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Schönheitsnormen im Wandel: Warum werden Körper wieder besprochen?

Schön verpackt

9 Min.

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Das Skinny-Ideal ist zurück. Nur die Sprache hat sich verändert. Über alte Schönheitsnormen in neuem Gewand und die Frage, wie wir heute über Körper sprechen.

Ein schnelles Wischen auf dem Smartphone, und die Zeitreise beginnt: Hüfthosen, die tief auf den Beckenknochen sitzen, extrem schlanke Silhouetten im grellen Blitzlicht und Ästhetiken, die sich anfühlen wie das Jahr 2002. Nur “Size Zero” sagt heute niemand mehr. Die Diät heißt nicht mehr Diät, sie kommt als Wellness-Routine, Clean Eating oder “Healthy Lifestyle” daher. Und während wir dachten, die Diskussion über Frauenkörper zumindest ein kleines Stück weitergebracht zu haben, ist “Skinny” wieder ein Trendbegriff.

Dabei haben wir in den vergangenen Jahren einiges gelernt. Dass “Du hast abgenommen!” nicht automatisch ein Kompliment ist. Dass Gesundheit keine Kleidergröße hat. Dass wir nicht wissen, warum ein Mensch zu- oder abnimmt. Und vor allem: dass fremde Körper kein öffentliches Diskussionsthema sein sollten.

Und dann ist da Ariana Grande. Diesen Sommer stand die Sängerin mit ihrer “Eternal Sunshine”-Tour wieder Abend für Abend auf der Bühne. 41 Shows, unzählige Fotos und Videos – und eine Diskussion, die sie durch die Tour begleitete: jene über ihren Körper. Die einen finden, Grande sei “zu dünn”, andere kritisieren genau solche Kommentare. Dazwischen steht ein Satz, der in diesen Debatten fast immer fällt: Man mache sich doch nur Sorgen. Aber wie kritisiert man ein Schönheitsideal, ohne dabei wieder Frauenkörper zu kritisieren?

Same, but different

Frauen, die mit den Körperbildern der 90er- und 2000er-Jahre aufgewachsen sind, kommt einiges davon ziemlich bekannt vor. Sophie Forster-Vogelsberger, Autorin von “Dein Körper ist kein Trend”, beschäftigt sich auf Social Media seit Jahren mit Diätkultur und Körperbildern und hat selbst eine Essstörung erlebt. Für sie fühlt sich die aktuelle Entwicklung wie ein “Déjà-vu-Moment” an. Sie erinnert sich an “Problemzonen”, Low-Fat-Produkte, die perfekte Bikinifigur und Magazine, die uns erklärten, was noch wegtrainiert werden müsse. Viele Frauen ihrer Generation hätten später jahrelang versucht, ihren Wert nicht mehr vom eigenen Körper abhängig zu machen. Und nun ist vieles davon wieder da. Wobei “wieder” vielleicht nicht ganz stimmt.

“Sie waren nie weg”, sagt Kristina Hametner über dünne Schönheitsideale. Die Leiterin des Wiener Programms für Frauengesundheit beschäftigt sich seit Jahren mit gesellschaftlichem Schönheitsdruck. Ideale würden sich zwar verändern, ein schlanker Körper sei in unserer westlichen Gesellschaft aber konstant positiv besetzt geblieben. Neu ist weniger der Wunsch nach einem bestimmten Körper. Neu ist, wie wir darüber sprechen.

Keine Diät sondern Lifestyle?

Diät? Nein, Wellness. Die Diätkultur der 2000er machte aus ihrem Ziel kein Geheimnis. Heute klingt das Ganze angenehmer. Wir machen einen “Reset”, essen clean, reduzieren Zucker, optimieren unsere Morgenroutine, setzen auf Longevity und trainieren für “Pilates Arms”. Natürlich ist nichts davon automatisch problematisch. Sport tut gut. Eine ausgewogene Ernährung ebenso. Und sich um die eigene Gesundheit zu kümmern, ist grundsätzlich eine gute Idee. Problematisch wird es dort, wo unter den neuen Begriffen dieselbe alte Botschaft steckt. “Nicht mehr Diät, sondern Lifestyle”, sagt Forster-Vogelsberger. Alte Gedanken würden sich heute teilweise “in einem süßen Pilates-Outfit” tarnen. Denn trotz neuer Begriffe halte sich die Vorstellung, ein bestimmter Körper würde uns glücklicher, erfolgreicher, begehrenswerter oder wertvoller machen. “Nur die Sprache hat sich verändert.”

