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Bis sich niemand mehr verstecken muss

Der Pride Month Juni steht im Zeichen von Vielfalt und Toleranz. Wie geht es queeren Menschen in Tirol wirklich? Wir haben nachgefragt.

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Wie oft denken Sie darüber nach, ob Sie Ihre:n Partner:in auf der Straße küssen sollen? Ob Sie seine oder ihre Hand nehmen, wenn Sie gemeinsam im Zug sitzen? Vermutlich eher selten – für die meisten von uns fallen diese Dinge eher in die Kategorie „alltägliche Gesten“.

Für queere Menschen dagegen ist die öffentliche Bekundung von Zuneigung oft eine wohlüberlegte Entscheidung. „Ist es hier sicher?“, „Wer geht gerade hinter uns?“, „Die Gruppe da vorne – sehen sie aggressiv aus oder schauen die nur zufällig in unsere Richtung?“

Hinter der bunten Fassade.

Gedanken wie diese sind mitunter der Grund, warum Menschen im Juni auf die Straße gehen. Die bunten Paraden sind im Kern keine Party, sondern eine Widerstandsbewegung: Ende Juni 1969 wehrten sich LGBTQIA*-Menschen in einer New Yorker Bar gegen willkürliche Polizeirazzien – es folgten Proteste, Aufstände und ein Jahr später die erste Pride-Parade. Hinter dem Wort „Pride“, auf Deutsch Stolz, steckt seither ein klares Bekenntnis: zur eigenen Identität, gegen die Scham und gegen die Unsichtbarkeit.

2026 sind die Regenbogenfahnen längst im öffentlichen Raum angekommen. Doch wie viel Substanz steckt wirklich hinter der Symbolik? Wo gibt es noch Aufholbedarf? Und warum sind die Bedingungen in Tirol herausfordernder als anderswo?

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Und irgendwann klopft das Leben an.

Ich treffe mich mit Alexander Reimann. Der Ordenspriester aus Innsbruck ist seit zwei Jahren als „Regenbogenpater“ bekannt – ein Titel, den er gerne angenommen hat, seit er sich im Juli 2023 als homosexuell geoutet hat. „Irgendwann hat das Leben angeklopft und gesagt: ‚Da war doch noch was‘”, erzählt er, als wir im Garten des Servitenklosters beisammensitzen. Auf seiner schwarzen Kutte steckt ein Regenbogen-Anstecker mit einem Kreuz. Eine Frage, die sich aufdrängt: „Darf“ man als Priester überhaupt offen homosexuell sein? Reimann lacht. „Es ist nun mal die Realität.“ Er ist, wie er selbst sagt, sicher nicht der einzige schwule Priester – aber einer der wenigen, die offen darüber sprechen.

Pater Alexander Reimann im Garten des Servitenklosters © Birgit Pichler

Doppelleben.

Was ihn dazu gebracht hat, ist schwer in Worte zu fassen. „Dass ich schwul bin, weiß ich schon seit meiner Jugend. Aber die gesellschaftlichen Hemmschwellen in den Neunzigern machten ein Outing unmöglich“, erzählt er. „Gleichzeitig war ich schon immer in der Kirche aktiv, und die Ordensgemeinschaft hat mich geistig angesprochen. Ich hatte Angst vor der Welt und es kam mir einfacher vor, in den Orden einzutreten. Da fragt dich niemand, warum du nicht verheiratet bist.“ Doch irgendwann drängte die Wahrheit ans Licht. „Mit dem Verheimlichen ist es wie bei einem Fass, in das ständig ein Tropfen fällt: Irgendwann geht es über.“

Mit dem Verheimlichen ist es wie bei einem Fass, in das ständig ein Tropfen fällt: Irgendwann geht es über.
– Pater Alexander Reimann

Hinter der Maske.

