Szene in Dusche aus Heated Rivalry

“Heated Rivalry” & Co.: Warum gerade Frauen schwule Romanzen lieben

Heiß auf heiß

8 Min.

© Sabrina Lantos/HBO Max

We didn’t even kiss.“ Na, was löst das bei Ihnen aus? Sollten Sie nicht wissen, was zum Kuckuck das bedeuten soll, ist der Heated-Rivalry-Hype wohl unbemerkt an Ihnen vorbeigezogen. Heated Rivalry handelt von Shane Hollander und Ilya Rozanov, zwei begnadeten Eishockeyspielern auf ihrem Weg zum Ruhm. Doch eine Sportserie ist es nicht, vielmehr die wohl wichtigste Romanze der letzten Jahre: Die öffentlich als Feinde dargestellten Sportler sind eigentlich unsterblich ineinander verliebt, treffen einander heimlich nach ihren Spielen im Hotel. Und so beginnt eine jahrzehntelange Liebesgeschichte, vom ersten Kuss, der Realisation, dass es tatsächlich Liebe ist, bis zum familiären Coming-out. Trotz aller Höhen und Tiefen wird sie nicht zum Drama, geweint wird beim Schauen eher vor Glücksgefühlen.

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Die kanadische Serienadaption der Buchreihe Game Changers von Rachel Reid hat in den letzten Monaten für ordentlich Furore gesorgt – nicht zuletzt aufgrund der erotischen Szenen, die einen Großteil der Sendezeit ausmachen. Dabei war es Produzent Jacob Tierney besonders wichtig, Consent und Safe Sex explizit zu zeigen – gerade weil Shane vor Ilya keine sexuellen Erfahrungen mit Männern hatte. Erotik dient hier als Charakterisierung statt Objektifizierung; erst durch die (häufigen) Sexszenen wird den Protagonisten und auch den Zuseher:innen die wahre Macht ihrer Gefühle füreinander bewusst. Die Fürsorge, die Eifersucht und die Zärtlichkeit. Und dabei wird gerade insbesondere ein Diskurs aufgeheizt: Warum sind es gerade Frauen, die diese Serie feiern?

Love is love

Neu ist der Hype rund um schwule Geschichten nicht. Während Brokeback Mountain 2008 noch skandalös wirkte, sind in den vergangenen Jahren immer mehr queere beziehungsweise schwule Geschichten in den Mainstream gerückt – Call Me By Your Name, Heartstopper, Young Royals – um nur ein paar aufzuzählen. Und sie alle vereint eines: Eine vorrangig weibliche Zuschauerschaft. Klar, Frauen konsumieren grundsätzlich häufiger Romanzen. Doch queere Liebesgeschichten, zumindest Heated Rivalry, sind trotz gleichem Genre einfach anders.

Queere Geschichten unterscheiden sich, so Medienwissenschaftlerin Louise Haitz, „im besten Fall dadurch, dass sie ein antipatriarchales Begehren auslösen. Dass sie Attraktivität, Lust und Schönes im Sehen von anderen Beziehungsformen und anderen Körpern entfachen. Statt Ehe, Küche, Vaterland vielleicht mal was ganz anderes entwerfen? Eine Vorstellung vom Leben, das nicht durch rigide Geschlechternormen bestimmt wird“. Haitz sieht Serien wie Heartstopper außerdem als eine Art utopischen Gegenentwurf zum Status Quo, in dem homosexuelle Menschen nach wie vor vielerlei Gefahren ausgesetzt sind.

Sex sells

Sexual- und Paartherapeutin Magdalena Ségur-Cabanac erklärt: „Unabhängig davon, ob sie sich als hetero-, homo- oder bisexuell beschreiben, reagieren viele Frauen körperlich auf eine größere Bandbreite sexueller Reize – zum Beispiel auf unterschiedliche Konstellationen oder auch auf Szenen, die nicht exakt ihrer eigenen Orientierung entsprechen. Frauen reagieren oft stärker auf Stimmung, Beziehung, Atmosphäre, emotionale Dynamik oder Machtverhältnisse – nicht nur auf das Geschlecht der beteiligten Personen. Das erklärt zum Beispiel, warum manche Frauen erotische Szenen zwischen zwei Männern spannend finden können, ohne selbst den Wunsch zu haben, eine Beziehung mit einer Frau zu führen. Die Erregung entsteht möglicherweise durch Dynamik, Emotionalität oder die Art der Interaktion – nicht allein durch das Geschlecht.“

