Einfach mal NEIN sagen

Wie wir lernen, Bitten auch einmal ohne ein schlechtes Gewissen ablehnen zu können.

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© Pexels/Liza Bakay

Hilfsbereitschaft gilt als eine erstrebenswerte Eigenschaft in unserer Gesellschaft. Doch wer immer nur „Ja“ zu anderen sagt, sagt leider auch oft „Nein“ zu sich selbst. Wie wir lernen, Bitten auch einmal ohne ein schlechtes Gewissen ablehnen zu können.

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Eine Einladung abzulehnen oder jemandem einen Wunsch abzuschlagen, fällt vielen oft schwer. Vor allem wenn es um Anfragen von guten Freund:innen, Arbeitskolleg:innen oder der eigenen Familie geht. Viel zu schnell sagen wir „Ja“, obwohl wir eigentlich lieber „Nein“ sagen würden. Solche Situationen hat sicher jede:r schon einmal erlebt: Bekannte laden zur Grillparty ein und man sagt zu, obwohl man eigentlich viel lieber auf dem Sofa rumhängen und nichts tun würde. Oder die beste Freundin fragt, ob man beim Umzug helfen kann und trotz vollen Terminkalenders sagt man zu – wir haben schließlich als Kinder gelernt, es gehört sich, anderen zu helfen. Wer jedoch immer dazu neigt, zu allem „Ja“ zu sagen, geht meist alles andere als fürsorglich mit sich um. Auch Julia Strauhal kennt dieses Verhalten von ihren Seminarteilnehmer:innen. Die Tirolerin arbeitet seit 20 Jahren als Kommunikationstrainerin und gibt Workshops zum Thema „Neinsagen“. Im Gespräch berichtet sie, wie es gelingen kann, ohne schlechtes Gewissen abzulehnen, was es mit „People Pleasing“ auf sich hat und warum wir alle manchmal eine „liebevolle Erinnerung“ daran brauchen, „Nein“ sagen zu dürfen.

WORKSHOP zum Thema

Nein sagen – mit gutem Gewissen“ mit Julia Strauhal
am 16. Juni 2023 von 14 bis 22 Uhr am WIFI Kufstein.

Weitere Informationen und Anmeldungen unter www.tirol.wifi.at

„Nein“ zu sagen, fällt vielen Menschen oft schwer. Warum ist das Ihrer Meinung nach so?

Julia Strauhal: Ich stelle diese Frage gern in meinen Seminaren, denn vielen Menschen geht es so. Dabei fokussieren sich diese oft so auf die möglichen Reaktionen ihres Gegenübers, dass sie sich dadurch ganz blockieren. Oftmals sind es unüberprüfte Glaubenssätze, die uns dran hindern „Nein“ zu sagen. Es mag zwar simpel klingen, aber oft steckt eine Ideem dahinter, wie: „Es gibt ein ‚schönes‘ Wort, das ‚Ja‘, und wenn ich das sage, werde ich gemocht. Dann gibt es das ‚Nein‘ – das ist ein bisschen ‚Igitt, igitt‘ und das rührt man besser nicht an.“ Vielen wird dieses Tabu erst bewusst, wenn es ausgesprochen wird. Wir haben es vielfach einfach nicht gelernt, klar und ruhig „Nein“ zu sagen.

Welche Rolle spielt das eigene Selbstbewusstsein dabei?

Das spielt eine sehr wichtige. Jedes „Nein“ zu jemand anderem ist in Wahrheit ein „Ja“ zu mir selbst. Das kann ich aber erst aussprechen, wenn ich mir selbst die innere Erlaubnis gebe, wirklich für mich einzutreten. Dafür muss man sich gut selbst wahrnehmen: „Worum geht es mir gerade wirklich?“ Unsere Körpersprache kann uns helfen sicherer aufzutreten. Natürlich braucht das am Anfang Mut, doch dieser lohnt sich. Denn auch wenn es am Anfang ungewohnt ist, es ist unglaublich befreiend. Was ich immer wieder von den Seminarteilnehmer:innen höre, ist, dass die anderen Menschen oft viel positiver auf das „Nein“ reagieren als erwartet.

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Haben Sie das Gefühl, dass das eher etwas ist, das meist Frauen betrifft?

Wenn ich auf die Teilnehmer:innenliste der letzten Jahre blicke, so haben sich überwiegend Frauen angemeldet. Das hat unter anderem auch mit bestimmten Rollenvorstellungen zu tun. Dennoch wäre es zu einfach, zu sagen, dass das Thema nur Frauen betrifft.

Wie kann es gelingen, ohne ein schlechtes Gewissen auch mal „Nein“ sagen zu können?

