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“An Rap kann man gut ablesen, wie Gesellschaft funktioniert – auch beim Thema Männlichkeit”

Rap-Forscherin Heidi Süß erklärt im Gespräch, was Rap-Musik über unsere Gesellschaft verrät – und wie sich Männlichkeit gerade verändert.

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Als die Rapperin Ikkimel Anfang Juli im deutschen Frühstücksfernsehen, dem ZDF-Morgenmagazin, ihren Song „Fußballmänner“ performte, war der Aufschrei in den Kommentarspalten groß: Das Studiopublikum reagierte auffallend zurückhaltend, der Auftritt ging auf TikTok viral und andere fragten, wofür sie eigentlich Rundfunk-Gebühren zahlen würden. Der Sender musste sich schließlich öffentlich rechtfertigen. Männliche Kollegen hingegen texten seit Jahrzehnten mindestens genauso explizit über Sex, Gewalt und Drogen, ohne dass es je zu so einer Aufregung kommt.

Warum gelten harte Männer im Rap als cool, während Rapperinnen ihre Texte immer wieder erklären müssen? Und was verrät das über unsere Gesellschaft? Heidi Süß, Soziologin, Professorin und Gründerin des Berliner Instituts für Popkultur- und Rap-Forschung, beschäftigt sich seit Jahren mit Rap, Geschlecht und Männlichkeit. „Rap ist für mich eine wichtige Gegenwartskultur“, sagt sie. „Eigentlich wird darin alles verhandelt, was auch in der Gesamtgesellschaft verhandelt wird, wie Zugehörigkeit, soziale Teilhabe, Rassismuserfahrungen oder eben Geschlechterverhältnisse.“ Im Gespräch erklärt sie, warum Rap mehr ist als Musik – und warum junge Männer gerade auf der Suche nach neuen Bildern von Männlichkeit sind.

Heidi Süß ist Soziologin und Professorin. Sie hat zu Kritischer Männlichkeit im Deutschrap promoviert und mit Marc Dietrich das Berliner Institut für Popkultur- und Rap-Forschung gegründet. Aktuell erscheint ihr gemeinsam mit Friederike Frost herausgegebener Sammelband „Der Körper im Hip-Hop“. © Lutz Jäkel-Laif

Im Rap spielen Härte, Stärke und Unverletzlichkeit oft eine große Rolle. Was steckt für dich dahinter, wenn sich Männer besonders hart inszenieren?

Heidi Süß: Wir sehen gerade einen Backlash. Während viele junge Frauen emanzipiert und progressiv sind, beobachten wir bei jungen Männern teilweise eine Rückbesinnung auf traditionelle, sehr einfache Bilder von Männlichkeit. Diese hypermaskuline Inszenierung gibt es aber nicht nur im Rap: Wir finden sie auch in der Politik, im Sport oder in der sogenannten „Manosphere“. Es wirkt auf mich manchmal wie der Versuch, etwas aufrechtzuerhalten, das im gelebten Alltag so nicht mehr selbstverständlich ist.

Heute sind junge Männer zunehmend dazu aufgefordert, sich mit ihrer eigenen Identität als Männer auseinanderzusetzen. Das ist relativ neu. Früher war Männlichkeit die Norm, und wenn über „Geschlecht“ gesprochen wurde, waren meistens nur Frauen gemeint. Jetzt wird Männlichkeit selbst als Geschlechtskategorie sichtbar, und viele müssen sich plötzlich mit ihrer gesellschaftlichen Position und möglichen Privilegien auseinandersetzen.

© Unsplash/Karsten Winegeart
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Warum kann diese Entwicklung gerade für Männer so verunsichernd sein?

Wir sehen gerade viele junge, feministische Frauen und FLINTA*-Personen (Anm. der Redaktion: Frauen, Lesben, Intergeschlechtliche, Nicht-binäre, Trans und Agender Personen), für die es völlig normal ist, dass Frauen im Rap existieren – für mich war das in meiner Jugend kaum vorstellbar. Feminismus ist längst im Mainstream angekommen: Da werden Tamponohrringe getragen, die Vulva in Gips gegossen oder Vulvaseife auf dem Flohmarkt verkauft.

