Nahes Bild von Wasser

Wie Ambiguitätstoleranz dabei hilft, Perspektiven Anderer zu schätzen

Bridge Over Troubled Water

8 Min.

© Pexels/Lucas Gramatica

Gutes Baumaterial für Brücken: die Ambiguitätstoleranz. Wie wir Widersprüche nicht nur aushalten, sondern handlungsfähig bleiben.

Während diese Zeilen entstehen, feiern die Andalusier:innen gerade die Eröffnung der längsten Hängebrücke Spaniens: Sie wurde über den Desfiladero de los Gaitanes gespannt, ist 110 Meter lang und „schwebt“ bis zu 50 Meter über dem Boden. Nur wenige Wochen zuvor stritten in meiner ungarischen Familie Menschen miteinander, die sich sonst sehr gern haben, über die damals bevorstehenden Wahlen dermaßen intensiv, dass danach lange Funkstille zwischen ihnen herrschte.

Wie kann es sein, dass der Mensch heute im Teamwork spektakuläre Schluchten überbrücken kann und sich parallel Fronten über unterschiedliche Standpunkte mehr denn je zu verhärten scheinen? Das wird hier kein Äpfel-mit-Birnen-Vergleich, die Metapher ist dennoch schön, darum die Frage: Wollen wir uns von scheinbar unüberwindbaren Schluchten ausbremsen lassen – oder doch lieber über Brücken gehen, um weiterzukommen?

Zumindest Freundschaft

In Judith Kohlenbergers Buch „Migrationspanik“ (Picus Verlag) trägt sozusagen die gegenüberliegende Seite der Schlucht den Namen Simon. Sie nennt den Freund so, um seine Privatsphäre zu schützen. Die Soziologin leitet seit Kurzem das neue Forschungsinstitut für Migrations- und Fluchtforschung und -management (FORM) an der Wirtschaftsuniversität Wien. Simon lernte sie via Dating App kennen; sie waren einander sympathisch, bis sich herausstellte, welchen Beruf sie hat, wofür sie sich engagiert – und wie er politisch tickt: Simon ist FPÖ-Wähler.

Geht sich das aus? Die beiden starten eine Art Experiment – und es gelingt ihnen tatsächlich eine gute Freundschaft aufzubauen. Ein Schlüssel dafür? „Ambiguitätstoleranz – und die muss Simon genauso beweisen wie ich“, erklärt Judith Kohlenberger. Ein zukunftsweisender Baustoff, mit dem wir Brücken über gesellschaftliche Schluchten bauen können?

Im Idealfall gelingt es, die Perspektive der Anderen als Bereicherung zu sehen.

Heidi Möller, Psychologin, Coach, Supervisorin

Mehrere Wahrheiten

„Ambiguitätstoleranz ist die Fähigkeit, Diskrepanzen, Mehrdeutigkeit und Unterschiede auszuhalten. Wir sehen es aktuell in Debatten: Die Menschen sehnen sich nach Eindeutigkeit. Wir haben einen amerikanischen Präsidenten, der nahezu in Kindersprache von böse und gut spricht“, beschreibt die renommierte Psychologin und Universitätsprofessorin Heidi Möller, die nach vielen Jahren der Lehr- und Forschungstätigkeit in Deutschland und Österreich, heute Führungskräfte coacht und Unternehmen berät. „Wir leben in einer Welt, die außerordentlich mehrdeutig ist“, sagt sie.

Mit dem sogenannten dichotomen Denken, also komplexe Realitäten in zwei Kategorien einzuteilen, hüpfe man da nicht weit; gefragt sei ein Betrachten der Dinge mit allen Facetten. Wie beispielsweise die Migrationsdebatte. „Natürlich sind Teile der Verwaltung und der Gesellschaft auf der einen Seite überfordert, auf der anderen Seite wollen wir Menschenrechte achten, Menschen, die in Not oder vom Tode bedroht sind, unterstützen. Beide Wahrheiten nebeneinander existieren zu lassen – das meint die Ambiguitätstoleranz“, stellt Heidi Möller klar.

Die erste, die sich mit dem quasi umgekehrten „Phänomen“, nämlich der Intoleranz von Ambiguität beschäftigte, war die Psychologin Else Frenkel-Brunswik bereits in den 1940er Jahren. Die Psychologin musste 1914 nach den Pogromen aus Lemberg nach Wien fliehen und 1938 erneut als Jüdin in die USA. Sie forschte in Berkeley – unter anderem mit Adorno – zum autoritären Charakter und zu Vorurteilsbildung. Im Mittelpunkt der sozialpsychologischen Studien stand etwa die Frage: Was macht Menschen intolerant gegenüber Widersprüchlichkeit? „Eine Antwort ist, dass man es nicht gut schafft, sich in den anderen hineinzuversetzen“, erklärt Heidi Möller.

