Femizid: Schwarz-Weiß-Porträt eines Mannes, dessen Gesicht zur Hälfte im Schatten liegt, als Symbolbild für Gewalt und Bedrohung.

Femizid überlebt: Nicole Dills Kampf um Gerechtigkeit

Nicole Dill überlebte einen versuchten Femizid. 18 Jahre kämpfte sie um Gerechtigkeit – und bekam schließlich in Straßburg recht.

9 Min.

© Pexels/Yusuf

Nicole Dill überlebte einen versuchten Femizid: Ihr Täter verschleppte, vergewaltigte und folterte sie und schoss mit einer Armbrust auf sie. Obwohl den Behörden seine Vorgeschichte bekannt war, konnte er die Tat begehen.

Es beginnt mit einer kleinen Geste auf einer Hotelterrasse in Luzern (Schweiz). Nicole Dill will ihren Kaffee bezahlen, doch der Herr ein paar Tische weiter hat die Rechnung bereits übernommen. Sie bedankt sich und bleibt im Gespräch hängen. Es ist November 2006. Dill ist 37 und steht mit beiden Beinen im Leben. Der Mann wirkt gepflegt, höflich und aufmerksam. „Man hätte nie geglaubt, dass er so viel Böses in sich trägt“, sagt sie heute.

Was sie damals nicht wissen kann: Dieser Mann wurde 1993 wegen Mordes und Vergewaltigung zu zwölf Jahren Haft verurteilt und kam 2001 bedingt frei. 2006 laufen erneut Verfahren gegen ihn, unter anderem wegen Drohung und Nötigung gegenüber einer früheren Partnerin. Er wird wieder unter Auflagen entlassen, muss sich bei der Polizei melden und eine Psychotherapie absolvieren. Ein Gutachten warnt vor gewalttätigen Eskalationen in Krisensituationen, besonders gegenüber Intimpartnerinnen. Nicole Dill kennt nur den Mann, der ihren Kaffee bezahlt hat.

Femizid: Porträt der Autorin Nicole Dill, die sich in ihrem Buch mit Gewalt, Justiz und dem eigenen Überleben auseinandersetzt.
© Monique Wittwer

Wenn Nähe zur Kontrolle wird

Anfangs umsorgt er sie liebevoll und wirkt zärtlich. Von einer früheren Haft­strafe erzählt er zwar, deren wahre Gründe verschweigt er aber. Dill fragt nicht nach. Wäre etwas wirklich Schlimmes geschehen, denkt sie, würde er doch im Gefängnis sitzen. Monate später bekommt das Bild Risse. Vor einem Skiwochen­ende mit Kolleginnen setzt er sie so unter Druck, dass sie früher heimfährt. Als sie ein anderes Mal mit einer Freundin essen geht, versucht er sie rund 30-mal telefonisch zu erreichen. Eifersucht wird zu Kontrolle. Er droht, sich das Leben zu nehmen, falls sie ihn verlässt.

Sie ruft den Hausarzt ihres Partners an. Der rät ihr zu einer Trennung und informiert mit ihrem Einverständnis die Polizei. Am nächsten Tag meldet sich ein Beamter. Der Polizist hält sich bedeckt und sagt einfach nur, sie solle den Notruf wählen, falls etwas passiert. Die kriminelle Vorgeschichte nennt er nicht. Das Wissen liegt an verschiedenen Stellen des Systems. Bei der Frau, deren Leben davon abhängt, kommt es nicht zusammen. „Es ist krass, dass ein Datenschutzgesetz vor einem Menschenleben steht. Der Polizist hätte sich dem Amtsgeheimnis entbinden lassen dürfen – er hat meinen Täter bestens gekannt. Er hat mir nichts gesagt, obwohl er hätte können, sollen und müssen.“

Die Nacht im September 2007

Am 19. September 2007 abends beendet Dill die Beziehung per E-Mail. Kurze Zeit später steht ihr Expartner vor der Wohnung. Er gelangt durch ein hoch gelegenes Badezimmerfenster hinein, reißt ihr das Telefon aus der Hand und packt sie. Dill täuscht eine Verletzung vor und bittet ihn, sie ins Krankenhaus zu bringen. Er stimmt zu, fährt sie jedoch zu sich nach Hause. In seiner Garage parkt er so dicht an der Wand, dass Dill die Tür nicht öffnen kann. Er versperrt das Garagentor. Zwei Stunden lang versucht er bei laufendem Motor, sie und sich mit den Abgasen zu töten. Dill redet und beschwichtigt, doch „es war kein Durchdringen mehr“, erinnert sie sich. „Er war in einer anderen Welt.“

Er zerrt sie aus dem Auto, vergewaltigt sie auf der Motorhaube. Dann steht er etwa eineinhalb Meter vor ihr, eine Handarmbrust in der Hand. Dill hört das Klicken, sieht den Bolzen in ihrem Körper und verliert das Bewusstsein. Er zieht ihn heraus, spannt die Waffe erneut und schießt ein zweites Mal, reißt den Pfeil erneut aus ihrem Körper und schießt ein drittes Mal. Der dritte Bolzen dringt so tief ein, dass er ihn nicht mehr herausziehen kann. Beide Lungenflügel werden verletzt, ein Schuss streift das Herz, das Projektil bleibt in der Leber stecken.

