Drei Frauen schauen auf ein Handy, das die Frau in der Mitte hält

Digitale Diskriminierung: Warum Boomer-Bashing danebenliegt

Darf's ein bisschen weniger sein?

11 Min.

© Pexels/ Shvetsa

Die meisten sind sozusagen im Multitasking unterwegs: Vor ihnen der Computer, am Schoß ein mitgebrachtes Tablet, manchmal ein bockiges, vom Enkel geerbtes altes Modell, in der Hand das Smartphone. Acht Frauen und ein Mann sitzen aufmerksam und gut gelaunt im Saal der Kunst VHS (Volkshochschule).

Worin das Ungleichgewicht begründet ist? „Vielleicht weil sich Männer mit technischen Dingen besser auskennen“, sagt die Trainerin Brigitte Krupitza – und zerstreut mit einem herzlichen Lachen meine Irritation; sie meint es ironisch. Es könnte vielmehr an Ehrgeiz und Wissensdurst der Frauen liegen, heißt es später, und Kursteilnehmerin Susanne, 68, bringt den gelebten Beweis: „Mein Partner ist zwölf Jahre älter; er liest zwar viele E-Books, surft im Internet, aber sonst hat er sich technisch ausgeklinkt. Er hat eine richtige Aversion“, erklärt sie. Dass es zwischen digitaler Fitness und Alter zwingend einen Zusammenhang gibt, glaubt Kurskollege Ortwin nicht. „Das ist auch eine Frage, ob man sich darauf einlässt oder nicht. Aber wenn du es nicht beherrschst, bist du außen vor.“

Das sollte dem 67-Jährigen nicht passieren; seine Tochter empfahl ihm den Kurs. Er protestierte auch nicht, denn: „die ganzen Begriffe sind in meinem Kopf wie in einer Waschmaschine rotiert.“ Im VHS-Kurs „Digital durchstarten – Grundlagen für den Alltag“ habe er System in sein Wissen gebracht und es erweitert. Digitalisierungsfan war Ortwin nicht gerade, gibt er zu: „Ich hab die Entwicklung zuerst ignoriert, dann verflucht und bemühe mich heute, auf ein Level zu kommen, um mich selbstständig bewegen zu können. Aber ich bin nicht der Erste, der sagt: eine Vier genügt.“

Das hat allerdings wenig mit mangelndem Interesse zu tun, vielmehr dürfte sich hier die sogenannte „sozioemotionale Selektivitätstheorie“ bewahrheiten, mit der sich die Stanford-Psychologin Laura L. Carstensen intensiv auseinandersetzt. „Auch meine Ergebnisse waren in Konkordanz mit dieser Theorie: Je älter wir werden, desto kostbarer wird die Zeit“, erklärt Ulrike Bechtold, Humanökologin und Forscherin am Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA, Akademie der Wissenschaften). „Die Menschen haben irgendwann keinen Bock mehr, sich mit etwas auseinanderzusetzen, das für sie potenziell nicht funktioniert oder nicht relevant ist. Man will mit zunehmendem Alter nicht tagelang eine Bedienungsanleitung lesen, um erst dann zu verstehen, ob es für einen Sinn macht oder nicht. Es geht oft nicht um ,ich kann nicht‘, sondern: ,ich will nicht‘.“

Es werde übersehen, dass Menschen mit Lebenserfahrung durchaus das Selbstbewusstsein haben, bestimmte Dinge abzulehnen. „Aber häufig haben sie gute Manieren, nehmen etwas mit der Ankündigung an, es probieren zu wollen, und werfen es dann in die nächste Kiste.“ Das führe oft fälschlich zum Schluss, die Person könne das Teil nicht bedienen.

Die grundsätzliche Scheu ist ein Irrtum. In den Kursen wird mutig mitgearbeitet.

Erwachsenenbildnerin Brigitte Krupitza

Digitalisierung olé?!