Angst und Liebe

Vereinfacht gesagt: Mehrdeutigkeit braucht Mehrperspektivität – und die beinhaltet auch den Blick (von außen) auf sich selbst. Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit sei laut Heidi Möller eng damit verbunden, alles unter Kontrolle haben zu wollen. „Eines der für Menschen besonders schwer anzuerkennenden Dinge ist, dass die Zukunft nicht beherrschbar ist. Wir können zu einem großen Teil eingreifen, aber es gibt auch viel Widerfahrenes, das macht den Menschen Angst; wenn sie sagen, ,das muss jetzt so passieren‘ erlangen sie vermeintlich temporär Kontrolle.“

Tatsächlich zukunftsweisend sei aber die Kompetenz, unter Unsicherheit Entscheidungen zu treffen, „das ist sowohl in der Arbeitswelt als auch im Privatleben überlebenswichtig, andernfalls können keine guten komplexen Handlungsstrategien entwickelt werden“, erklärt die Psychologin. Die Flucht in ein Schwarzweißdenken sei gerade in herausfordernden Zeiten auch eine Art Bewältigungsmechanismus – mit dem konkreten Nachteil, dass unterkomplexes Denken zu keinen guten Lösungen führe.

Ambiguitätstoleranz braucht es auch in der Liebe – nämlich dann, wenn die rosarote Brille von der Nase rutscht. „Wenn der Nucleus Accumbens (wichtige Schaltstelle im Belohnungssystem des Gehirns, Anm.) nicht mehr feuert und plötzlich deutlich wird: Du lieber Himmel, der schnarcht! Der hat Schweißfüße! – Wenn ich hier die Ambiguitätstoleranz entwickle, wird aus dem Verliebtsein Liebe“, lacht Heidi Möller. Die Fähigkeit lasse uns ebenso etwa eine Chefin als eine fachlich gute Vorgesetzte wertzuschätzen, selbst wenn sie etwa „entscheidungsschwach“ ist.

Runter vom Gas

Anstatt sofort zu bewerten, empfiehlt die Expertin die Dialogtechnik des Suspendings: die Dinge wie Luftballons fliegen und die Perspektive oder die Meinung der anderen wirken lassen. „Unterschiedlichkeiten wahrzunehmen, braucht auch innere Spannungstoleranz. Die ist je nachdem, wie stark mich ein Thema existenziell bedroht, umso schwieriger aufzubringen.“ Sie erinnert etwa an die Diskussionen um die Covid-Impfungen, die mitunter Familien entzweite.

Nicht förderlich für die wertvolle Ambiguitätstoleranz ist das Tempo in den sozialen Medien, „Perspektivwechsel bedürfen einer gewissen Entschleunigung. Durch schnelles Reagieren wird eher etwas Unflexibles gefüttert.“ Eine Strategie zum Nachmachen: Ein ehemaliger Spitzenpolitiker habe die Abende früherer Koalitionsverhandlungen mit der Bitte geschlossen, die Kolleg:innen mögen sich bis zum Folgetag vorstellen, der bzw. die andere hätte recht. „So kann man aufeinander zugehen, so kann soziale Empathie entstehen.“

Ambiguitätstoleranz kann dazu beitragen, dass die politische Selbstwirksamkeit steigt.

Esther Hovekamp, Psychologin

Apropos Politik

Wieso erleben wir zuletzt eine enorme gesellschaftliche Spaltung? Antworten darauf suchte Esther Hovekamp mit einer Untersuchung für ihre Psychologie-Masterarbeit an der Universität Innsbruck. Eine motivierende Erkenntnis beschreibt sie im Interview so: „Eine hohe Ambiguitätstoleranz kann dazu beitragen, dass die politische Selbstwirksamkeit – und damit auch die politische Partizipation ansteigt. Je besser wir Widerstände, Widersprüchlichkeiten, Mehrdeutigkeiten aushalten, desto eher glauben wir daran, dass das politische System offen ist für Veränderungen und wir selber Einfluss darauf haben.“ Der Mehrwert für die Demokratie: Menschen, die an ihre politische Selbstwirksamkeit glauben, gehen wählen, unterschreiben Petitionen, sind offen für Diskussionen.