Als Dill zu sich kommt, inzwischen an Händen und Füßen gefesselt, wirft er sie halb nackt in den Kofferraum und fährt rund zwei Stunden umher. Sie treibt zwischen Bewusstsein und Ohnmacht. Nach der Irrfahrt bringt er sie zurück, legt sie auf ein Bett, läuft mit einem großen Messer durch das Zimmer und fragt, wo das Herz liege. Dill hat kaum noch Kraft. Sie spricht von „uns“, um ihn wieder in ein gemeinsames Denken zu holen, und bringt ihn dazu, seinen Psychologen anzurufen und ihr den Hörer zu geben.

Am Telefon sagt sie ihren Namen und dass etwas Schlimmes passiert sei. Auf die Frage, ob er die Ambulanz rufen solle, antwortet sie dem Psychologen: „Ja, dringend.“ Zunächst kommt der Psychologe allein. Als er gegen 9.30 Uhr die Blutspuren und Dill sieht, alarmiert er Rettung und Polizei. Eine Spezialeinheit überwältigt den Täter, gegen 10 Uhr erreicht Dill das Luzerner Kantonsspital. Rund elf Stunden sind vergangen.

Die Ärzte wissen anfangs nicht, ob sie die Operation überleben wird. Es folgen Intensivstation, Reha, starke Schmerzmittel und zeitweise rund 30 Tabletten am Tag. Dill muss wieder lernen zu atmen, aufzustehen und zu gehen. Ihre Vergangenheit als Leistungssportlerin habe ihrem Körper geholfen, sagen die Ärzte später. Zwei Tage nach der Tat nimmt sich der Täter in Untersuchungshaft das Leben, indem er sich mit einer zerbrochenen Seifenschale die Pulsadern aufschneidet. Erst danach erfährt Dill, wie viel über ihn bekannt war.

Sie hätte ihre Trennung anders geplant, hätte sie seine Vergangenheit und die Warnungen der Gutachter gekannt. Ihr Urvertrauen zerbricht. Männer, die ihm ähnlich sehen, eine bestimmte Stimme oder die Farbe eines Autos sind nur wenige Beispiele, die die Nacht bis heute zurückholen. Anfangs erträgt sie kaum Nähe; nur ihre Brüder dürfen sie umarmen. „Ich habe gelernt, damit zu leben“, sagt sie.

Das Böse hat kein Warnschild

Nicole Dills Geschichte verstört, weil ihr Täter im Alltag aufmerksam und liebevoll wirken und selbst Fachleute für sich einnehmen konnte. Das Böse kam ohne sichtbares Zeichen. Es saß an einem Tisch, bezahlte einen Kaffee und führte ein interessantes Gespräch. In jedem Menschen wohnen helle und dunkle Seiten. Die Grenze verläuft dort, wo Kontrolle in Gewalt umschlägt und ein Mensch einem anderen die Würde und beinahe das Leben nimmt.

War die liebevolle Seite vollkommen gespielt oder glauben Sie, dass Gutes und Böses in ihm waren?
Nicole Dill: Ich glaube, es war beides in ihm. Dann kamen Situationen, in denen das Böse überhandnahm. Als er merkte, dass ich ihm entgleite, wurde es immer schlimmer.

Hat diese Nacht Dein Menschenbild zerstört?

Nicole Dill: Komplett. Die Nacht vom 19. September 2007 hat mein altes Leben ausgelöscht. Auch das Urvertrauen in Menschen war weg. Ich musste alles wieder lernen, auch mir selbst zu vertrauen.

Was hat Dir während dieser elf Stunden geholfen, weiterzudenken und um edin Leben zu kämpfen?

Ich war früher Spitzensportlerin. Meine körperliche Konstitution hat mich wohl am Leben erhalten. Und ich wusste: Ich bin zu jung, um zu sterben. Ich will leben. Diese Kraft und dieser Wille haben mich am Leben gehalten.

Ich wusste, ich bin zu jung, um zu sterben. Ich will leben.
Nicole Dill, überlebendes Femizidopfer

Wie begegnest Du Menschen heute?