Was Pater Reimann als „überlaufendes Fass“ beschreibt, hat in der Psychologie einen Namen: Minority Stress. „Wenn man sich dauernd fragen muss: ‚Kann ich hier ich selbst sein?‘, versetzt das die Psyche in einen permanenten Alarmzustand“, erklärt der Innsbrucker Psychotherapeut Georg Gierzinger. In Tirol seien die Rahmenbedingungen herausfordernder als in anonymen Großstädten: „Engere soziale Strukturen und starre Rollenbilder erhöhen den Druck. Aus Angst vor Ablehnung entscheiden sich viele für ein Doppelleben. Aber wenn man dauerhaft eine Maske trägt, geht ein wichtiger Teil der Persönlichkeit verloren.“ Die psychischen Folgen seien fatal: Depressionen, Angststörungen und, im schlimmsten Fall, Suizidalität.

Tabula rasa.

An jenem Nachmittag, dem 31. Juli 2023, spürte Alexander Reimann eine innere Enge. „Ich sah nur noch zwei Möglichkeiten – mich aussprechen oder mich aus dieser Welt verabschieden.“ Er entschied sich für Ersteres. „Ich habe Tabula rasa gemacht.“ Noch am selben Abend schrieb er eine E-Mail an Bischof und Provinzial (Vorsteher:in der Ordensprovinz, Anm.), an Freund:innen, seine Familie. Die Reaktionen waren überwiegend positiv – „meine Nichte meinte sogar: Alex, ich weiß seit 30 Jahren, dass du schwul bist.“ Am nächsten Morgen lief Reimann im Klostergang seinem Mitbruder Pater Martin über den Weg. „Der nickte mir nur zu und sagte: ‚Hast du gut gemacht.‘“

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Ein Segen für alle.

Seit seinem Coming-out haben manche Menschen Alexander Reimanns Kirche verlassen. Darüber sei er nicht böse, meint er, denn es seien auch neue dazugekommen. Menschen, von denen er weiß oder ahnt, dass sie lesbisch oder schwul sind: „Ich freue mich, dass sie da sind.“

Der Weg dahin sei alles andere als einfach gewesen. Als Reimann beispielsweise ankündigte, am Valentinstag eine Andacht für alle Liebenden zu halten – mit Segen für gleichgeschlechtliche Paare – hagelte es Beschwerden, von Priestern aus Wien, Deutschland und Österreich; und es gingen erboste Briefe an den Provinzial ein. „Das hat mir damals wirklich wehgetan“, sagt er. Heute hat er, wie er selbst sagt, ein dickeres Fell.

Der Wind wird rauer.

Queere Menschen sind, zumindest im urbanen Raum, sichtbarer geworden, und auch auf struktureller Ebene hat sich in Tirol etwas getan – so hat die Stadt Innsbruck erstmals ein Referat für „Frauen, Gleichstellung und Queer“ eingerichtet. Trotzdem ist das gesellschaftliche Klima in letzter Zeit rauer geworden. „Plötzlich werden wieder vermehrt ‚traditionelle Werte‘ vorgeschoben, um Ausgrenzung zu rechtfertigen“, schildert Ramanie Ramalingam, Koordinatorin der Familienberatungsstelle COURAGEInnsbruck.

Sie verortet das Problem vor allem auch auf politischer Ebene: „In Europa, aber auch in den USA werden immer öfter Pride-Veranstaltungen verboten und LGBTQIA-Rechte aufgehoben. Auch Konversionsmaßnahmen – also Versuche, die sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität in Richtung einer Norm zu ‚heilen‘ – sind in weiten Teilen Europas, auch in Österreich, noch immer legal.“

Ich frage Alexander Reimann, was sein Coming-out mit seinem Glauben gemacht hat. Er überlegt kurz. „Gott hat Ja zu mir gesagt“, sagt er. Und ergänzt: „Gott und Kirche, das sind zwei verschiedene Sachen.“ Das habe er lange nicht wirklich begriffen. Heute sei sein Glaube echter als früher. Als engagiertes Mitglied der Initiative #OutInChurch setzt er sich aktiv für eine Kirche ohne Angst ein – eine Kirche, in der sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität kein Hindernis für den Dienst am Nächsten darstellen dürfen. „Die Kirche bietet einen Zugang zum Göttlichen. Aber es gibt noch etwas anderes – etwas, das größer ist als irgendwelche Vorschriften.“

Alltag als Regenbogenfamilie.

