Handysucht bei U16-Jährigen: Junges Mädchen schaut auf ihr Handy

Anna-Sophie Standl: “Kindheit ist vorbei, sobald das Handy kommt”

Anna-Sophie Standl spricht über die Auswirkungen von Social Media auf Kinder und Jugendliche, ihre persönlichen Erfahrungen mit digitalem Stress und die Forderung nach strengeren Altersgrenzen.

8 Min.

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Die gebürtige Oberösterreicherin Anna-Sophie Standl war 30 Jahre alt, als sie einen Schlaganfall erlitt. Vermutliche Ursache: digitaler Stress. Heute hält die Wahl-Wienerin Workshops – vor allem für Kinder und Jugendliche. Für sie ist völlig klar: Das geplante Social Media-Verbot greift viel zu kurz und müsste auf unter 16-Jährige ausgeweitet werden. Warum sie das fordert und wie sich ihr Leben ohne Social Media verändert hat, erzählt sie im Interview.

Sie sagen sehr entschieden, dass Social Media Kindern schadet. Dabei waren Sie selbst lange als Influencerin auf Social Media aktiv. Was ist passiert?
Anna-Sophie Standl: Dafür ist in erster Linie der Schlaganfall verantwortlich, den ich mit 30 hatte. Das erste Buch, das ich danach gelesen habe, war „Sorge dich nicht, lebe“ von Dale Carnegie. Meine Erkenntnis daraus war, dass ich wahrscheinlich zu viel Stress habe. Ein zweiter Gedanke war, dass das vielleicht am Handy liegen könnte – und so habe ich mich über „digitalen Stress“ informiert.

Das zweite Buch, das ich dann gelesen habe, war „Die Smartphone-Epidemie“ von Manfred Spitzer. In der Folge habe ich die Menschen um mich herum beobachtet und bin draufgekommen, dass fast alle – etwa in der U-Bahn – nur noch ins Handy schauen. Was mir vorher natürlich nicht aufgefallen ist, weil ich selbst eine davon war. Mich dann von Social Media zu lösen, war ein Prozess, der etwa zwei Jahre gedauert hat.

Was hat sich für Sie dadurch verändert?
Ich spüre erst jetzt den Unterschied. Ich bin viel glücklicher, weil ich nicht mehr das Gefühl habe, ständig präsent sein zu müssen, und auch diesen Vergleichsdruck nicht mehr spüre. Außerdem kann ich diese Zeit jetzt in mich selbst investieren. Ich gehe laufen und nicht auf Instagram zum Doom-Scrolling.

Handysucht bei U16-Jährigen: Social-Media-Experting Anna-Sophie Standl
Social-Media-Expertin Mag. Anna-Sophie Standl © Antje Wolm

Wenn Sie einen Workshop heute mit einem vor fünf Jahren vergleichen: Was hat sich bei Kindern und Jugendlichen am deutlichsten verändert?
Ich halte meine Workshops in Brennpunktschulen ebenso wie in Privatschulen, aber was sich durchzieht, sind die zum Teil wirklich extrem hohen Bildschirmzeiten. Außerdem schauen Kinder und Jugendliche immer mehr Blödsinn. Dazu kommen KI-generierte Inhalte, die oft täuschend echt aussehen. Ich war kürzlich in einer Schule, wo ein Nackt-KI-Bild von einer Schülerin erstellt wurde. So etwas hat es vor fünf Jahren zum Beispiel noch nicht gegeben.

Welche Probleme begegnen Ihnen heute besonders häufig?
Cybermobbing wird immer mehr zum Problem. Was immer schon da war und nie vergehen wird, sind Streitereien und Spam-Nachrichten in WhatsApp-Gruppen, wo sich die Kinder gegenseitig 10.000 Mal „Hallo“ oder „Wie geht’s?“ schicken. Dadurch bekommen sie täglich einen Schwall an Nachrichten und das verringert in der Folge ihre Aufmerksamkeitsspanne, weil sie ständig bei allem gestört werden, was sie gerade machen – sei es einen Film anzuschauen oder die Mathe-Hausübung zu machen. Ich bin mit diesen Veränderungen mitgewachsen und habe meine Workshops an die Bedürfnisse der Kinder angepasst. Ein Workshop heute ist ein völlig anderer als vor fünf Jahren.

