Mama werden: Schwangere Frau in weißem, langen Spitzenkleid steht mit geschlossenen Augen vor einem Ganzkörperspiegel und greift sich auf den Bauch.

Mama werden, wann ich will

Zu früh. Zu spät. Genau richtig? Gesellschaftlich gibt es immer einen falschen Zeitpunkt, Mutter zu werden – zu jung ist unverantwortlich, zu alt ist egoistisch. Zwei Frauen erzählen ihre Geschichten, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Und die zeigen: Der richtige Moment ist keine gesellschaftliche Frage. Sondern eine sehr persönliche.

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© Pexels/G_Masters

Sie schrieb die letzte Schularbeit mit dem Kind am Arm. Englisch, achte Klasse. Andrea Breithuber aus Graz fühlte sich damals – zum ersten Mal in einer Prüfungssituation überhaupt – vollkommen sicher. „Ich saß da mit einem Gefühl aus Freude und Stolz, weil sich das alles für mich absolut richtig anfühlte.“, sagt sie zum Thema “Mama werden”. Mit 20 war die Schülerin, die zwei Klassen wiederholt hatte, zum ersten Mal Mutter geworden.

Mutter sein ohne Einschränkung

Kurz davor hatte ein Junge aus einer anderen Schule gefragt, wann sie ihr Amt in der Schülervertretung nieder­lege. Andrea war zu dem Zeitpunkt hochschwanger. Ein absolutes Wunschkind. „Ich wollte immer schon jung Mutter werden. Ich habe aber auch nicht eingesehen, warum ich mich deshalb aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen sollte. Und so eine Aussage wie von diesem Burschen hat mich im Grunde nur noch mehr dazu motiviert, allen zu zeigen, zu was ich imstande war.“

Als ihre Tochter zwei Jahre alt war, machten sie und der Kindesvater einen Roadtrip durch Südfrankreich. „Überhaupt waren wir viel unterwegs und haben uns nicht einschränken lassen, weil wir Eltern waren“, resümiert sie diese Zeit. Heute ist Andrea 54, zweifache Großmutter, lebt mit Tochter, Schwiegersohn und zwei Enkeln im selben Mehrfamilienhaus in Graz – Hühner im Garten inklusive. „Ich mag es, Dinge anders zu machen, als man es vielleicht erwarten würde.“

Mama werden nicht wie geplant

Ganz anders verlief es bei Sieglinde Glatz. Mit 24 hat die Steirerin geheiratet und war grundsätzlich sehr offen für Nachwuchs. „Wir haben nicht verhütet, aber dennoch wurde ich nicht schwanger“, erzählt die Cranio­sacraltherapeutin. Rückblickend war das gut so. Die Ehe hielt nicht. Mit 33 kam die Trennung und Sieglinde richtete ihr Leben als Single ein. „Ich war mir damals sicher, dass das mit dem Kinderkriegen nichts mehr werden würde.“

Plot-Twist: Mit 38 wurde sie schwanger. „Gefühlswirrwar“ nennt sie das, was in ihr vorging. Eines war ihr aber schnell klar: Mit ihrem damaligen Partner wollte sie das gemeinsame Kind nicht großziehen. „Wir funktionierten einfach nicht auf Augenhöhe.“ Also trennte sie sich, noch bevor der Bauch zu sehen war. Ihr Umfeld wusste bis zum fünften Monat nichts – außer ihrer Schwester.

Ruhe statt Stress

Was sie ihrer späteren Mutterschaft heute zuschreibt, ist vor allem eines: Gelassenheit. Die Fähigkeit, innezuhalten und zu fragen, woher eine Reaktion wirklich kommt – ob sie aus der eigenen Kindheit stammt oder tatsächlich selbst entschieden ist. „Ich konnte in Ruhe durch die Schwangerschaft gehen“, sagt sie. Nie hatte sie das Gefühl, etwas zu verpassen.

Mit 44 wurde sie noch einmal schwanger. Die Reaktionen fielen diesmal anders aus. Von der Frauenärztin bis zur Nachbarin fragten viele, warum sie sich das noch mal antue. „Gott sei Dank war ich in meiner Persönlichkeit so gut angekommen, dass solche Kommentare wie Regen auf einer Pelerine abprallten.“

Der Druck von außen beim Mama werden

Damit ist Sieglinde nicht allein. Psychotherapeutin Kerstin Fieber begleitet Frauen in genau diesen Momenten – und hört in ihrer Praxis einen Satz, egal ob die Frau vor ihr 22 oder 42 ist: Kann ich das schaffen? Das gesellschaftliche Urteil sickert nach innen. Und dort wirkt es weiter. „Und so wird aus einer eigentlich persönlichen Entscheidung viel zu oft eine Frage des Zweifelns.“

Zu jung ist unverantwortlich, zu alt ist egoistisch – die Wissenschaft hat tatsächlich versucht, den richtigen Moment zu vermessen. Forscher der Semmelweis-Universität in Budapest analysierten über 31.000 Schwangerschaften mit bestätigten Geburtsfehlern und identifizierten ein Fenster: Frauen zwischen 23 und 32 Jahren haben das geringste Risiko für nicht-chromosomale Geburts­fehler. Neun Jahre. Bei sehr jungen Müttern spielen vor allem Lebensstilfaktoren eine Rolle, bei älteren die Alterung der Eizellen und nachlassende DNA-Reparaturmechanismen.

Die Realität hält sich wenig daran

Das Durchschnittsalter österreichischer Frauen bei der ersten Geburt lag 2023 bei 30,3 Jahren – vierzig Jahre zuvor waren es noch 23,8. Längere Ausbildungen, fehlende Kinderbetreuungsplätze, unsichere Arbeitsverhältnisse: Der richtige Zeitpunkt lässt sich eben nicht verordnen.

Wann wird aus dem gesellschaftlichen Rauschen aber eine echte Last? „Dann, wenn es nicht mehr nur im Hintergrund läuft, sondern das Leben bestimmt“, sagt Fieber. Wenn die Gedanken kreisen und sich nicht abstellen lassen. Wenn der Schlaf leidet. Wenn ein dauerhaftes Gefühl entsteht, grundsätzlich etwas falsch zu machen. Viele Frauen, die auf den richtigen Moment warten, erlebt sie als außerordentlich verantwortungsbewusst. Aber genau dieses Verantwortungsgefühl kann zur Falle werden: Das Aufschieben funktioniert oft als Risikovermeidung – was paradoxerweise zu noch mehr Druck führt, wenn gleichzeitig ein starker Kinderwunsch da ist.

Der Moment zum Mama werden, der sich nicht planen lässt

Fieber rät vor allem zur Akzeptanz von Gleichzeitigkeiten: „Beides darf gleichzeitig da sein: der Druck und das Zögern. Der Wunsch und die Unsicherheit. Diese Ambivalenz ist nichts Ungewöhnliches, sondern oft ein Ausdruck davon, dass etwas wirklich wichtig ist. Statt vorschnell eine Entscheidung zu erzwingen, kann es hilfreich sein, sich selbst Raum zu geben: innezuhalten, hinzuspüren und sich ehrlich zu fragen: Was fühlt sich für mich in diesem Moment stimmig und tragfähig an? Aus dieser Haltung heraus entstehen Entscheidungen oft nicht als einmaliger, klarer Moment, sondern als ein Prozess, der sich Schritt für Schritt klärt.“

Die Schularbeit hat Andrea übrigens bestanden.

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