Demnach sei es lohnenswert, Ambiguitätstoleranz und politische Selbstwirksamkeit zu fördern. Die Sozialen Medien können ein Tool sein, den analogen Raum aber nicht ersetzen, findet Esther Hovekamp. „Es liegt viel Potenzial darin, wenn Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen aufeinander treffen. Algorithmen und Künstliche Intelligenz bestätigen Meinungen vorwiegend und die Menschen kommen kaum mit anderen Positionen in Berührung. Das sehe ich als Gefahr für die Demokratie.“

Hinzu käme das ureigene menschliche Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Gemeinsamkeiten, so dass man zumeist ungern die eigene Bubble verlässt. Für einen lebendigen Diskurs brauche es den respektvollen Austausch unterschiedlicher Positionen in analogen Begegnungen, gute politische Bildung in der Schule, die Transparenz von politischen Prozessen – und Berichterstattung, die sich weniger an Defiziten orientiert.

Psychologische Sicherheit

Im Idealfall gelinge es sogar, das Andere als Bereicherung zu sehen, betont Heidi Möller, „in gut funktionierenden Teams passiert genau das“. Die Voraussetzung dafür: ein Klima psychologischer Sicherheit. Dieses Konzept dient der Kreativität und der Gesundheit, es ermöglicht, nicht nur die eigenen Standpunkte zu vertreten, sondern das Andere zu hören und Mehrdeutigkeit zuzulassen. „Wenn Teams unter psychologischer Sicherheit arbeiten, haben die Menschen keine Angst davor, das Risiko einzugehen, anders zu denken, anders zu sein oder Fehler zu machen; wenn das Klima von sozialer Empathie getragen ist, haben unterschiedliche Ideen Platz, ohne dass sie sofort bewertet werden.“

Buchcover von "Resist!"
© leykam Verlag

Exkurs: Ambiguitätsfeminismus

Sie haben das Wort noch nie gehört? Dann empfehle ich das Buch „Resist!“ der „Lila Podcast“-Hosts Laura Lucas, Lena Sindermann und Gründerin Katrin Rönicke. Die Autorinnen beleuchten unerschrocken auch jene Themen im Feminismus, „die uns selbst noch Kopfzerbrechen bereiten“, sagt Katrin Rönicke. Der selbst erschaffene Begriff Ambiguitätsfeminismus bringt den Work-in-Progress-Zustand zum Ausdruck – mit dem Ziel, Diskursräume offen zu halten, in denen unterschiedliche Haltungen sicher (!) geäußert werden können.

Ein Beispiel: die (nur scheinbar widersprüchliche) Forderung nach Akzeptanz der Geschlechtervielfalt und nach mehr Gendermedizin in Forschung und Versorgung. „Weil ich in der Perimenopause bin, weil Männer mehr Testosteron haben, heißt das nicht automatisch, dass wir uns auf eine bestimmte Weise verhalten. Gleichzeitig sagt mir meine Transfreundin, dass es emotional ganz anders bei ihr abgeht, seit sie Hormone nimmt. – Wir müssen immer darauf achten, in welchen Bereichen die Biologie wichtig ist.

Frauen haben beispielsweise andere Symptome bei einem Herzinfarkt, das übersehen bis heute auch viele Ärzt:innen“, erklärt Katrin Rönicke. Um weiterzukommen, gelte es Ambiguitäten, nicht nur auszuhalten, sondern auch offen zu besprechen. „Das Paradoxe am Feminismus war schon immer ein bisschen, dass wir die Kategorie Geschlecht erst einmal sehr dramatisieren müssen, bevor wir es ent-dramatisieren.“

Eine ganz Große im Wachrütteln war die kürzlich verstorbene Valie Export: Weltbekannt wurde ihr „Tapp und Tastkino“ (1968). Im Rahmen einer Straßenperformance schnallte sich die Künstlerin einen Kasten als Mini-Kinosaal vor die nackten Brüste. Die Betrachter:innen durften „zugreifen“; mit der Aktion prangerte sie die Objektifizierung von Frauenkörpern im Kino an.

Die Autorin Katrin Rönicke abschließend: „Viele wollen gerne den zweiten vor dem ersten Schritt gehen, aber wir leben noch in einer sehr patriarchal geprägten Gesellschaft. Wir müssen zunächst aufzeigen, wo es Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen gibt, bevor es in eine Gesellschaft mündet, in der Geschlechter nicht mehr so eine große Rolle spielen.“

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