre Botschaft lautet: Wenn du dein Leben verändern willst, musst du sicherstellen, dass du die Macht hast und die Frau sich unterordnet“, erklärt Elli Scambor. Wie das geht, meinen die Pick-up-A.s zu wissen: Bei ihnen sollen Männer lernen, wie man Frauen anspricht, ohne die Kontrolle zu verlieren, ohne einzuknicken; „Verletzlichkeit, Fürsorge, Charme oder Unsicherheit haben in der Manosphere keinen Platz.“

Das Rezept ist erschreckend einfach – und bedient Stereotype: muskulöser nackter Oberkörper, schnelle Autos, viele Frauen, viel Geld. „Ein Kollege hat einen Selbstversuch gemacht: Er hat sich auf Instagram als 14-jähriger Fußball- und Autofan ausgegeben, innerhalb von wenigen Minuten war Andrew Tate da“, beschreibt Elli Scambor. Also der bekannte enorm frauenfeindliche Influencer. Die Manosphere erreiche die Kids erstaunlich schnell, es tauchen tendenziell die voll ein, denen es gerade nicht gut geht. Wer vertrauensvolle Ansprechpersonen im analogen Raum hat, angefangen von einer entsprechenden Peer Group bis hin zu den Eltern, sei weniger empfänglich.

Personenkult

Es ist aber keineswegs so, dass nur Kids gefährdet wären, weiß Ulrike Schiesser, Leiterin der Bundesstelle für Sektenfragen. Das Feld, das die Einrichtung beackert, ist viel breiter, als man vermuten würde; neben Scientology, Prediger und Pyramidensystem, sind Vertreter der Manosphere fixer Bestandteil der Tätigkeit. „Um Flirtcoaches kann ein Personenkult entstehen, der schnell in ein sektenartiges System übergeht“, weiß die Psychologin Ulrike Schiesser.

Sie propagieren einfache Lösungen und einfache Männer- und Frauenbilder, „die Community erlebt sie zunächst als empowernd, ehe es ins Toxische kippen kann – und auch viel Geld fließt“. Da könne dann schnell mal ein exklusives Workshop-Wochenende auf Ibiza 8.000 Euro kosten. Geboten werde im Grunde so etwas wie ein Verkaufstraining, dazu ein bisschen NLP (Neurolinguistisches Programmieren; Kommunikationsmethode) – eben alles angepasst an das Frauen- und Flirtthema.

Der Hands-on-Ansatz wirke für viele überzeugend; das Programm reiche anfangs von Shoppen über Umstyling bis hin zu Übungen auf der Straße. „Es gibt durchaus mehr oder weniger sinnvolle Angebote. Aber die Botschaften kippen leicht ins Radikale, es heißt dann plötzlich: Der Mann ist der Jäger, die Frau will erobert werden. – Vom Ignorieren einer Abweisung sind wir dann schnell bei Abwertung und Frauenhass – und einer Bruderschaft, in der sich manche durchaus gut aufgehoben fühlen. Fast wie eine Pseudo- Therapiegruppe; denn gute Räume für den Austausch haben Männer leider bis heute zu wenige“, weiß Ulrike Schiesser.

Hände mit einem Handy in der Hand
© Pexels/ Limon Das

Scheinwelt

Andrew Tate hat bedauerlicherweise auch im Hinblick auf die Gewaltbereitschaft Nachahmer in Österreich; die rechtliche Verfolgung solcher Personen sei aber besonders schwer, weiß die Expertin, weil die Gewalt geschickt ideologisch verpackt und als Lifestyle präsentiert wird.