Boys Love: Weltweites Phänomen

Im Japanischen gibt es ein eigenes Wort für Frauen, die Boys Love, also Medien mit männlichen, homosexuellen Protagonisten konsumieren: Fujoshi, was auf Deutsch so viel wie „verdorbenes Mädchen“ bedeutet – verdorben deshalb, weil es im Yaoi-Genre (so nennen sich schwule Medien im Anime- und Manga-Bereich) viele anzügliche Szenen gibt. Dass diese immer beliebter werden, ist auch in den örtlichen Buchhandlungen zu spüren: Besucht man die Manga-Abteilung, so wird man schon bald von in Plastik eingeschweißten Büchern begrüßt. Vorsicht, heiß!

Auffällig ist dabei: Viele dieser Werke werden von Frauen geschrieben oder gezeichnet – und damit aus einer Perspektive erzählt, die romantisiert, emotionalisiert, teilweise idealisiert ist. Merve (Name geändert, Anm. d. R.), eine langjährige Yaoi-Leserin, erzählt, dass männliche Romanzen oft „besser geschrieben“ wirken, oder zumindest stärker romantisiert seien. Gleichzeitig werden typische heterosexuelle Beziehungsstandards aufgebrochen, statt klassischer Rollenverteilungen stehen Coming-out, heimliche oder einseitige Liebe oder Enemies-to-Lovers-Dynamiken im Zentrum. Neue Perspektiven und Drama machen den Anreiz aus.

Fanfiction als riesiger Hype

Auch in anderen Erzählungen ist der Hang hin zu gleichgeschlechtlichen Pärchen zu spüren: Fanfictions sind nicht kanonische Geschichten zu bestehenden Medien – also Erzählungen, die Figuren aus Serien, Büchern oder Spielen nehmen und sie in neue Szenarien versetzen. Manchmal sind es alternative Universen („AUs“) oder Fortsetzungen, manchmal auch reine Feel-Good-Stories. Romance ist häufig, aber kein Muss.

Auf Plattformen wie Archive of Our Own (AO3) oder fanfiktion.de haben sich riesige Communities gebildet, die die Geschichten ihrer Lieblingscharaktere neu auflegen, umdichten oder weiterdenken. Laut einer Studie der Universität Regensburg finden sich auf AO3, der größten und wichtigsten Plattform für Fanfiction, knapp 50 Prozent Geschichten über schwule Pärchen, Fanfiction über heterosexuelle Paare machen nur knapp 18 PRozent aus. Die erste sogenannte „Slash“, also homoerotische Fanfiction wurde bereits vor über 50 Jahren veröffentlicht: A Fragment Out of Time aus 1974 handelt von einer Romanze zwischen Captain Kirk und Spock; etwa 90 Prozent aller Fanfiction-Schreibenden waren zu dieser Zeit Frauen. Falls Sie die After-Reihe, oder sogar Fifty Shades of Grey gesehen haben, wurden auch Sie schon unbewusst Teil dieser Welt: Beide Geschichten starteten als Fanfiction.

Shipping Culture

Ein großer Part der Fanfiction-Bubble: Shipping, also das Paaren von zwei Menschen oder Charakteren. Doch dieses Phänomen trifft nicht nur Charaktere aus Filmen, Serien oder Büchern, sondern auch reale Menschen. Das wohl bekannteste Beispiel ist Larry Stylinson – der Shipping-Name von Harry Styles und Louis Tomlinson.

Während der Hochzeit von One Directions wurde ihnen von tausenden Fans eine Affäre angedichtet, ebenso viele Fanfiction-Geschichten des erfundenen Paares lassen sich auf Plattformen wie Wattpad oder AO3 finden. Ségur-Cabanac erklärt: „Es kann ein Wunsch nach queerer Sichtbarkeit und die Projektion eigener Beziehungsideale dahinter stecken.“ Diese Art parasozialer Beziehungen kann problematisch werden, gerade wenn sie in Belästigung umschlägt. Merve beschreibt Shipping im echten Leben, also beispielsweise unter Freund:innen, als „süß, solange niemand verletzt wird“, betont aber, dass es online oft extrem werde.

Warum werden aber Charaktere oder Personen geshippt, selbst wenn es narrativ kaum Sinn ergibt? „Manche Charaktere sollen eigentlich nicht mal befreundet sein, aber haben trotzdem für Fans ‚chemistry‘ gemeinsam – die Vorstellung, dass sie doch zusammen sein könnten, macht es oft spannender. Enemies-to-Lovers zum Beispiel. Vor allem diese Tropen (rhetorische Klischees, Anm. d. R.) paaren oft Charaktere, die eigentlich gar nicht zusammenpassen“, erklärt Merve.

