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ADHS: Eine Superpower?

Wie das Leben mit ADHS wirklich ist

11 Min.

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Je nach Bubble könnte man meinen, ADHS sei allgegenwärtig. Dass es verstärkt ins Bewusstsein rückt, sei gut, es zu verklären kontraproduktiv, betont die Psychologin Monika Speil. Wie es tatsächlich ist, mit ADHS zu leben, erzählte uns eine Familie.

Manchmal fühlte es sich an, als hätte er „Feuerameisen“ im Körper, sagte Dorian seiner Mama damals. „Das brennt, ich kann nicht mehr sitzen, ich kann nicht mehr denken.“ So happy sei er gewesen, als er an der HTL aufgenommen worden war, beschreibt sie. Doch diese innere Unruhe kannte er schon. Auch die Konsequenzen, wenn er sich nicht konzentrieren, die Aufgaben, die zu erledigen waren, nicht einmal vollständig notieren konnte. „Er wollte die Schule abbrechen.“

Kerstin Danzer-Fromm ist Sportpsychologin, Tanzsporttrainerin – und stolze Mutter zweier Söhne. Es gibt aber Episoden in ihrem Heranwachsen, die sie lieber anders erlebt hätten. Diese könnte Kerstin, als damals oft verzweifelte und an sich zweifelnde Mutter, hinter sich lassen. Die beiden sind heute 20 und 21 und machen ihren Weg. Doch sie beschloss – mit dem Einverständnis der Söhne – darüber zu reden. In der Hoffnung, mit ihrer Geschichte anderen Familien und vor allem Kindern, einige schmerzhafte Erfahrungen ersparen zu können.

Dorian hat eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Das erste Mal tauchte die Vermutung im Kindergarten auf, doch selbst Expert*innen waren sich damals noch nicht einig, was das bedeutete. In den vergangenen zehn Jahren ist auf dem Gebiet viel passiert, weiß die Klinische und Gesundheitspsychologin Monika Speil. Es entsteht mitunter der Eindruck, ADHS sei überall Thema. Das verleitet sogar, zu leichtfertig mit dem Begriff umzugehen. Dass die ADHS-Diagnosen mehr werden, davon geht aber die Psychologin aus, „weil man mit dem heutigen Wissen genauer hinschauen kann. Die Leidensgeschichten waren früher sicher dieselben. Aber viele mussten einfach durch – haben es auch nicht gut geschafft und sind aus dem Schulsystem rausgefallen.“

Mehrere Studien belegen, dass der Anteil von Jugendlichen mit ADHS in Haft deutlich höher ist als in der Allgemeinbevölkerung. Welche Türen Kindern und Jugendlichen offenstehen, kann hier noch intensiver damit zusammenhängen, in welchem Umfeld sie aufwachsen, wie intensiv auf sie eingegangen werden kann. Über Intelligenz und andere Kompetenzen sagt die Diagnose nichts aus, das Internet ist voller Namen von Persönlichkeiten mit ADHS. Der erfolgreiche Schauspieler und Kabarettist Simon Schwarz veröffentlichte erst kürzlich sein Buch „Geht’s noch? – Betrachtungen eines Überforderten“ (mit Ursel Nendzig, Verlag Ueberreuter).

So ist das Familienleben mit ADHS wirklich

Dorian bereitet sich aktuell auf seine Matura vor – und entschuldigt sich bei meinem Besuch, dass er wenig Zeit hat. „Ich habe mich oft gewundert, warum ich anders bin“, erinnert er sich. „Ich hatte Probleme mit Körperkontakt, wenn ich ein Gespräch geführt habe, konnte ich vieles nicht kontrollieren: Ich musste ständig nachdenken, alles interpretieren, das hat mich unter Stress gesetzt.“ Woran liegt das? – „ADHS ist ein angeborener, veränderter Gehirnstoffwechsel; das Gehirn von einem kleineren Teil von Personen funktioniert aufgrund eines Neurotransmitter-Ungleichgewichts anders“, erklärt die Psychologin Monika Speil. Es ist zu wenig Dopamin verfügbar, der Neurotransmitter hilft uns, uns zu steuern. Die mangelnde Steuerungsfähigkeit wirkt sich auf unterschiedliche Bereiche aus – und führt etwa zu Aufmerksamkeitslenkungsdefizit, Hyperaktivität, Impulsivität bzw. Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation. „Das muss nicht immer Wut sein, das können auch Angst oder Traurigkeit sein“, sagt Monika Speil. Ein Kinofilm, den andere unterhaltsam spannend finden, kann durchaus zur Überforderung führen, sodass manchmal ein Jugendlicher – oft zum Unverständnis seines Umfelds – lieber daheim bleibt.