Die digitale Welt habe jedenfalls die Vielzahl und Möglichkeiten zweifelhafter Gurus geradezu explodieren lassen. „Viele Flirt- und andere Coaches agieren heute online und können eine Scheinwelt aufbauen, ihre Klientel sieht ja nicht, ob sie wirklich einen Luxuswagen und einen Privathubschrauber haben“, erklärt Ulrike Schiesser. „Frauenfeindliche Ideologien hatten wir immer schon, aber die Möglichkeiten, die jetzt einer Person offenstehen, andere zu beeinflussen, sind unglaublich.“

Ein großes Thema seien dabei Grenzüberschreitungen; Flirtcoaches brüsten sich gar damit, übergriffiges Videomaterial zu haben und darauf zu pfeifen, was die betroffene Person dazu sagt. „Sie filmen Frauen auch in intimen Situationen, beispielsweise unter der Dusche, und demonstrieren damit: Ich bin mächtig, ich kann das veröffentlichen. Vielleicht hat mich die Person sogar zurückgewiesen, aber ich räche mich.“
Für die Opfer sind die Videos höchst beschämend, sie bedeuten einen schlimmen Kontrollverlust. „Für das Opfer geht das mit einem Gefühl der Machtlosigkeit einher, für den Täter ist es Empowerment“, weiß Ulrike Schiesser.

Das Lebensglück lässt sich mit dieser Art von Tutorials gewiss nicht finden, dafür gibt es viel Geld zu verlieren. Der Appell der Leiterin der Bundesstelle für Sektenfragen: „Wir müssen kritischer und vorsichtiger sein – und uns auch immer vor Augen halten, dass die Plattformen (Social Media, Anm.) derzeit noch ein freies Buffett toxischer Ideologien und reine Geldmaschinen sind; wir müssen da jedenfalls als Gesellschaft massiver dagegen auftreten. Und wir sollten reflektieren: Auf welche Versprechen bin ich anfällig? Wie schütze ich mich vor Manipulation egomanischer
Influencer?“

Volksbegehren “Digital ist nicht egal”

Das Erschreckende ist: Selbst wenn man heimlich oder gegen den Willen gefilmt wird, hat man kaum eine rechtliche Grundlage dagegen vorzugehen, kritisiert die Männer- und Geschlechterforscherin Elli Scambor. „Das Problem ist, dass die technischen Entwicklungen sehr schnell passieren und die gesetzlichen Nachbesserungen hinterherhinken.“ Zwar können laut Website der Internet Ombudsstelle Bildnisschutz, Datenschutzrecht und Persönlichkeitsrechte Betroffenen rechtliche Möglichkeiten bieten. In der Praxis ist die Durchsetzung dieser Rechte jedoch oft schwierig, auch weil heimliche Aufnahmen zunächst nachgewiesen und den Verantwortlichen zugeordnet werden müssen.

„Digital ist nicht egal“ lautet der Titel des Volksbegehrens, das Hana Greiner mit Mitstreiterinnen initiierte. Als Anlass dafür nennen sie etwa die Zunahme von Deepfakes, digitale sexuelle Übergriffe und die nicht einvernehmliche Verbreitung intimer Bilder. Drei Maßnahmen werden gefordert: einen eigenen Straftatbestand im Strafgesetzbuch, die gesetzliche Verankerung von Beratungsstellen für Betroffene sowie niedrigschwellige und digitale Möglichkeiten zur Anzeigenstellung.

Bahnbrechende Erkenntnis: Caring Masculinity

Ein Schlüsselwort ist für Elli Scambor seit gut 30 Jahren ganz klar: die Prävention. „Wir müssen fürsorgliche Männlichkeit stärken und sichtbar machen – in der analogen und der digitalen Welt. Wir brauchen mehr Angebote für digitale Burschenarbeit, der digitale Raum ist ja per se kein schlechter Raum; er hat schon viel möglich gemacht, denken wir beispielsweise an die queere Szene.“

Die bahnbrechenden Ergebnisse einer ganz aktuellen Studie nähren außerdem das Engagement für Caring Masculinity, freut sich die Männer- und Geschlechterforscherin. Mehr als 2.000 Menschen wurden befragt – und es stellte sich heraus, dass wenn sowohl Entscheidungsmacht als auch Sorgearbeit aufgeteilt werden, sich das klar gewaltpräventiv auswirkt. Das Risiko für körperliche Gewalt ist in Familien am größten, wo der Vater das letzte Wort hat. „Frauen, die berichten, dass ihr Partner bei wichtigen Entscheidungen allein das letzte Wort hat, geben zu knapp 50 Prozent an, Partnerschaftsgewalt erfahren zu haben, wenn gemeinsam entschieden wird, ist die Wahrscheinlichkeit für Partnerschaftsgewalt gering.“

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