Auch Theresa und Gerda haben „Ja“ zueinander gesagt. Die beiden haben sich bei der Arbeit in der Innsbrucker Klinik kennen und lieben gelernt – „Zwischen uns hat es sich von Anfang an leicht angefühlt“, erzählt Theresa. Nach zwei Jahren Beziehung verlobten sie sich und heirateten schließlich im Februar 2020 am Innsbrucker Baggersee. „Es gab überraschend viele unbeteiligte Zuschauer:innen. So öffentlich hatten wir die Feier eigentlich gar nicht geplant, und wir hatten kurz ein mulmiges Gefühl. Aber es war ein rundum positives und schönes Erlebnis“, erinnert sie sich.

Gerda und Theresa haben 2020 geheiratet und sind Mütter von zwei Pflegesöhnen. © privat
Gerda und Theresa haben 2020 geheiratet und sind Mütter von zwei Pflegesöhnen. © privat

Mittlerweile sind Theresa und Gerda Pflegeeltern von zwei Kindern, und ihr Alltag unterscheidet sich kaum von dem anderer Familien: Es geht um Liebe, Erziehungsfragen und die täglichen Herausforderungen mit den Kleinen. Dass sie eine andere Konstellation leben, merken sie – wenn überhaupt – nur im Kontakt nach außen.

„In einer Patchwork-Familie mit einem heterosexuellen Paar geht jede:r davon aus, dass das Mutter und Vater sind. Aber wenn wir zu viert unterwegs sind, werden wir eigentlich nie gleich als Familie erkannt – weder auf dem Spielplatz noch sonst in der Öffentlichkeit“, sagt Theresa. Wenn sie ihre Konstellation dann erklären, folgen die nächsten Fragen auf dem Fuß: Wie habt ihr das gemacht? Wer ist die Mutter und wer der Vater zuhause? Wie sagen eure Kinder zu euch?

Wir sagen unseren Kindern regelmäßig: Wir sind gut so, wie wir sind – als Familie und als jede:r Einzelne.
– Theresa

Veränderung dauert.

Rein rechtlich gibt es mittlerweile unterschiedliche anerkannte Formen der Partner:innenschaft – verbunden mit allen Rechten und Pflichten: die formlose Lebensgemeinschaft, die eingetragene Partner:innenschaft (die sehr stark an die Ehe angelehnt ist) und die vollwertige Ehe, die auch für gleichgeschlechtliche Paare gilt. „Es war ein langer juristischer Weg, der viel Gegenwind erfahren hat“, sagt Ramanie Ramalingam. „Es dürfte also eigentlich keine Ungleichbehandlungen mehr geben. Die Erfahrung lehrt uns aber, dass es immer eine Zeit dauert, bis Veränderungen in den Köpfen der Menschen ‚ankommen‘.“

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„Wir sind gut, so wie wir sind.“

Ich frage Theresa und Gerda, wie sie ihre Kinder auf den möglichen Rechtfertigungsdruck vorbereiten. „Offene Kommunikation ist bei uns sowieso ein Muss“, antwortet Theresa. Ihre zwei Söhne sollen wissen und verstehen lernen, woher sie kommen und warum sie heute bei ihr und Gerda leben. „Wir sagen unseren Kindern regelmäßig: Wir sind gut so, wie wir sind – als Familie und als jede:r Einzelne.“ Sollte jemand einmal blöd reden, ist das Zuhause ein sicherer Hafen. „Wir möchten ihnen ein so stabiles Fundament bieten, dass sie mit Sorgen oder Zweifeln immer zu uns kommen können.“

Auch in den Vorlesebüchern der Kleinen kommen ganz selbstverständlich verschiedene Familienformen, Hautfarben und Religionen vor. „Als queere Familie hat man es nicht immer einfach – aber eine Familie zu gründen ist in jeder Konstellation eine große Herausforderung“, sagt Gerda. „Wenn man es will, die richtige Person an seiner Seite hat und Menschen im Rücken, die einen tragen, dann schafft man das. Es braucht definitiv Mut, um ins Wasser zu springen und loszuschwimmen. Wir sind unendlich glücklich, dass wir den Sprung gewagt haben.“

Unterschwelliger Druck.