Für Forster-Vogelsberger liegt genau darin das Problem: Entscheidend sei weniger, wie etwas genannt wird, sondern welche Botschaft dahintersteckt. Wenn am Ende wieder vermittelt wird, der aktuelle Körper sei nicht gut genug und müsse verändert werden, macht es wenig Unterschied, ob darüber “Diät”, “Balance” oder “Longevity” steht. Auch Stefanie Truttmann beobachtet diese Verschiebung. Die klinische Psychologin, die in ihrer Arbeit vorwiegend Jugendliche begleitet, spricht bei manchen Entwicklungen im Netz von “Pro-Ana 2.0”. Problematische Inhalte sind heute nicht immer sofort als solche erkennbar. Sie können zwischen Clean Eating, High Protein, No Sugar, Fitness-Content oder vermeintlichen Recovery-Accounts auftauchen. Diätkultur ist also nicht verschwunden. Sie hat nur ziemlich gutes Rebranding betrieben.

Schönheitsnormen im Wandel: Projekt Körper

Dazu passt eine zweite Entwicklung: Der ideale Körper soll heute nicht nur schön sein. Er soll etwas über uns erzählen. Fit. Diszipliniert. Gesund. Erfolgreich. Kontrolliert. Für die Frauengesundheitsexpertin Kristina Hametner steckt dahinter auch eine gesellschaftliche Leistungslogik. Wenn ein bestimmter Körper als machbar gilt, entsteht schnell die Annahme, man müsse nur genug dafür tun: richtig essen, regelmäßig trainieren, die richtigen Produkte kaufen, konsequent genug sein. Auch der Boom rund um Abnehmspritzen spielt in diese Entwicklung hinein. Körpergewicht wirkt noch stärker veränderbar. Und wenn etwas als machbar gilt, kann auch der Druck steigen, es tatsächlich zu machen.

Dass rund um unseren Körper enorme Märkte entstanden sind, ist dabei kein Nebenaspekt. Allein die globale Beautyindustrie hat ein Volumen von rund 450 Milliarden US-Dollar.”VieleIndustrien profitieren davon, dass wir ständig unzufrieden sind. Sie machen uns unzufrieden und leben dann von unserer Unzufriedenheit”, sagt die Expertin. Und diese Logik braucht ein Ziel, das sich immer weiter verschiebt. Es wäre verfehlt zu glauben, dass Frauen irgendwann schön, schlank oder “gescheit genug” sein könnten, um endgültig zufrieden zu sein. Ist ein Ideal erreicht, entsteht das nächste.

Wie stark dieser Optimierungsdruck bei jungen Menschen angekommen ist, zeigen aktuelle Zahlen aus Österreich. Laut einer repräsentativen Befragung der Gesundheit Österreich GmbH aus dem Dezember 2025 hat fast jede zweite Person zwischen 16 und 25 Jahren durch Social Media das Gefühl, den eigenen Körper verändern zu müssen. Auch Filter hinterlassen Spuren: 30 Prozent finden sich damit schöner, bei jungen Frauen sind es sogar 45 Prozent. Noch deutlicher wird der Unterschied beim Thema Schönheitsoperationen: Unter jungen Menschen mit intensiver Social-Media-Nutzung denken 31 Prozent darüber nach, bei geringerer Nutzung nur fünf Prozent. Social Media beeinflusst damit offenbar nicht nur, was wir sehen, sondern auch, was wir am eigenen Körper für veränderungswürdig halten.

Was ist eigentlich normal?

Social Media allein verursacht keine Essstörung, betont Stefanie Truttmann. Die Entstehung sei komplex und multifaktoriell, soziale Medien könnten bestehende Unsicherheiten aber verstärken. Entscheidend sei auch, was wir ständig sehen: “Je öfter ich ein bestimmtes Bild in sozialen Medien, in der Werbung oder generell in der Öffentlichkeit sehe, desto eher wird dieses Bild als normal empfunden”, erklärt Truttmann. Gerade in der Pubertät, wenn Identität und Selbstbild erst entstehen, seien junge Menschen besonders beeinflussbar.

Vor allem Beauty- und Fitness-Influencer:innen prägen laut den Jugendlichen den Blick auf den eigenen Körper. Verglichen wurde natürlich auch früher. Nur waren die Vergleichspersonen damals Models, Schauspielerinnen oder Popstars auf Magazincovers und Plakaten. Heute stehen die vermeintlichen Vorbilder jeden Morgen mit uns auf. Influencer:innen zeigen Frühstück, Workout, Mittagessen, Outfit, Abendroutine und den Matcha dazwischen. Truttmann spricht von “Fake-Nähe”. Wer einer Content-Creatorin jeden Tag folgt und scheinbar ihren kompletten Alltag kennt, wirkt erreichbarer als ein Hollywoodstar. Und damit kann auch das Ideal erreichbarer wirken.