Das Problem ist diese schnelle Dopamin-Ausschüttung durch Social Media, von der immer mehr Kinder und Jugendliche abhängig werden.

Mag. Anna-Sophie Standl

Welche Themen sind heute deshalb wichtiger als früher?
Ich spreche viel über die Tricks von sozialen Medien, mit denen sie uns so lange wie möglich am Bildschirm halten wollen. Was sich verändert hat und jetzt viel mehr Thema ist, sind Spiele und deren Gefahren. Außerdem beschäftigen wir uns auch mehr mit den Fragen: Warum bin ich denn überhaupt so viel am Handy? Was versuche ich darin zu finden? Und was fehlt mir im echten Leben?

Sie sagen, dass Kinder und Jugendliche zunehmend mit der ständigen Verfügbarkeit von Reizen zu kämpfen haben. Warum ist das so problematisch?
Das Problem ist diese schnelle Dopamin-Ausschüttung durch Social Media, von der immer mehr Kinder und Jugendliche abhängig werden. Ihr Gehirn ist überhaupt nicht bereit, mit so viel Dopamin umzugehen, und deshalb völlig überfordert. Und das ist ganz naheliegend, nachdem es sogar vielen Erwachsenen wahnsinnig schwerfällt, das Handy aus der Hand zu legen. Man braucht sich nur in öffentlichen Verkehrsmitteln umzusehen. Nahezu jeder klebt an seinem Handy. Wie sollen dann Kinder, deren Gehirn noch nicht einmal ausgereift ist, mit so viel Dopamin umgehen können?

Das Handy hatte mich in der Hand und nicht ich das Handy!

Mag. Anna-Sophie Standl

In Ihren Workshops erzählen Sie auch von Ihrer eigenen Geschichte. Wie kommt das bei den Kindern und Jugendlichen an?
Das Tragische ist, dass sie es verstehen und es sich auch anders wünschen würden. Ich sehe, dass es etwas mit ihnen macht. Weil es natürlich etwas völlig anderes ist, wenn da jemand vorne steht, der selbst von seinen eigenen Erfahrungen sprechen kann, als jemand, der nur Theoriewissen von sich gibt. Wir wissen alle, dass es schlecht ist, aber ich habe es durchlebt – mit allen negativen Konsequenzen. Das Handy hatte mich in der Hand und nicht ich das Handy.

Sie sind sehr strikt für ein Social-Media-Verbot für unter 16-Jährige. Was hat Sie zu dieser klaren Haltung bewegt?
Weil ich sehe und erlebe, was Social Media mit Kindern und Jugendlichen machen kann. Wenn elfjährige Mädchen zum Beispiel eine Essstörung entwickeln, weil sie tagtäglich superschlanke Influencerinnen in ihrem Feed sehen. Oder ihnen in diesem Alter schon vermittelt wird, dass Botox oder Schönheits-OPs völlig normal sind. Das ist doch Wahnsinn, oder? Ich finde, dass ein Handy ein Tool sein soll, das einem das Leben vereinfacht. Ohne Google Maps am Handy wäre ich zum Beispiel aufgeschmissen, weil ich mit meinen Workshops jeden Tag in einer anderen Schule bin.

Sie sind aber nicht grundsätzlich gegen Social Media?
Nein! Ich verteufle Social Media nicht komplett. Es gibt unfassbar tolle Influencer auf dieser Welt. Sie sind rar, aber es gibt sie. Und wenn du denen folgst, um im echten Leben weiterzukommen, um deiner mentalen und körperlichen Gesundheit etwas Gutes zu tun, oder dir – wie ich zum Beispiel – neue Klavierstücke mit Piano Tutorials beibringst, ist das großartig.