Die Diagnose darf frühestens ab sechs Jahren gestellt werden; ab Schuleintritt werden von Kindern spezifische Kompetenzen verlangt: Sie sollen ruhig sitzen und sich konzentrieren können, Leistungsanforderungen erfüllen und Frustrationstoleranz entwickeln. In der Regel fallen Pädagog:innen Kinder mit ADHS bald in der Klasse auf, „angepasste Kinder“ können aber durchrutschen, weiß die Psychologin. „Dann heißt es vielleicht: Sie ist halt nicht schnell oder nicht ehrgeizig, aber ein liebes Mädchen. Was nicht gesehen wird, ist der Leidensdruck dahinter. Kinder können diesen oft nicht ausdrücken und Kinder mit ADHS sind sehr geschickt darin zu antizipieren, was sie können werden und was nicht, um die eigene Erwartungshaltung anzupassen.“

Dorian hatte als kleines Kind Schwierigkeiten beim Einschlafen, die Fantasiegeschichten, die er selbst erfand, halfen ihm dabei, erzählt Kerstin Danzer-Fromm. Er war gerne allein, bei Einladungen und in der Schule gab es oft Troubles. War sie unter Zeitdruck und nahm in Eile seine Hand, konnte es passieren, dass er abrupt stehen blieb und nicht weiterging. Schuhe, die am Vortag im Geschäft noch toll waren, drückten plötzlich unerträglich. Es gelang ihm nicht, Ordnung zu halten, er tat sich mit dem Schreiben schwer und selbst damit, die Hausübungen zu notieren. Es schien ihm alles zu schnell zu sein, immer wieder wird sie in die Schule zitiert, aber dass er nicht gescheit genug sei, wollte Kerstin nicht gelten lassen. Dann stellt sich heraus, dass Dorian Legasthenie hat und ADHS steht wieder im Raum. Er bekommt Medikamente, die er nur kurz nimmt. Vor mehr als zehn Jahren sei die Angst vor unerwünschten Wirkungen groß gewesen, räumt Kerstin ein.

Sie lässt sich von den Rückschlägen in der Volksschule nicht beirren und geht mit ihm zu einem Tag der offenen Tür an einem Gymnasium, Dorian löst dort spontan ein komplexes Mathematikbeispiel. „So etwas schaffen nur wenige“, ermunterte sie ein Lehrer. Die Aufnahmsprüfung klappte, aber bald folgte die Ernüchterung: ein Fünfer nach dem anderen. „Das Aufgaben-Machen war ein Horror, wir saßen oft bis spät nachts“, erinnert sie sich.

Davon berichten Familien häufig, sagt die Expertin Monika Speil. Wenn dann noch die Nachricht kommt, dass zusätzlich geübt werden soll, steigt der Stresslevel weiter. „Man kann aber davon ausgehen, dass der Leidensdruck der Eltern noch immer geringer ist als der der Kinder. Bei einer ADHS-Diagnose geht es nie darum, dass es Pädagog:innen oder Eltern leichter haben, den Kindern geht es immer schlechter.“ Zum Glück hätten aber Kinder für gewöhnlich die Fähigkeit, von einer Minute auf die andere die Schule beiseite schieben zu können. Nachdem ADHS angeboren ist, kennen sie auch kein anderes Leben. „Erst einige Jugendliche bemerken: Meine Freunde setzen sich hin und lernen, wieso klappt das bei mir nicht?“