Erzählweisen wie Enemies-to-Lovers (siehe Shane und Ilya) erzeugen Spannung. Das Warten auf Interaktionen, das Interpretieren und Analysieren von Blicken oder Konversationen; all das steigert das emotionale Investment der Konsument:innen. Zusätzlich lockt das Verbotene, die Liebe, die augenscheinlich zum Scheitern verurteilt ist und für die doch gekämpft wird. Das funktioniert schließlich schon seit Romeo und Julia.

Wir lieben Liebe

Mit der Frage, warum es gerade Frauen sind, die Heated Rivalry & Co. lieben, haben sich auch Autorin und Regie befasst. Ihre erste Antwort: Frauen lesen mehr Romanzen. Doch vielleicht steckt mehr dahinter. In Zeiten von Femiziden, Tinder-Gelaber und Andrew-Tate-Verschnitten haben viele Frauen die Nase voll von hypermaskulinen Rollenvorbildern. Heated Rivalry zeigt das Gegenteil: Männer, die Gefühle zulassen, die über Unsicherheiten sprechen. Und die Consent ernst nehmen.

„Die Lust am Zuschauen, Lust an verschiedenen Formen körperlicher Performance von Romantik, Leidenschaft, geht offenbar nicht in den ehrlich gesagt ziemlich beschränkten Konzepten heterosexueller Normen auf“, sagt Haitz. Ségur-Cabanac fügt hinzu: „Für manche heterosexuelle Frauen schafft männlich-männliche Erotik eine „sichere“ Fantasiesphäre – Sexualität ohne direkte Bedrohung durch reale Geschlechterhierarchien. In heterosexuellen Darstellungen ist die Frau oft Objekt männlichen Begehrens. In Darstellungen zwischen zwei Männern entfällt diese Identifikationsachse. Frauen können Beobachterinnen sein, ohne sich selbst sexualisiert fühlen zu müssen.“

Der Male Gaze beschreibt laut einem 1975 von Filmwissenschaftlerin Laura Mulvey veröffentlichten Essay eine filmische Struktur, in der die Kamera mit dem männlichen Protagonisten verschränkt ist. Er schaut. Wir schauen mit. Die Frau wird zum „to-be-looked-at“-Objekt, wie Haitz erklärt. Wichtig ist: Es geht nicht um biologische Augen, sondern um ein Blickregime. Auch Frauen können einen Male Gaze reproduzieren. „Der Female Gaze macht einen Gegenentwurf zu diesem patriarchalen Blick-Modell von Schauen und Zum-Anschauen-Sein. Was macht ein weibliches Sehen sichtbar, wie lenkt es den Blick und gibt es da überhaupt Objekte oder nur mehr Subjekte?“

Genau diesen Female Gaze greifen viele queere Medien auf und setzen damit ein klares Statement gegen strikte patriarchale Blickweisen. „Das Gefühl von ‚gesehen werden‘ steigert bei vielen weiblich sozialisierten Menschen das Erregungsgefühl. Identifikation oder Entlastung finden betrachtende Personen auch oft durch die Darstellung unterschiedlicher Körperformen, Genderdiversität und weniger normierter Schönheitsideale, wie es bei queeren Filmen häufiger vorkommt“, erläutert Ségur-Cabanac.

Diese Geschichten bilden einen Safe Space für Frauen, die sich nach Romantik und Zärtlichkeit sehnen, sich aber vielleicht davor scheuen oder Traumata erlebt haben. Sie erlauben Frauen, ihre Sexualität zu erkunden, ohne die eigene Identität oder reale Gender-Normen berücksichtigen zu müssen. Denn hier wird nicht verglichen: Bei Sexszenen, in denen das eigene Geschlecht gar nicht vorkommt, wird Erotik als etwas Eigenständiges genossen, nicht als Bewertungsmaßstab für den eigenen Körper.

Es gibt hier keinen Vergleich, keinen Leistungsdruck, kein Messen am eigenen Liebesleben und kein Hineinprojizieren. Sicherheitsfragen, Machtgefälle, patriarchale Dynamiken – sie können ausgehebelt werden. Shane und Ilya stehen auf derselben Ebene, sind Rivalen und Liebende zugleich, gewinnen und verlieren im Wechsel. Oder, ganz banal: Wer schon auf einen Mann steht, freut sich vielleicht einfach über zwei.

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