Wie stärke ich meinen Selbstwert?

Den eigenen Selbstwert stärken

Wir beleuchten Wege, das Selbstwertgefühl zu steigern, Krisen zu meistern und Vorsätze einzuhalten.

8 Min.

© Ines Weisz Photography

Krieg, Klimawandel, Inflation – um nur drei der derzeit größten Krisen weltweit zu nennen. Viele von uns, auch wenn sie gar nicht direkt von den Krisen betroffen sind, haben Angst oder machen sich Sorgen. Um die Zukunft, um ihre Kinder, um ihr eigenes Leben. Doch nicht nur die welt­umspannenden Krisen machen uns zu schaffen, sondern auch unsere ganz persönlichen Krisen im Alltag. Wie schaffen wir es, aus einer verzwickten, tragischen oder schmerzvollen Situation wieder herauszukommen und wie gehen wir mit Gefühlen wie Angst, Enttäuschung, Trauer oder Wut um?

Wie stärke ich meinen Selbstwert?
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Angst gehört zu unserem Leben dazu. Wenn wir sie betäuben wollen, bauen wir Süchte auf.

Denise Krautz-Wurzinger

Leben wir plötzlich in einer Zeit der globalen Polykrise? Denise Krautz-Wurzinger, Dipl. Psychologische Beraterin und Supervisorin aus Podersdorf, ist davon überzeugt, dass es Krisen schon immer gab, nur die Informationsdichte und Möglichkeiten der Informationsbeschaffung durch Social Media haben enorm zugenommen. Wir treffen uns mit Denise in Po­ders­dorf, wo sie sich vor vier Jahren mit ihrem Mann selbstständig machte und ihren fordernden Job als Managerin bei einem TV-Sender in Wien aufgab, um ins Burgenland zu ziehen und einer erfüllenderen Tätigkeit nachzugehen. Sie erklärt, wie wir unseren eigenen Selbstwert stärken können und warum eine Krise immer auch eine Chance auf gute Veränderung bedeutet.

Du warst im Management bei einem großen internationalen TV-Sender. Warum hast du diesen Job aufgegeben?

Ich habe mich schon als Jugendliche viel mit anderen verglichen. Wie sehen sie mich, wie komme ich an, was gehört sich, was habe ich zu leisten? Dadurch bin ich rasch in einen Anpassungsstrudel gekommen. Ich war in einer Position, in der ich auch mit den Ellbogen arbeiten musste. Irgendwann habe ich mir meine Werte bewusst gemacht und realisiert, wie ich sie tatsächlich lebte, und ich stellte mir die Fragen: Ist es wirklich in Ordnung, wenn meine Werte in meinem Arbeitsumfeld gar nicht so wichtig sind? Mache ich Dinge nur, weil sie von außen von mir erwartet werden?

Es hilft, sich den Ist-Stand vor Augen zu führen. Durch Aufschreiben oder In-Gedanken-Formulieren. Und dann kommt das Schwierige: das Tun, die Veränderung. Davor haben die meisten Angst, aber jede Veränderung birgt eine große Chance, weil sie das hinter sich lässt, was wir eh nicht mehr wollen. Und es erfordert Beharrlichkeit und üben, üben, üben. Ich weiß, das ist nicht sexy.

Wie überwinde ich diese Diskrepanz, wenn ich feststelle, dass es mir in meiner derzeitigen Situation schlecht geht, ich aber gefühlt keine Kraft habe, sie zu verändern?

Gib dir Zeit. Wieso fehlt dir gerade die Kraft, der Mut, der Wille? Ein Grund kann sein, dass der Veränderungswunsch oder der Leidensdruck noch nicht groß genug ist bzw. es noch etwas zu lernen oder zu klären gibt, um dann die derzeitige Situation tatsächlich ändern zu wollen, es zu können und es auch zu tun. Und auch ganz wichtig: Hol dir Unterstützung! Um deine Gedanken und Gefühle zu sortieren und zu verstehen, warum es dir in der aktuellen Situation schlecht geht und wie du wieder zu Kräften kommst. Ein professioneller Blick von außen kann dabei helfen, klarer zu sehen.

Die Nachrichten sind scheinbar voll mit Krisen, die über die ganze Welt verstreut sind und vermeintlich die gesamte Menschheit betreffen. Viele Menschen fühlen sich dadurch belastet und haben Angst. Wie schaffe ich es, mit dieser Angst umzugehen und sie nicht meinen Alltag bestimmen zu lassen?

Krisen gab es immer. Doch die Möglichkeit, Nachrichten und Informationen darüber zu erhalten, ist so groß wie nie zuvor. Es wird auch in den unterschiedlichsten Medien propagiert, wie wir auf diese Krisen „richtig“ zu reagieren haben, damit wir sozial gerecht sind. Wir sollten uns nicht vor den Krisen verschließen, denn sie sind ein Teil unseres Lebens. Angst ist per se nichts Schlechtes, sie gehört zu unserem Leben. Bei allen Gefühlen gibt es kein Richtig oder Falsch. Also sollten wir die Angst annehmen und wissen, dass sie Veränderung bringen kann. Wenn wir die Angst einfach nur loswerden wollen, bauen wir stattdessen Süchte oder Gewohnheiten auf, um sie zu betäuben: übermäßiges Essen, Alkohol oder auch übermäßiger Sport. Das geht bis hin zu psychischen Erkrankungen, wir entwickeln Zwänge, beruhigende Handlungen, die wir dann ständig wiederholen. Das kann bis zu einer Depression gehen.