Darauf gibt es mehrere Antworten. Kinder mit ADHS haben auch Schwierigkeiten bei Exekutivfunktionen wie Planen, Organisieren, Zeitwahrnehmung. Der Dopaminmangel hat einen Einfluss auf die Motivation, aber es könnte schon daran scheitern, dass unklar ist, was die Aufgaben sind. Die nächste Hürde sei die Konzentration, sagt Monika Speil. „Mit ADHS ist nicht nur die Aufmerksamkeitsspanne kurz, auch die Ablenkbarkeit ist hoch, weil alles andere mehr Dopamin ausstößt als die Schulsachen.“

Wenn ADHS endlich diagnostiziert wird

Der Druck seitens der Schule wuchs, und so sehr Kerstin dagegen ankämpfte, sich fachlich beraten ließ, konnte sie nicht umhin, selbst Druck weiterzugeben. Sie wollte eine gute Ausbildung für ihren Sohn, heute blickt sie traurig auf diese Zeit zurück. „Was soll aus dir werden?“, habe sie ihn eines Abends gefragt. „Er lag schon im Bett und sagte zu mir: ,Mama, glaubst du denn nicht, dass ich auch gut sein will?‘“, erzählt Kerstin und ihre Augen füllen sich mit Tränen.

In der dritten Klasse versiegte bei Dorian die Motivation komplett. Kerstin hoffte, dass das Wiederholen einer Klasse den Stress reduzieren könnte. „Doch das hat seinen Selbstwert komplett zurückgehauen“, beschreibt sie. Er fragte selbst: „Können wir nicht noch mal austesten?“

Das ist bei ADHS eine komplexe Angelegenheit, weil es keinen Biomarker gibt, der eindeutig den Dopaminspiegel im Gehirn anzeigt. Getestet können Symptome werden, erklärt die Psychologin Monika Speil. „Beispielsweise die Aufmerksamkeitssteuerung und die Impulskontrolle. Für die anderen Bereiche sind Gespräche und Verhaltensbeobachtung wichtig. Es gilt immer, das Gesamtbild anzuschauen.“

Dorian war etwa zwölf, als bei ihm ADHS festgestellt wurde – und ein durchschnittlicher bis überdurchschnittlicher IQ. „Ein ganz wichtiges Ergebnis für ihn“, sagt Kerstin. Er sei gescheit und verfüge über besondere Fähigkeiten, habe sie ihm erklärt, und dass er Strategien brauche, um etwa gut durch die Schule zu kommen, weil bloß die Welt, in der er lebe, nicht optimal für ihn sei.

„Die Diagnose beinhaltet immer auch den Aspekt der Erleichterung, es hilft, die fünf Mal mehr durchzuatmen, wenn das Kind provokant ist, Grenzen nicht einhält, sich nicht zur Hausübung setzt“, führt die Psychologin Monika Speil aus. Ihre ersten Empfehlungen sind Ergotherapie und Psychoedukation: „Eltern und Kind müssen wissen, womit sie es zu tun haben.“

Kerstin besprach die Diagnose ebenso mit Dorians Lehrer:innen – und stieß – wenn auch nicht ausschließlich – auf Verständnis und Kompromissbereitschaft. Wo es etwa schriftlich haperte, sollte er seine Note mit Referaten verbessern können.

Dann kam Corona. Und während viele massiv unter den Maßnahmen litten, kamen Dorian die Homeschooling-Strukturen entgegen. Er beschloss: Er will in die HTL. Der Start gelang gut, eine misslungene Mutprobe bescherte ihm aber bald einen Liegegips. Woraufhin eine seiner HTL Lehrer:innen ihm regelmäßig auf der Heimfahrt seine Aufgaben brachte. „Da war ich das erste Mal komplett entlastet, weil die Lehrer:innen auch wollten, dass er es schafft“, ist Kerstin dankbar. Doch als sich danach der normale Schulalltag einstellte, tauchten erneut seine inneren „Feuerameisen“ auf. Dorian spürte, dass er die langen Tage nicht aushalten wird können. Er wollte aufhören.