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Nur besorgt?

Und hier kommt Ariana Grande wieder ins Spiel. Denn “Ich mache mir Sorgen” klingt zunächst fürsorglicher als “Sie ist zu dünn”. Ganz so eindeutig ist die Grenze trotzdem nicht. Truttmann warnt davor, starke Veränderungen im eigenen Umfeld aus Angst, etwas Falsches zu sagen, komplett zu tabuisieren. Wenn wir einen Menschen gut kennen und merken, dass etwas nicht stimmt, kann ein sensibles Gespräch sinnvoll sein.

Bei einer prominenten Frau, deren Gesundheitszustand wir nicht kennen, sieht die Sache anders aus. Unter dem Begriff “Concern Trolling” wird genau dieses Phänomen diskutiert: Ein Körper wird bewertet, die Bewertung aber als Sorge verpackt. Hametner sieht darin teilweise eine alte Logik in neuem Gewand. Die öffentliche Sorge helfe der betroffenen Person nicht, sondern setze sie vor allem noch stärker unter Druck.

Viele Industrien profitieren davon, dass wir ständig unzufrieden sind.

Kristina Hametner, Leitung Frauengesundheit Wien

Im Gespräch bringt sie das Dilemma auf einen simplen Punkt: Frauen werden fürs Abnehmen gelobt, bis eine unsichtbare Grenze erreicht ist und aus “schlank” plötzlich “zu dünn” wird. Nehmen sie zu, setzt die Bewertung in die andere Richtung ein. “Frauen können es so oder so nicht richtig machen.” Auch Forster-Vogelsberger weiß aus eigener Erfahrung, wie wenig sich Gesundheit von außen beurteilen lässt. Ihre Essstörung begann lange bevor Außenstehende sie ihr ansehen konnten. Deshalb plädiert sie dafür, “Körper nicht als Diagnoseinstrument zu benutzen”. Denn ein Körper erzählt uns nicht, warum er so aussieht. Dünn bedeutet nicht automatisch krank. Dick nicht automatisch ungesund. Und Gesundheit lässt sich nicht zuverlässig aus einem Foto lesen.

Awareness statt Avoidance

Heißt das also: besser gar nichts mehr sagen? Auch das wäre zu einfach. Truttmann spricht von “Awareness statt Avoidance”. Es brauche ein Bewusstsein für problematische Entwicklungen, ohne automatisch die Person zu bewerten, an der wir sie gerade zu erkennen glauben. Auch Hametner widerspricht der Idee, wir seien beim Thema Körper grundsätzlich sprachlos geworden. “Wir haben eine Sprache. Wir dürfen sie nur nicht an einzelnen Personen festmachen.” Die richtige Sprache adressiere nicht die Person, sondern die Schönheitsnormen. Also nicht: Warum sieht sie so aus? Sondern: Warum ist genau dieser Körper gerade wieder besonders sichtbar? Warum gilt er als begehrenswert? Welche Eigenschaften verbinden wir damit? Welche Produkte und Versprechen hängen daran? Und wer verdient daran? Statt einen Körper zum Problem zu erklären, sprechen wir darüber, warum ausgerechnet dieser Körper gerade zum Ideal gemacht wird.

Weniger Body Talk

Auch bei Body Positivity hat sich etwas verschoben. Die Soziologin und Frauengesundheitsexpertin erinnert daran, dass deren ursprüngliche Idee nicht lautete, jeden Körper schön finden zu müssen. Es ging vielmehr darum, Körper nicht ständig zu bewerten. Aus “Jeder Körper ist wertvoll” wurde im Mainstream aber schnell “Jeder Körper ist schön”. Auch das kann zur Aufgabe werden: Jetzt soll man den eigenen Körper nicht nur akzeptieren, sondern möglichst jeden Tag feiern. Sophie Forster-Vogelsberger findet den Gedanken der Body Neutrality deshalb hilfreicher. “Ich muss meinen Körper nicht jeden Tag lieben, um liebevoll mit ihm umzugehen.” Body Neutrality nimmt den Druck raus, den eigenen Körper ständig bewerten zu müssen. Er muss weder täglich geliebt noch optimiert, gefeiert oder erklärt werden. Nicht jeder Körper muss zum Statement werden. Nicht jede Veränderung braucht einen Kommentar. Denn über den Körper einer fremden Frau wissen wir meist erstaunlich wenig. Über die Erwartungen, die wir an ihn stellen, dagegen ziemlich viel.

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