Wie stärke ich meinen Selbstwert?
Denise Krautz-Wurzinger © Ines Weisz Photography

Wie lässt sich dem entgegenwirken?

Die Angst gehört dazu, ich muss sie nicht wegmachen. Wir wollen immer gerne alles im Griff haben, dabei gibt es so viele Dinge auf der Welt und auch in unserem direkten Umfeld, die wir nicht beeinflussen können. Aber wie wir darauf reagieren und welche Gefühle sie in uns auslösen, daran sind wir maßgeblich beteiligt. Durch die Situationen, die im Außen passieren, können wir eine Chance sehen, uns zu fragen: Was lerne ich gerade über mich, was nehme ich für mich mit, was möchte ich ändern? Wenn ich den Sinn hinter der Angst verstehe, kann ich lernen, mit ihr umzugehen. Und dann komme ich in die Handlung. Dazu sind Achtsamkeitsübungen fein, die leicht in den Alltag eingebaut werden können.

Die erste ist: im Hier und Jetzt zu sein – bewusst. Wenn ich einen Kaffee trinke, dann trinke ich einen Kaffee. Wenn ich ein Buch lese, lese ich ein Buch. Wir sind nicht multitaskingfähig, das ist eine Utopie. Stoppen wir die abschweifenden Gedanken, wandern wir gedanklich nicht in die Vergangenheit oder in die Zukunft – denn dann kommen die Sorgen. Das heißt nicht, dass wir uns keine Ziele setzen sollen oder Träume haben können, aber ich kann mich bewusst entscheiden, JETZT meine Ziele zu formulieren oder vergangene Situationen Revue passieren zu lassen und nicht, während ich gerade eigentlich etwas anderes tue. Wir leben großteils in einem Optimierungswahn, alles muss schneller, besser, weiter sein. Herunterzukommen und mehr Vertrauen aufzubauen wirkt dem entgegen. Lenken wir die Scheinwerfer darauf, was schön ist und gut läuft. Egal wie sehr ich glaube, dass mein Leben gerade schiefläuft, es gibt immer auch schöne Dinge und wenn es nur Kleinigkeiten sind, aber die sollten wir uns bewusst machen und dafür dankbar sein.

Viele stellen sich die Frage: Darf ich glücklich und fröhlich sein, wenn es anderen Menschen schlecht geht?
Ja! Wenn du im Hier und Jetzt bist, dann bist du bei dir. Erlaube dir, Leichtigkeit und Freude zu empfinden, Spaß zu haben und fröhlich zu sein. Dann kannst du auch für andere da sein und ihnen helfen. Dazu ist ein hoher Selbstwert notwendig.

Wie stärke ich meinen Selbstwert?

An deinem Selbstwert zu arbeiten bedeutet, das Vertrauen in dich selbst aufzubauen und zu stärken. Dass du dir über dein Denken, Fühlen, Wollen und Tun bewusst wirst, diese Erkenntnisse eigenverantwortlich lebst, sie selbstsicher vertrittst und stetig prüfst, ob du dir gegenüber integer bist. Akzeptiere das Außen und trage dennoch deinen Teil dazu bei, die Welt ein Stück besser zu machen, aber mehr auch nicht. Du bist für all diese Krisen nicht verantwortlich und kannst sie auch nicht auf einen Schlag ändern. Aber in deinem direkten Umfeld kannst du Veränderungen hervorrufen, in der Art und Weise, wie du mit Krisen im Alltag oder in der Welt umgehst. Es gibt nicht zu viel Selbstwertgefühl. Diejenigen, die mit dicker Hose dasitzen und über andere richten, das ist ein vermeintlich hohes Selbstwertgefühl, das aus einer Unsicherheit entsteht oder einem gekränkten Ego, das nicht aufgearbeitet wurde. Wenn ich ein hohes Selbstwertgefühl habe, bin ich bei mir und nicht im Außen, also muss ich auch nicht andere herabsetzen oder mich überlegen fühlen.

Was hältst du von Jahresvorsätzen und wie schaffen wir es, sie auch einzuhalten?

Der Jahreswechsel ist eine besondere Zeit. Aber unser Leben ist wie ein Fluss: Es gibt das Flussbett, das sind die Rahmenbedingungen, die wir schon erprobt und für gut befunden haben, und dazwischen ist Wasser. Wenn das Wasser steht, wird es trüb und faulig. Es ist nur gesund, wenn es ständig fließt. Also sollten wir das ganze Jahr über immer wieder unsere Gewohnheiten hinterfragen. Wir legen uns meist dann eine Gewohnheit zu, um irgendein bestimmtes Gefühl wegzumachen. Aber das Gefühl hat einen Grund und es darf auch da sein. Wenn ich die Ursache erkenne, warum es da ist, kann ich es besser behandeln, Alternativen finden. Das bedeutet auch, sich selbst zu finden. Und du findest dich nicht nur ein Mal. Du bist ein Prozess.


Vier Schritte, um Vorsätze einzuhalten:

  1. Begreife, dass da etwas ist, das du ändern möchtest, und dass die Ursache dafür IN DIR liegt, das Äußere ist meist nur der Auslöser.
  2. Erkenne die Ursache und habe die Absicht, diese aufzuheben.
  3. Üben, üben, üben und wiederholen.
  4. Prüfen und nachjustieren.

Mehr Infos über Denise und ihre Berufung:
www.krautzsolutions.com

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