Stellt sie eine ADHS-Diagnose, rät Monika Speil immer, eine:n Psychiater:in zu kontaktieren. „Medikamente können das Neurotransmitter-Ungleichgewicht im Gehirn ausbalancieren“, erklärt sie. Salopp gesagt: Ein neurodivergentes Gehirn kann dann für einige Stunden wie ein (gesellschaftlich) normales Gehirn funktionieren. „Diesen gut steuerbaren, koordinierten Zustand über einen längeren Zeitraum kennenzulernen, hat auch positive Effekte auf die Zeit ohne Medikamente.“
Abermals fasste sich Kerstin ein Herz – übrigens stets in Absprache mit Dorians Vater, von dem sie getrennt lebt – und kontaktierte einen Kinder- und Jugendpsychiater.

ADHS kann das Selbstwertgefühl mindern

Neurodivergente Gehirne bereichern unsere Gesellschaft, aber ich würde es nicht verklären.

Monika Speil, Klinische und Gesundheitspsychologin

Dass ADHS via Social Media mitunter als Superpower gelabelt wird, kann die Psychologin Monika Speil durchaus nachvollziehen. „Ich bin überzeugt davon, dass wir als Gesellschaft heute nicht da wären, wo wir sind, wenn es keine neurodivergenten Gehirne geben würde“, sagt sie. Menschen mit ADHS können eine immense Begeisterungsfähigkeit für Dinge entwickeln, die sie interessieren. Weil sie Schwierigkeiten haben, Grenzen zu akzeptieren, kann das auch dazu führen, dass sie bei einer Sache nicht dort aufhören, wo etwas nicht funktioniert. „Sie entwickeln Problemlösefähigkeiten, die über das Gewohnte hinausgehen.“

Dennoch warnt die Expertin davor zu verklären. „Es bleibt eine Störung, die immer dazu führen wird, dass man Nachteile gegenüber neurotypischen Gehirnen hat.“ Sie bedauert, dass noch immer der Mythos kursiere, von Behandlungen abzusehen, um möglichst früh zu lernen, damit umzugehen. „Eine nicht diagnostizierte ADHS wirkt sich auf den Selbstwert aus – unbehandelt kann sie über die Jahre etwa zu Depressionen oder Angststörungen führen.“

Erfolge feieren

„Ich habe mir erst kürzlich mein früheres HTL-Zeugnis angeschaut, da waren einige Vierer. Seit ich Medikamente nehme, wurde mein Zeugnis von Jahr zu Jahr besser“, erzählt Dorian. Parallel dazu spielte er in einem Baseballteam und ist begeisterter Kindergruppenleiter bei den Pfadfindern. „Ich tue mich heute leichter, mit Leuten zu sprechen. Für mich waren die Medikamente wie eine Rettung. Während der Wirkzeit fühlt es sich für mich so an, als wäre ich jetzt passend in der Menschenmenge.“

Die Medikamente haben viel verändert, sagt auch Kerstin Danzer-Fromm. „Ich bin gleichzeitig sehr stolz auf Dorian, weil er mit Support Strategien und Kompetenzen entwickeln konnte, wie er mit dieser Welt umgehen kann“, sagt sie. Froh ist sie außerdem, selbst auch Supervision und Elterntraining gemacht zu haben, um ihn unterstützen und ihn gut spüren lassen zu können, dass sie Vertrauen in ihn hat. Nicht nur schulisch macht Dorian seinen Weg, „er hat heute auch einen tollen Freundeskreis aus Menschen, die ihn genauso schätzen, wie er ist“.

Tipps zu ADHS

Bücher

Fabian Grolimund & Stefanie Rietzler: Erfolgreich lernen mit ADHS und ADS,
Verlag hogrefe

Cordula Neuhaus: ADHS bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen,
Kohlhammer Verlag

Hilfreiche Podcasts & Videos:

http:/adhshilfe.net

Instagram:

@learnlearning.withcaroline

@liniert.kariert

Buchtipps für Kinder:

Saskia Niechzial, Lara Hacker: Wilma Wolkenkopf,
Jupitermond Verlag

Stefanie Rietzler, Fabian Grolimund: Lotte, träumst du schon wieder?,
Verlag hogrefe

Mira Anders: Finn und das Abenteuer ADHS,
mira-anders.de

Roman-Empfehlung:

Cornelia Travnicek: Ich erzähle von meinen Beinen,
Picus Verlag, erscheint am 25. Februar 2026

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