Kursteilnehmerin Andrea ist 80 – und begeisterte Fremdenführerin in Wien. Ihre Schwiegertochter habe sie sehr gut dabei unterstützt, ihr Ein-Person-Unternehmen in die digitale Ära zu führen. Neue Systeme machen ihr aber schon Stress, räumt sie ein. „Als zuletzt in der Bank der Automat für die Rechnungen umgestellt wurde, habe ich mir vorgestellt, wie die Schlange hinter mir länger wird und ich immer nervöser werde.“ Ihr Beweggrund für den Kurs: „Sobald etwas ,anders‘ ist, bin ich mit meiner Weisheit am Ende. Ich wollte die Grundlagen richtig lernen.“

Andrea hat ein Smartphone, sie schickt ihre Rechnungen als PDF und macht ihre Buchhaltung mit Excel-Tabellen. Von Altersdiskriminierung durch Digitalisierung will sie gar nicht erst hören, „das ist völlig klar, dass ich das lernen muss.“ Die Fremdenführerin sieht auch Vorteile für sich: „Ich muss mich nicht mehr in verschiedenen Büros vorstellen, ich werde schnell im Internet gefunden.“

An Computer und Internet führe auch für Susanne kein Weg vorbei, sagt sie, aber sie tue jeden Schritt mit Bedacht: „Ich verwende die umweltfreundliche Suchmaschine Ecosia, bestelle selten etwas online – und auf das Smartphone hätte ich gerne verzichtet.“ Erst vor gut einem Jahr habe sie sich dazu durchgerungen. Im Kurs habe sie viel dazugelernt; manches, wie etwa der Schrittzähler oder die App eines Biomarktes, machen ihr Spaß. Die rasante Entwicklung sieht sie kritisch: „Die Digitalisierung nimmt überhand, an der Haltestelle, im Hotel, in Lokalen – überall Bildschirme. Wenn ein Blackout kommt, sind wir aufgeschmissen.“ Vieles erlebt sie im Alltag als mühsamer: „Wegen meiner ID Austria muss ich jetzt zum dritten Mal persönlich wohin.“

Szenenwechsel: Forschung

Welche Visionen haben Menschen von einem „guten Leben“ – und wie kann Technologie das positiv beeinflussen beziehungsweise wo könnte sie negativ wirken? Mit diesen Kernfragen beschäftigen sich Forschende aus verschiedenen Disziplinen am Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA). Seit mehr als zehn Jahren widmet sich Ulrike Bechtold in einem ihrer Schwerpunkte der Analyse von Technologien für „ältere Menschen“.

Der europäische Ausgangspunkt lautete zu Beginn: Wie kann die älter werdende Gesellschaft mittels Technologie unterstützt werden, damit sie länger selbstständig zu Hause leben kann? Einerseits, weil das als angestrebtes Ideal gilt; andererseits, damit das Sozialsystem für den Staat leistbar ist. Essenziell für die Forscherin ist: „Wie sehen wir die älter werdende Bevölkerung überhaupt? Als Last, als Kostenfaktor – oder gelingt uns eine positive Perspektive, sie als eine Ressource zu sehen und ihnen mit Interesse und Respekt zu begegnen?“

Altersstereotype und Boomer-Klischees

Oft würden zwei extreme Klischees reproduziert: die aktiven, voll digitalen Senior:innen, die um die Welt jetten, sowie die eher inaktiven Älteren auf der Parkbank, die mit zukünftigem Pflegebedarf assoziiert werden. „Da gibt es aber viel dazwischen. Menschen, die aus dem aktiven Erwerbsleben ausscheiden, bleiben trotzdem die Menschen, die sie davor waren – mit den gleichen Vorlieben und Routinen. Die einen wollen das, was sie immer gemacht haben, in einer anderen Art machen, die anderen etwas Neues ausprobieren, wofür sie immer zu wenig Zeit hatten. Einige möchten sich in der Gemeinschaft einbringen oder vielleicht noch einen bezahlten Job annehmen.“

Technik kann hier, wenn sie für sie sinnvoll ist, ein wichtiger Teil sein. Aber: Das Leben ist ein Kontinuum, die wenigsten wollen ab einem bestimmten Geburtstag eine „Technologie für Ältere“. Geradezu kontraproduktiv erlebt Bechtold verallgemeinernde „Boomer-Zuschreibungen“, die Altersstereotype reproduzieren. „Das sind nicht ,die Boomer‘, sondern Menschen, die in einer geburtenstarken Zeit geboren wurden, und die heute ganz unterschiedliche Zugänge zum Leben haben.“