Auf der anderen Seite haben wir eine Generation junger Männer, die dieser Emanzipationswelle hinterherhinkt, weil sie sich selbst noch gar nicht aus der patriarchalen Zurichtung befreit haben – auch männliche Sexualität ist ja total stereotypisiert und aufgeladen, mit Potenz und Leistungsdruck. Wenn das nicht passiert, kann das offensichtlich verunsichern.

Trägt das auch dazu bei, dass sich manche Rapper besonders hart und cool geben?

Ja, definitiv. Junge Frauen sind oft emanzipiert, wählen vor allem links, während die Jungs sich stark konservativ zurückbesinnen auf traditionelle, archaische Bilder von Männlichkeit – entsprechend auch im Wahlverhalten. Rechte Parteien sind bei jungen Männern besonders hoch angesehen, während die Linken eher bei Frauen punkten.

Vielleicht ist diese Rückbesinnung der letzte Versuch, etwas aufrechtzuerhalten, was im gelebten Alltag gar nicht mehr selbstverständlich ist. Wir Frauen haben schon mehrere Frauenbewegungen hinter uns, ein großes Vokabular und Strategien – viele Männer müssen erst noch verstehen, dass die Befreiung von dieser patriarchalen Zurichtung auch ihnen selbst guttun wird.

© Unsplash/Bruno Guerrero
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Warum fällt es vielen Männern so schwer, sich davon zu lösen?

Die Forderung an Männer heute ist ziemlich hoch: Sie sollen sensibel sein, Gefühle zulassen und Care-Arbeit übernehmen, aber gleichzeitig wünschen sich viele immer noch bestimmte traditionelle Eigenschaften. Wir können nicht so tun, als würden Frauen diese Bilder nicht ebenfalls reproduzieren. Viele wollen einen progressiven, fürsorglichen Mann, aber gleichzeitig auch jemanden, der Stärke ausstrahlt und Sicherheit vermittelt. Dieses „Gesamtpaket“ ist kaum einzulösen.

Was wäre ein guter Weg, Männer auf dieser Suche nach neuen Bildern von Männlichkeit mitzunehmen?

Man sollte empathisch und auf Augenhöhe miteinander umgehen. Wenn wir zu radikal oder mit erhobenem Zeigefinger auf Männer zugehen, verlieren wir manche eher. Wir müssen außerdem stärker über die Pluralität von Männlichkeiten sprechen – die meisten Männer sind weder „toxisch“ noch hochprogressive Feministen. Dafür brauchen wir auch mehr Vorbilder. Gerade im digitalen Raum haben problematische Männlichkeitsbilder, siehe Andrew Tate, dieses Feld stark besetzt.

Niemand wird automatisch Sexist, nur weil er einen Rap-Song gehört hat.

Heidi Süß, Rap- und Männlichkeits-Forscherin

Machen harte und scheinbar unnahbare Rapper Jugendliche besonders anfällig für solche Männlichkeitsbilder?

Ich würde sagen: ja und nein. Rap ist nicht die einzige Sozialisationsinstanz, Familie, Schule und die Clique spielen ebenfalls eine große Rolle. Aber natürlich orientieren sich Jugendliche an ihren Idolen. Diese Gangster-Rap-Figuren sind oft sehr beeindruckend: groß, tätowiert, unnahbar, teure Kleidung, schnelle Autos – viel Show, letztlich ein Image. Gerade für Jugendliche, die noch nicht genau wissen, wo sie mit ihrer eigenen Identität stehen, bietet das ein großes Identifikationspotenzial.

Niemand wird automatisch Sexist, nur weil er einen Rap-Song gehört hat – wie Musik wirkt, hängt von ganz vielen Dingen ab. Aber man darf auch nicht ignorieren, dass es in der Musik problematische Weltbilder gibt. Wenn Jugendliche das über Jahre hören, ohne dass jemand mit ihnen darüber spricht, kann das ihre Einstellung schon beeinflussen. Das heißt aber nicht, dass jemand nach einem Song automatisch so handelt, wie es im Text beschrieben wird.

