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In ihrem neuen Buch „Wenn der Arzt nicht mehr weiterweiß”, beschreibt Dr. Sabine Viktoria Schneider 200 Krankheitsbilder und ihre seelischen Hintergründe. Sie gibt Hinweise darauf, wie Patient:innen selbst zur Linderung oder Heilung beitragen können.
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In ihrer psychologischen Privatpraxis begegnet Dr. Schneider vielen Menschen, die beispielsweise unter Rückenschmerzen, Magen-Darm-Beschwerden, chronischer Müdigkeit, Schwindel, Herzklopfen, Kopfschmerzen oder Muskelverspannungen leiden – Symptome, für die sich trotz unzähliger Untersuchungen in der Vorgeschichte keine ausreichende organische Erklärung finden lässt, die aber das Leben massiv beeinträchtigen. Die Patient:innen erzählen von ihrem langen medizinischen Weg, von einer Odyssee durch verschiedene Fachrichtungen. Von der Hoffnung auf Antworten. Und von der zunehmenden Enttäuschung, wenn die Antworten ausbleiben.
Ihr Buch beleuchtet rund 200 Krankheitsbilder und deren möglichen seelischen Hintergründe. Wie kann man feststellen, ob eine körperliche Beschwerde tatsächlich psychosomatische Ursachen hat?
Dr. Sabine Viktoria Schneider: Das kann letztlich nur ein:e Ärzt:in beurteilen. Zunächst muss medizinisch abgeklärt werden, ob eine organische Ursache vorliegt – etwa durch ein ärztliches Gutachten oder ein Blutbild. Wenn feststeht, dass körperlich alles in Ordnung ist, kann man beginnen, sich mit möglichen psychosomatischen Ursachen auseinanderzusetzen.
Warum bleiben psychosomatische Ursachen oft lange unentdeckt?
Viele Menschen lernen, mit ihren Symptomen zu leben und sie zu akzeptieren. Für manche gehören zum Beispiel psychosomatische Kopfschmerzen längst zum Alltag, und sie versuchen, die Beschwerden durch Selbstmedikation zu lindern. Wir leben in einer Zeit, in der die Einnahme von Medikamenten als selbstverständlich gilt. Schaut man sich die Werbung im Fernsehen an, findet man unzählige Mittel gegen Kopfschmerzen, Reizdarm oder Schlafstörungen. Dadurch entsteht leicht der Eindruck, dass es vielen so geht – und man beginnt, die Symptome als normal oder als Teil der eigenen Persönlichkeit anzusehen.
Gibt es Symptome, die besonders stark auf unterdrückte Gefühle hinweisen?
Ja, sehr viele. Ein Beispiel ist Zähneknirschen: Es kann darauf hindeuten, dass man versucht, nachts Dinge zu verarbeiten, die man sich tagsüber nicht traut auszusprechen. Konflikte werden unbewusst mit in die Nacht genommen, was wiederum zu Nacken- und Kopfschmerzen führen kann.
Auch das Reizdarm-Syndrom ist ein typisches Beispiel. Wenn man Dinge nicht verarbeiten kann, zeigt sich das entweder darin, dass man etwas möglichst schnell „loswerden“ möchte – dann kommt es zu Durchfall – oder darin, dass man gelernt hat, an Dingen festzuhalten, was sich in Verstopfung äußern kann. Der Körper sucht sich auf diese Weise seinen eigenen Ausdruck.
Oft werden uns schon in der Kindheit Sätze vermittelt wie: „Man soll nicht jammern“ oder „Man muss Dinge aushalten“. Je mehr Druck wir uns selbst machen, desto stärker kehren die Symptome zurück. Deshalb ist es so wichtig, sich bewusst Zeit zu nehmen, um sich mit den Ursachen auseinanderzusetzen. Ich habe das Buch so geschrieben, dass es zur Selbstreflexion anregt und hilft, das eigene Symptom zu verstehen. Die zentrale Frage lautet: Warum neige gerade ich zu diesem Symptom? Allein dieses Verständnis kann bereits ein großer Schritt in Richtung Heilung sein.
Welche Rolle spielt Selbstreflexion bei der Heilung?
Eine sehr große. Wenn ich erkenne, warum ich mir schwertue, Grenzen zu setzen, warum ich mir verbiete, wütend zu sein, oder warum ich mir selbst keinen Raum gebe, beginnt ein Lernprozess. Ich darf mir bewusst machen, wie es mir gehen würde, wenn ich mich trauen würde, endlich auszusprechen, was mich belastet.
Sobald ich erkenne, was ich mich nicht zu tun traue, setzt Heilung ein – oft schneller, als man denkt. Allein das Bewusstwerden kann viel verändern. Wenn ich meine Perspektive ändere, Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachte und anders darauf reagiere, lerne ich loszulassen. Das alles kann ich selbst tun. Das Buch dient dabei als Leitfaden und Wegbegleiter, um aus den Symptomen herauszufinden und den eigenen Prozess der Selbstheilung zu unterstützen.
ZUM NACHLESEN
Dr. Sabine Viktoria Schneider
Wenn der Arzt nicht weiter weiß
Hardcover mit Schutzumschlag
640 Seiten
Preis € 30,–
ISBN 978-3-99001-887-3
Verlag: Edition a


Mehr über die Autorin dieses Beitrags

Elisabeth Trauner ist Redakteurin bei Unser SALZBURG und mit Stift, Block und Herz immer zur Stelle, wenn Menschen spannende Geschichten zu erzählen haben. Sie hört Podcasts, braucht Krimis und True Crime-Dokus zum Einschlafen und probiert gerne neue Kochrezepte aus, die aber meistens komplett schief gehen.
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