Was sie aber gemeinsam haben – das gilt für nahezu alle außer die Gen Z – ist ein Heranwachsen mit mechanischer Technik. „Das bedeutete auch: Dinge gehen bei falscher Handhabung kaputt. Wenn ich den Regenschirm falsch drücke, kann ich ihn ruinieren und werde nass. Mechanische Technik hat einen Brechpunkt. In einer Befragung formuliert es eine Dame so: ,Es geht hier nicht um Kompetenz, sondern um Haltung‘“, beschreibt Ulrike Bechtold. Wenn also Enkelkind und Oma gleichzeitig mit neuer Technologie konfrontiert sind, drückt das Kind vermutlich überall drauf, bis es funktioniert. „Das Kind gilt dann als kompetent und die Oma eben nicht, weil sie nicht wie verrückt drauflosdrückt, weil sie nichts kaputt machen will.“

Eine Frau und ein Mann sitzen auf einem Sofa und schauen auf ein Tablet
© Pexels/ Marcus Aurelius

Keine Scheu im VHS-Kurs

Berührungsängste mit neuer Technik kennt Susanne. „Die habe ich durch den Kurs tatsächlich ein bisschen verloren.“ Diesmal hat sie ihr altes Tablet mitgebracht. Trainerin Brigitte Krupitza versucht, das Teil mit Engelsgeduld zum Leben zu erwecken. „Ich bin auch als Support und zur Beruhigung da“, sagt sie. „Es gibt keine dummen Fragen“ – das ist für die 69-jährige Erwachsenenbildnerin gelebtes Credo. Sie entwirrt mit einer Teilnehmerin deren plötzlich 3.000 Kontakte zählende Liste, mit einer anderen bespricht sie die Wecker-Funktion. „Dafür haben wir in jeder Einheit die Sprechstunde.“

Jeder Kurs sei anders, Inhalte und Fahrplan passe sie stets an die Teilnehmer:innen an. Etwaige Scheu verfliege schnell. „Ich sage immer, dass sie nichts kaputt machen können, außer es haut eine:r ein Gerät hinunter. Dann wird mutig mitgearbeitet. Wir lernen schnell, dass alles Gelöschte aus dem Papierkorb geholt werden kann.“

Trotzdem ortet auch die Trainerin selbst Situationen von Diskriminierung, die nicht sein müssten: „Wenn Karten online günstiger sind oder überhaupt nur noch per Mail verschickt werden oder man einen Brief mit einem QR-Code zum Aktivieren seines Vorsorgekasse-Kontos bekommt“, zählt sie auf. „Es macht mich traurig, wenn ich sehe, dass Menschen übergangen werden und nicht mehr richtig mitkommen.“
Kasimira erlebte erst kürzlich so eine Situation: „Ein älteres Ehepaar wollte vor mir in einem Geschäft etwas bestellen, aber es ging nicht, weil sie keine Email-Adresse hatten. Das hat mich schockiert“, erzählt die 66-Jährige. Sie habe schon während ihrer Berufstätigkeit am Computer gearbeitet; sie schrieb sich im Kurs sein, weil sich in den Pensionsjahren viel getan hat. „Manchmal bin ich auch mal froh, wenn ich das Handy vergesse, da fühle ich mich frei“, schmunzelt sie. „Aber es macht auch Spaß: Ich interessiere mich für Politik, lese gerne Nachrichten aus Österreich, aber auch in meiner Muttersprache Polnisch. Der Kurs ist außerdem ein gutes Training fürs Hirn.“

Rein digitale Anwendungen schließen nicht nur Ältere aus. Das halte ich für problematisch.

Ulrike Bechtold, Institut für Technikfolgen-Abschätzung

Die schönsten Momente seien die Erfolgserlebnisse der Teilnehmer:innen, sagt Brigitte Krupitza. Wenn sie etwa lernen, dass Videofonie mit zwei Enkelkindern gleichzeitig geht oder wie praktisch die Gesichtserkennung ist. „Ein älterer Herr hat die Wien Mobil-App entdeckt; wir haben für ihn gemeinsam eine Emailadresse eingerichtet, die App runtergeladen und mit seiner Jahreskarte verknüpft. Er hat übers ganze Gesicht gestrahlt.“

Zweigleisig fahren

Die analogen Möglichkeiten werden in vielen Bereichen sukzessive weniger. „Das ist folgenreich und zu hinterfragen“, sagt die Wissenschaftlerin Ulrike Bechtold: Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht digital sein möchten oder können – und das sind bei weitem nicht immer nur Ältere – werden durch rein digitale Anwendungen ausgeschlossen. Das Risiko sei groß, dass Menschen dann in die Vermeidung gehen. Keinen Zugang zu haben, etwas nicht zu können, sei auch schambehaftet, „und wenn Menschen an bestimmten Dingen nicht teilhaben können, werden sie unsichtbar. Das ist sehr problematisch. Institutionen versuchen dem zwar entgegenzuwirken, und das Digitale so erschließbar wie möglich zu gestalten. Aber es müsste jedenfalls die öffentliche Infrastruktur als eine doppelte Struktur gefahren werden – also digital und analog“, betont Ulrike Bechtold.