Die Rapperin Ikkimel sorgt mit expliziten Songs regelmäßig für Diskussionen. Männer texten seit Jahrzehnten über Sex, Gewalt und Drogen. Warum kippt die Stimmung oft, wenn Frauen Ähnliches machen?

Bei Figuren wie Ikkimel geht es natürlich auch um Sexualität und Selbstsexualisierung. Wir erleben gerade viele junge, emanzipierte Frauen, für die es ganz normal ist, dass Frauen im Rap stattfinden und offen über Sexualität sprechen. Gleichzeitig hinken manche Männer dieser Entwicklung hinterher und fühlen sich davon verunsichert. Es ist immer noch gewöhnungsbedürftig für viele, wenn sich Frauen oder FLINTA*-Personen aggressive Sprache „aneignen“, die lange als männlich galt. Ein Begriff ist nicht per se misogyn oder empowernd – es kommt darauf an, wer ihn wie und mit welcher Absicht verwendet.

Die deutsche Rapperin Ikkimel bei einem Konzert im Jahr 2025 © Shutterstock
Die deutsche Rapperin Ikkimel bei einem Konzert im Jahr 2025 © Shutterstock

So gibt es viele talentierte Acts, die wegen ihres Geschlechts abgewertet werden. Gleichzeitig dürfen sich mittelalte Männer, die selbsternannten Urväter und Veteranen der Kultur, wahnsinnig viel herausnehmen, weil sie so etwas wie einen Legenden-Status haben. Sie sagen problematische Dinge und es heißt dann nur: „Naja, so ist er halt.“ Das hat man auch bei der MeToo-Debatte im Rap gesehen. Diese Diskurse gibt es im Rap genauso wie in der Gesamtgesellschaft – deswegen kann man an Rap auch so gut ablesen, wie Gesellschaft funktioniert, auch bei Männlichkeit.

Im Rap wird oft über einzelne, „harte“ Wörter diskutiert. Was geht verloren, wenn wir Texte nur moralisch als „gut“ oder „schlecht“ bewerten?

Das Problem ist, dass wir uns zu sehr auf einzelne Begriffe einschießen. Ein einzelnes Wort sagt noch nichts über das gesamte Weltbild aus, entscheidend ist der Kontext. Rap besteht außerdem aus Bildern, Videos, Ästhetik, Image und Lifestyle, nicht nur aus Text. Natürlich gibt es im Rap auch problematische, misogyn geprägte Weltbilder, die sollten wir nicht ignorieren. Aber es geht auch nicht um eine einfache Kausalität nach dem Motto: Jemand hört einen Song und verhält sich anschließend genauso.

© Unsplash/Joel Muniz
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Du hast gesagt, dass es heute im Rap viel mehr unterschiedliche Erzählungen und Identifikationsmöglichkeiten gibt als noch vor zehn Jahren. Wo siehst du diesen Wandel am deutlichsten?

Einer der auffälligsten Wandlungsprozesse sind die neuen Repräsentationsverhältnisse zugunsten von FLINTA*-Personen. Dazu hat auch die Digitalisierung beigetragen: Man ist heute nicht mehr abhängig von großen Labels oder von Hip-Hop-Magazinen, die früher vor allem von Männern gemacht wurden.

So viele Identifikationsmöglichkeiten wie heute gab in der Geschichte des deutschen Rap noch nie.
Und gleichzeitig sollten wir aufhören, bei jedem Schimpfwort gleich Panik zu bekommen. Rap kann ein sehr gutes Mittel sein, um mit jungen Menschen ins Gespräch zu kommen – über Männlichkeit, Vaterschaft, Migration, Rassismus oder Identität.

Mehr zur Autorin dieses Beitrags:

Tjara Marie Boine Tirolerin
© Birgit Pichler

Tjara-Marie Boine ist Redakteurin für die Ressorts Business, Leben und Kultur. Ihr Herz schlägt für Katzen, Kaffee und Kuchen.

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