Erstens ist es wichtig, das Nein aus dieser „Tabuzone“ rauszunehmen. Ich vergleiche Ja- und Neinsagen manchmal mit dem Ein- und Ausatmen. Wir brauchen beides, damit das Leben im Gleichgewicht bleibt. Ein „Nein“ kann Raum schaffen, Grenzen setzen, Sicherheit wiederherstellen. Wir wollen per se ja niemanden verletzen, deshalb fällt es gerade in engen Beziehungen oft schwer, „Nein“ zu sagen. Da hilft es einem, zu unterscheiden, dass sich mein „Nein“ nicht gegen die Person, sondern gegen eine konkrete Handlung richtet. So können wir sehr klar in der Sache, aber wertschätzend gegenüber der Person bleiben. Manchmal kann es hilfreich sein, dem Gegenüber mitzuteilen, wozu mein Nein ein Ja ist. Dabei geht es nicht um Rechtfertigung, sondern um innere und äußere Klarheit. Weiters empfiehlt es sich, lieber früher Nein zu sagen als zu spät, denn dadurch fällt es in der Regel leichter. Nichtsdestotrotz kann ich jederzeit damit beginnen.

In welchen Situationen ist es besonders wichtig, hinter dem eigenen „Nein“ zu stehen?

Neinsagen ist dann besonders wichtig, wenn es um aktive Selbstfürsorge geht. Denn was wir nicht vergessen dürfen, ist, dass wir uns Respekt verschaffen können, indem wir Grenzen klar kommunizieren. Unser Körper ist ein sehr klarer Signalgeber, wenn wir auf ihn hören. Ich hatte mal eine Teilnehmerin, die meinte: „Ich habe das Neinsagen von meinen Bandscheiben gelernt.“ Ich schaute sie etwas verwundert an und sie meinte: „Ja, ich hab’ mich so ausgepowert, bis ich einen Bandscheibenvorfall hatte. Aber seitdem höre ich früher auf meinen Körper.“ Das bedeutet auch, zu mehr Selbst zu stehen, auch wenn es im Außen dafür erst einmal Widerstand gibt.

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Hinter übertriebener Nettigkeit kann die Angst stecken, mit einem „Nein“ anzuecken. Hat nicht „Nein“ sagen zu können, etwas mit „People Pleasing“ zu tun?

Hinter „People Pleasing“ steckt die Idee, dass ich nur dann gemocht werde, wenn ich stets das tue, was jemand anderes von mir will. Das sollte man unbedingt individuell für sich klären, denn sonst wird das zu einem Korsett und die Erwartungen werden immer größer, das schafft langfristig keine Harmonie. Ein „Nein“ ist ein Geschenk der Ehrlichkeit auch mit mir selbst. Und das schöne daran ist, dass auch meine „Jas“ bewusster und sehr viel wertvoller werden, wenn meine „Neins“ klarer werden.

Altruismus ist in unserer Gesellschaft eine gern gesehene Eigenschaft. Wo verläuft die Grenze zwischen gesunder und ungesunder Nettigkeit?

Einer meiner Lieblingssätze von Karl Valentin lautet: „Morgen geh ich mich besuchen, hoffentlich bin ich zu Hause.“ Ganz simpel gesagt, erst wenn ich zu Hause bin, kann ich jemand anderen willkommen heißen. Das bedeutet, erst wenn ich gut für mich Sorge trage, kann ich auch gut für andere da sein. Erst dann ist es eine echte Freude und keine zwanghafte Nettigkeit. Aus dieser bewussten Freiheit der Wahl, ändert sich somit die Qualität der Beziehungen.

Es gibt ja den Begriff des „Helper’s High“. Können Sie erklären, was genau dahintersteckt?

Wir Menschen sind soziale Wesen. Daher werden in uns Glückshormone ausgeschüttet, wenn wir anderen Menschen Freude bereiten. Die moderne Gehirnforschung bestätigt das. Das heißt, wir sind von Natur aus auf Kooperation angelegt. Damit eine gute Zusammenarbeit klappt, braucht es beides, Verständnis und Klarheit, und dazu dient uns sowohl das „Ja“ als auch das „Nein“.

Wann haben Sie das letzte Mal „Ja“ gesagt – obwohl Sie eigentlich lieber „Nein“ sagen wollten?

Das passiert immer wieder, darum habe ich mich auch für das Thema interessiert. Da kann es schon mal passieren, dass ich mich aufgrund von Stress selber übersehe. Was sich aber geändert hat: Ich mache mir keine Selbstvorwürfe mehr, sondern reagiere mit Verständnis für mich. Gleichzeitig kann ich über mich schmunzeln, wenn ich meine eigenen Tipps vergesse: Im Alltag hat vieles oft ganz schnell zu laufen. Da kann ein klarer Puffersatz wie: „Ich melde mich in 20 Minuten bei dir und gebe dir dann Bescheid.“ Zeit verschaffen, um zwischen einem klaren „Ja“ oder „Nein“ zu wählen. Und wie Sie sehen, brauchen wir alle immer wieder einmal eine liebevolle Erinnerung daran.

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