Mut ist ein Wort, das in den Gesprächen immer wieder fällt. Dass er überhaupt nötig ist, zeigt, wie viel Arbeit wir als Gesellschaft noch vor uns haben. „Dabei ist es nicht die queere Identität, die Probleme verursacht, sondern das Umfeld“, weiß Georg Gierzinger. Dazu zählen auch kleine, vermeintlich harmlose Signale, die diesen Druck befeuern. Die beiläufige Frage an einen Burschen: „Na, hast du schon eine Freundin?“, transportiert ungefiltert die Erwartung der Norm.

Vor allem queere Jugendliche würden stark darunter leiden. „Sie haben dieselben Sorgen wie alle anderen Jugendlichen – sie kämpfen mit Schulnoten, Zukunftsängsten oder schwierigen Familiendynamiken. Aber für sie kommt eine komplexe strategische Frage hinzu: Wann, wem und wie erzähle ich von mir selbst?“, sagt der Psychotherapeut. Er spricht deshalb lieber von „Inviting-in“ statt von Coming-out. „Der Begriff Coming-out suggeriert, man müsse aus einem Versteck herauskommen. Doch es geht eigentlich darum, andere in den eigenen Lebensraum einzuladen.“

Es ist nicht queere Identität, die Probleme verursacht, sondern das Umfeld.
– Georg Gierzinger, Psychotherapeut in Innsbruck

Eltern müssen Akzeptanz vorleben.

Trotzdem ist dieser Prozess niemals einfach, weil immer die Angst vor Ablehnung und Ausgrenzung mitschwingt. Es ist auch kein Zielband, das man einmal durchschlägt. „Im Grunde ist es eine lebenslange Entscheidung, die queere Menschen bei jedem Jobwechsel und jeder neuen Begegnung erneut treffen müssen”, sagt Gierzinger.

Als Eltern sei es daher besonders wichtig, Akzeptanz vorzuleben und einen sicheren Raum für Dialog zu schaffen. „Ein Kind braucht die Gewissheit, dass die elterliche Liebe nicht an Bedingungen geknüpft ist. Darüber hinaus ist es wichtig, die Identität des Kindes ganzheitlich zu sehen – die sexuelle Orientierung ist nur ein Aspekt von vielen.“ Bei Unsicherheiten oder Fragen gebe es in Tirol zahlreiche Beratungsstellen, die Eltern unterstützend zur Seite stehen.

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Aufholbedarf im Gesundheitswesen.

Eine große Baustelle verortet Georg Gierzinger im Gesundheitswesen. Mehr als die Hälfte der Diskriminierungsfälle passieren ausgerechnet dort, wo queere Menschen Unterstützung suchen – „oft aus reiner Unwissenheit.“ Besonders in der Versorgung von Trans-Personen gebe es immense Versorgungslücken: „Es bräuchte hier dringend mehr Prävention, Information und Sichtbarkeit.“

Doch wer einmal in einem solchen Moment allein gelassen wurde, sucht so schnell keine Hilfe mehr. Viele Trans-Personen nehmen etwa seltener Vorsorgeuntersuchungen wahr, weil sie dort schlechte Erfahrungen gemacht haben – mit denkbar fatalen Folgen.

Schlussendlich liegt es an uns allen, die Türen weit genug zu öffnen, dass ein Leben ohne Angst für jede:n möglich wird – ein Leben, in dem Sichtbarkeit nicht mehr mit Mut erkauft werden muss. Dazu gehört, aufmerksam hinzuschauen, ehrliches Interesse zu zeigen und die Stimme zu erheben, wenn Unrecht geschieht.

Wie es Ramanie Ramalingam treffend formuliert: „Wenn wir es schaffen, unseren Blick weg vom ‚Anders-Sein‘ und von Verallgemeinerungen hin zu den vielfältigen Gemeinsamkeiten zu lenken, die uns als Menschen verbinden, können wir nur gewinnen.“

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Mehr über die Autorin dieses Beitrags:

Andrea Lichtfuss
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Andrea Lichtfuss ist Chefredakteurin der TIROLERIN und für die Ressorts Beauty und Style zuständig. Sie mag Parfums, Dackel und Fantasyromane. In ihrer Freizeit findet man sie vor der X-Box, beim Pub-Quiz oder im Drogeriemarkt.

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