Eltern muss bewusst sein, dass die Kindheit ihrer Kinder vorbei ist, sobald sie ihnen ein Handy geben.

Mag. Anna-Sophie Standl

Ein Experte hat gesagt: Sobald Kinder mit sozialen Medien in Kontakt kommen, ist ihre Kindheit vorbei. Sehen Sie das auch so drastisch?
Ja, definitiv! Wobei ich nichts dagegen habe, wenn Kinder mal Videos von „Checker Tobi“ oder „Sendung mit der Maus“ schauen. Aber diese ganzen sinnbefreiten Videos sind so aufgebaut, dass pures Dopamin in den Kindern ausgelöst wird. Sie sind dann einfach nur noch hibbelig, können überhaupt nicht mehr ruhig sitzen und lernen auch nicht, sich selbst zu beschäftigen. Eines meiner Lieblingszitate lautet: „Sometimes you have to disconnect to stay connected.“ Deswegen heißt auch meine Firma dis-connect.me. Der emotionale Zugang zueinander geht verloren. Ich habe das selbst ja genauso erlebt.

Welche Rolle spielen die Eltern beim Umgang ihrer Kinder mit Smartphones?
Tatsächlich spielen sie die größte Rolle. Wichtig ist deshalb, ein Bewusstsein bei den Eltern zu schaffen, dass die Kindheit ihrer Kinder vorbei ist, sobald sie ihnen ein Handy geben. Weil sie dann Zugang zu allem haben. Sie können zum Beispiel auf Pornhub gehen, dort auf „Ich bin über 18“ klicken und schon sehen sie Dinge, für die sie noch viel zu jung sind.

Vielen Eltern ist auch nicht bewusst, dass ihre Kinder bei Spielen oder auf Social Media mit Erwachsenen in Kontakt kommen können. Stichwort Pädophilie. Sie sind nach der Arbeit einfach froh, wenn das Kind auf der Couch sitzt und Ruhe gibt. Das ist aber kontraproduktiv. Ideal wäre es, wenn Eltern einen Kurs belegen, bevor das Kind überhaupt geboren wurde, um sie dafür zu sensibilisieren. Aus diesem Grund mache ich auch Workshops für werdende Eltern.

Angenommen, die Bundesregierung würde ein Social Media-Verbot für unter 16-Jährige ab morgen durchsetzen. Was müsste zusätzlich passieren, damit sich tatsächlich etwas zum Positiven verändert?
Unsere Bundesregierung müsste sich erstmal Eier wachsen lassen. Ich war nämlich schon im Parlament und habe dort gesagt, dass es zum Beispiel der größte Schwachsinn ist, den Kindern in Schulen mit zehn Jahren ein Tablet in die Hand zu geben. Die Antwort war: Jetzt haben wir es schon, jetzt müssen wir damit umgehen lernen, bla bla bla. Ein 13-Jähriger kann ja auch nicht in die Trafik gehen und sich dort Zigaretten kaufen. Ich hoffe, dass es mit Social Media irgendwann einmal genauso sein wird. Zusätzlich braucht es Aufklärung, Aufklärung, Aufklärung.

Wir brauchen digitale Bildung in der Schule. Warum wird heute noch Latein unterrichtet? Weitaus wichtiger wäre es, dass unser veraltetes Bildungssystem endlich mit der Zeit geht. Als Erwachsene sind wir für die neuen Generationen verantwortlich. Sie sind unsere Zukunft. Doch wenn künftig alle depressiv in der Wohnung herumhängen und am Handy sitzen – wie sollen sie da unsere Zukunft bilden? Dass sich da nicht mehr tut, macht mich wirklich wütend.

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