Ich höre sehr genau zu, schaue, wie sich jemand bewegt und gibt. Wenn es Ungereimtheiten gibt, frage ich nach. Am Anfang war das extrem, mittlerweile konnte ich ein paar Antennen einziehen. Wer in einer Lüge lebt, widerspricht sich irgendwann.

18 Jahre bis zum Urteil

Dill will wissen, weshalb niemand die Gefahr neu bewertet und Schutzmaßnahmen eingeleitet hat. Im März 2011 übernimmt Rechtsanwalt Atilay Ileri das Mandat nach unerfolgter Mandatsführung und klagt gegen den Kanton Luzern. Sie durchlaufen alle Instanzen in der Schweiz und scheitern vor jedem Gericht. Am 21. November 2019 bringt Ileri den Fall nach Straßburg an den Gerichtshof für Menschenrechte. Am 3. April 2025, fast 18 Jahre nach der Tat, erhält sie endlich Recht im Recht: Die Schweiz hat ihre Schutzpflicht aus Artikel 2 der Europäischen Menschenrechtskonvention, dem Recht auf Leben, verletzt.

Nach dem Urteil hätten die Behörden ab dem Kontakt des Hausarztes eine aktuelle Risikoeinschätzung vornehmen, ihr Wissen koordinieren und wirksame Maßnahmen prüfen müssen. Dill hatte weder Anzeige erstattet noch ausdrücklich um Polizeischutz gebeten, kannte jedoch weder die früheren Gewalttaten noch die Gutachten. Dieses Informationsgefälle verlangte nach Ansicht des Gerichts erhöhte Wachsamkeit. Zugesprochen werden ihr 30.000 Euro für den immateriellen Schaden und 22.000 Euro für Kosten und Auslagen. Hohe weitere Prozesskosten im sechsstelligen Bereich beschäftigen Dill bis heute.

Eine Entschuldigung der Luzerner Polizei habe sie bis heute nicht bekommen, erzählt Dill. Der Sieg aus Straßburg reicht dennoch weit über ihren Fall hinaus. Er zeigt, welche Schutzpflicht ein Staat hat, wenn Behörden von einer realen, unmittelbaren Gefahr wussten oder wissen mussten. Lücken zwischen Akten und Zuständigkeiten können lebensgefährlich werden.

Femizid: Buch „LEBEN! Wie ich ermordet wurde“ von Nicole Dill neben aufgeschlagenen Buchseiten.
Leben! Das Buch soll das Unfassbare erfassbar machen. eschrieben von Franziska K. Müller, verlegt vom Wörterseh Verlag. „Leben! Wie ich ermordet wurde – Verraten vom System, verteidigt in Straßburg“ 208 Seiten, Taschenbuch ISBN: 978-3-03763-170-6 © Wörrterseh-Verlag

Aus Überleben wird eine Aufgabe.

In der Reha beginnt Dill zu schreiben. 2010 erscheint das Buch „Leben! Wie ich ermordet wurde“, einen Monat zuvor wird sie Mutter. Im März 2011 gründet sie „Sprungtuch“, eine unabhängige Anlaufstelle für Gewaltopfer. Dort begleitet sie Frauen und Angehörige und vermittelt Kontakte. „Opfer sprechen eine eigene Sprache“, sagt sie. Sie kennt die Angst und das Gefühl, aus der vertrauten Welt gefallen zu sein. Heute lebt Nicole Dill mit ihrem Mann und ihrem Sohn im Kanton Luzern.

Die Narben und die Wachsamkeit sind geblieben. „Ich habe das überlebt, um für Gerechtigkeit zu kämpfen“, sagt sie, „für die Opfer, die nicht überlebt haben, für jene, die weiterleben, und damit neue Opfer verhindert werden.“

Das Böse ist nicht immer sofort erkennbar. Es kann charmant wirken und lange neben allem Guten bestehen. ­Nicole Dills Geschichte mahnt, Warnzeichen ernst zu nehmen und vorhandenes Wissen zu verbinden. Ihr Überleben ist außergewöhnlich. Schutz darf kein Wunder brauchen.

„SPRUNGTUCH“

Nicole Dill begleitet mit der 2011 gegründeten Anlaufstelle gewaltbetroffene Frauen sowie Angehörige von überlebenden und getöteten Opfern. Die Gespräche werden nach Terminvereinbarung geführt.

info@sprungtuch.ch

www.sprungtuch.ch

Hilfe in Österreich

  • Bei akuter Gefahr:
    Polizei 133 oder Euronotruf 112
  • Frauenhelpline gegen Gewalt:
    0800/222 555, rund um die Uhr, kostenlos, anonym und vertraulich
  • Gewaltschutzzentren Österreich:
    0800/700 217
  • Opfernotruf:
    0800/112 112, werktags von 8 bis 20 Uhr

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