Hinzu kämen noch andere Gründe. „Wir haben mittlerweile eine anschauliche Datenlage dazu, dass die vollständige Digitalisierung der Lebenswelten zu physischen, psychischen und sozialen Problemen führen kann – und sie verunmöglicht, sich digitale Auszeiten zu nehmen“, gibt sie zu bedenken. Der digitale Fortschritt sei für alle Generationen richtig und wichtig, als Forschende am Institut für Technikfolgen-Abschätzung (ITA) vermisst sie aber einen breiten gesellschaftlichen Diskurs: „Welche Rolle soll Digitalisierung überhaupt spielen? Was technisch möglich ist, wird produziert und kommt auf den Markt; das forcieren die Tech-Giganten und es hat eigentlich niemand ein Veto-Recht. Wer ist für die Entscheidung verantwortlich, wenn Digitalisierung das gesamte Leben durchdringt: von pränatal bis post mortem, wo es doch sogar Deadbots gibt, also Technologien, um nach dem Tod für die Hinterbliebenen zur Verfügung zu stehen?“ Technik unhinterfragt zu nutzen, nur weil sie am Markt ist, sei ein folgenreiches Experiment – für alle.

Lösungen statt Boomer-Bashing

Wenn es um ältere Erwachsene geht und darum, warum sie manche Technologien nicht annehmen, liege das oft am fehlenden Fragen danach, wie die Menschen leben und welche Technik sie wollen. „Das wäre ein besserer Einstiegspunkt als nur zu fragen, wie vorhandene Technik in ihre Lebenswelt eingebracht werden kann, um diesen Markt erfolgreich zu erschließen“, betont Ulrike Bechtold. Das ITA widmet sich auch der Politik- und Gesellschaftsberatung; die Forscher:innen arbeiten laufend an Lösungsansätzen. Welche können das im Fall der zunehmenden Digitalisierung sein? Wenngleich Wirtschaftstreibende oft sensibel auf den Begriff reagieren, erachtet Ulrike Bechtold Regulierungen für unumgänglich. „Wir haben bereits den AI-Act und die Datenschutzgrundverordnung, aber ich plädiere dafür, dass Europa ein stärkeres Selbstbewusstsein entwickelt, um zu sagen: Wir machen es auf unsere Art, wir haben unseren Stellenwert von Bürger:innen und Respekt vor Diversität.“

Die üppige kostenlose Kurs-Landschaft im Rahmen der Digitalisierungsstrategie des Bundes hält sie für einen guten Ansatz. „Wichtig ist dabei, dass die Menschen Bescheid wissen, welche Möglichkeiten es gibt und dass diese nicht nur mit einem Bedarf an Unterstützung assoziiert werden – es muss auch Spaß machen und idealerweise die vielfältigen Fähigkeiten aufgreifen.“

Kurse im Grätzel, wo man sich gegenseitig hilft, Begeisterung teilt und nachher auf einen Kaffee geht, begünstigen eine Synergie zwischen realer und digitaler Welt. Für die Humanbiologin gilt die Prämisse: der Mensch immer an erster Stelle. Technologie erlaube oft, dass man etwas scheinbar ökonomischer macht, aber die Frage sei immer, wer dabei gewinnt und wer die Kosten trägt. „Wenn ältere Menschen bestimmte Dinge nicht mehr in Anspruch nehmen, sich zurückziehen, hat das schnell negative Konsequenzen. Isolation ist nicht gesund; Kontakt, Zuwendung und Emotion sind grundlegend wichtig für den Menschen. Es können Teile in die Technologie ausgelagert werden, aber es müssen immer auch Räume für zwischenmenschliche Interaktion vorhanden sein.“

Tipps

  • Institut für Technikfolgen-Abschätzungen/Akademie der Wissenschaften: www.oeaw.ac.at/ita
  • Digitalisierungsoffensive – Kurse/Workshops für unterschiedliche Altersklassen/Interessen: www.digitalaustria.gv.at
  • Buchtipp: Iris Isabella Haiderer: KI für Senioren. Wie ChatGPT mein Leben auf den Kopf stellte (und besser machte), BFLY Publishing

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