Dritte Orte: Warum sie so wichtig für uns sind
Plätze jenseits von Zuhause und Arbeitsplatz, an denen wir freiwillig Zeit verbringen.
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Die Zimtschnecke ist noch warm, wenn du hineinbeißt. Am Nebentisch blättert jemand durch die Tageszeitung, die meisten Plätze sind an diesem Samstag von jungen Leuten und ihren Matcha-Lattes besetzt. Draußen schiebt sich die Vormittagssonne über ein Hausdach, und wenn dein Blick zur Theke schweift, lächelt dich die Barista an. Du atmest den Kaffeeduft ein, spürst den vertrauten Stoff der Sitzbank und für einen kostbaren Moment gibt es nichts, was erledigt, beantwortet oder entschieden werden muss. Du bist nicht zu Hause, bist nicht bei der Arbeit. Trotzdem fühlt es sich so an, als würdest du hierhergehören. Niemand erwartet etwas von dir, niemand fragt, wie lange du bleibst.
Wo der Alltag Pause macht
Solche Orte kennen die meisten Menschen – auch wenn sie ihnen selten bewusst einen Namen geben. Manche steuern sie gezielt an, andere landen eher zufällig dort und merken erst später, dass sie regelmäßig zurückkehren. In der Sozialwissenschaft nennt man sie „dritte Orte“: Plätze jenseits von Zuhause und Arbeitsplatz, an denen wir freiwillig Zeit verbringen.
Lieblingscafés, Parks, Buchhandlungen, Yogastudios, Vereinsräume, vielleicht auch die Bank am Flussufer – entscheidend ist nicht, wie schick, groß oder laut ein Ort ist, sondern wie er sich anfühlt.
Von Entspannung bis Austausch
Der Begriff geht auf den US-Soziologen Ray Oldenburg zurück, der schon Ende der 1980er-Jahre beobachtete, dass Menschen neben Arbeit und Zuhause noch einen dritten sozialen Raum brauchen. Einen Ort ohne Verpflichtungen, ohne Konsumzwang, Rollen und ohne Leistungsdruck, an dem man weder funktionieren noch etwas darstellen muss.
Oldenburg beschrieb solche Orte als unscheinbare, aber zentrale Bestandteile des Alltags – als Räume, in denen Begegnung beiläufig passiert und genau deshalb so unkompliziert scheint. Anders als im beruflichen Umfeld geht es hier nicht um Ziele oder Ergebnisse. Und anders als zu Hause wartet dort nicht der Wäschehaufen, der verräumt werden will, oder die längst überfällige Steuererklärung. Stattdessen entsteht eine Art Zwischenbereich, an dem man auftauchen und wieder gehen kann, ohne sich erklären zu müssen.

Einfach sein können
Dass der Begriff in den letzten Jahren wieder häufiger auftaucht, hat mit den veränderten Lebens- und Arbeitsrealitäten zu tun. Flexible Arbeitszeiten, Homeoffice und digitale Kommunikation lassen klassische soziale Treffpunkte seltener werden – wer nicht täglich ins Büro fährt, trifft auch keine Kolleg*innen an der Kaffeemaschine.
Wer vieles online erledigt, begegnet weniger Menschen zufällig. Gerade deshalb gewinnen Orte an Bedeutung, an denen Begegnung wieder ungeplant und ohne Termin oder Anlass stattfinden kann. Ein kurzer Wortwechsel beim Bestellen, ein paar Sätze über das Wetter – schon sogenannte Mikro-Momente, die kaum länger als wenige Sekunden dauern, vermitteln ein Gefühl von Zugehörigkeit.
Wie kostbar solche flüchtigen Kontakte sein können, zeigte sich vor einigen Jahren, als sie plötzlich fehlten. Während der Pandemie waren es oft genau diese beiläufigen Begegnungen, die übrig blieben: ein freundliches Nicken an der Supermarktkassa, ein paar Worte mit der Nachbarin im Stiegenhaus.
Durchschnittlich verbringen wir rund ein Drittel unseres Lebens mit Arbeit. Das heißt: Die übrige Zeit, die wir für uns selbst, für Erholung oder für diese beiläufigen Begegnungen haben, ist wertvoll. Es lohnt sich also, sie an jenen Orten zu verbringen, die wir in genau diesem Moment brauchen.

4 Fragen an: Bettina Mahlert
Bettina Mahlert, stellvertretende Leiterin des Instituts für Soziologie der Universität Innsbruck und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Soziologie, erklärt, welche positiven Effekte dritte Orte auf die persönliche Lebensqualität haben:
Aus soziologischer Perspektive sind vor allem zwei Aspekte entscheidend, die eng mit der zunehmenden Individualisierung und Mobilität unserer Gesellschaft zusammenhängen: Zum einen ermöglichen dritte Orte, soziale Zugehörigkeit zu erleben. Zum anderen können sie die persönliche Identität stärken, weil man sie selbst auswählt, sich mit ihnen identifizieren kann und sie die Selbstwahrnehmung positiv beeinflussen. Dazu gehört auch, alternative Rollen oder Gegenentwürfe zu dem auszuprobieren, was man in Familie oder Beruf ist – in einem geschützten Raum. Gerade für Jugendliche können dritte Orte deshalb entscheidend sein, um sich vom Elternhaus zu emanzipieren.
Die Motive, warum Menschen dritte Orte bewusst aufsuchen, statt zu Hause oder anderswo ihre Zeit zu verbringen, sind vielfältig. Manche suchen Ruhe und Rückzug, andere bewusst neue Impulse, Anregung oder „Action“ – abhängig von ihrer jeweiligen Lebenssituation. Dritte Orte können aber auch schlicht ein fester Bestandteil des Alltags sein: eine Routine, die Stabilität gibt, weil man diesen Ort täglich oder wöchentlich zu einer bestimmten Zeit aufsucht.
Durch die Digitalisierung entstehen dritte Orte heute zunehmend im Netz – etwa in der Gaming-Kultur, wo es nicht nur ums Spielen geht, sondern darum, Teil einer besonderen Community zu sein. Online-Räume ermöglichen Beziehungen zu Gleichgesinnten, die räumlich weit entfernt leben und denen man offline gar nicht begegnen könnte. Für marginalisierte Gruppen kann das Netz außerdem wichtige soziale Rückzugs- und Unterstützungsräume bieten. Gleichzeitig können Bedürfnisse nach sozialer Zugehörigkeit im Netz auch zur Radikalisierung instrumentalisiert werden.
Bettina Mahlerts persönlicher dritter Ort ist die Straße – der öffentliche Raum, wo sie das gesellschaftliche Leben beobachten und sich als Teil davon fühlen kann. Da sie viel am Schreibtisch sitzt, hat sie sich angewöhnt, jeden Tag mindestens einmal nach draußen, „unter die Leute“ zu gehen. Für sie ist dieser Raum ein ganz wichtiger dritter Ort.
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Über die Autorin:

Leonie Werus betreut die Ressorts Genuss, Wohnen, Freizeit und Gesundheit. Sie ist ein echter Workhaholic und weiß jede Minute gut für sich zu nutzen. Mit ihren Airfryer, liebevoll Fritti genannt, probiert sie gerne neue Rezepte und versucht nebenbei das TIROLERIN-Team zum Sport zu motivieren – meist leider vergeblich.