Konfektionsgrößen: Rosa Barbiepuppe eingewickelt in Maßband.

Darum sind Konfektionsgrößen OUT

Konfektionsgrößen sollten Orientierung geben – stattd­essen machen sie Druck. Weshalb wir uns vom Diktat der Zahlen verabschieden sollten.

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Es könnte so einfach sein: Größe auswählen, anprobieren, passt. Doch die Realität sieht anders aus. Konfektionsgrößen sind für viele zu einem emotional aufgeladenen Thema geworden. Ein Rahmen, der eine simple und neutrale Orientierungs­hilfe sein sollte, ist zu einem Werkzeug für Manipulation geworden. In einer Zeit, in der Body Positivity zum Trend wurde, hinkt die Modebranche der Wirklichkeit oft meilen­weit hinterher.

Das Konfektionsgrößen-Lotto

Ob online oder im Geschäft: Größe 40 ist nicht gleich 40. Und Größe 42 bei Marke A kann bei Marke B plötzlich einer 46 entsprechen. Nicht umsonst hat die Autorin dieser Zeilen Hosen in vier Größen zu Hause. Das ist im Geschäft schon nervig, wenn man mehrere Größen ein und desselben Kleidungsstücks mit in die Kabine nehmen muss. Bei Onlinebestellungen wird es dann aber endgültig problematisch, wenn man massenhaft Retoursendungen vermeiden will. Größenangaben sind leider kaum verlässlich, auch die online angegebenen Größentabellen sind dabei oft keine Hilfe.

Problematisch wird es, wenn diese Willkür unser Selbstbild beeinflusst. Dass eine 42 die durchschnittliche Größe der Österreicherinnen ist, man sie in vielen Stores aber gar nicht findet, sagt viel über Prioritäten der Modebranche aus. Besonders Fast-Fashion-Marken bedienen bewusst kleinere Größenspektren. So wird der Einkauf für viele zur Zerreißprobe und nicht wenige verlassen die Kabine geknickt. Dabei wäre es theoretisch einfach: Es existieren DIN-Normen, an denen sich Größen orientieren sollten. Doch jedes Unternehmen interpretiert diese anders. Die Bandbreite der durchschnittlichen Körpergrößen international verschärft das Problem zusätzlich. Eine Durchschnittsösterreicherin ist 1,67 Meter groß – in Italien liegt der Schnitt deutlich darunter, in Skandinavien deutlich darüber. Einen weltweiten Standard zu definieren, ist also eher schwierig.

Wenn Mode manipuliert

Aber warum fallen manche Marken so klein aus, dass man sich fragt, ob man in der Kinderabteilung gelandet ist? Und warum passen bei anderen plötzlich zwei Größen kleiner, als man normalerweise trägt? Die Antwort ist oft simpel: Marketing. Einige Labels setzen bewusst auf „Vanity Sizing“ – sie nähen die Modelle größer, damit Kund:innen in eine kleinere Nummer passen und sich besser fühlen. Andere tun genau das Gegenteil: Sie schneidern extrem eng, um eine „exklusive“, jugendliche Zielgruppe zu bedienen. Dass dabei viele Körper automatisch ausgeschlossen werden, scheint einkalkuliert. In der Branche wurde schon offen kommuniziert, dass man bewusst ältere oder kurvigere Kundinnen nicht ansprechen möchte – sie würden nicht zum gewünschten Markenimage passen. Eine Realität, die in Zeiten von Diversity-Kampagnen paradox wirkt.

Keine Neuerungen

Ein weiteres Problem: Wir scannen Gesichter für Smartphones und trainieren KIs, schaffen es aber nicht, Technologien so einzusetzen, dass am Ende eines Einkaufserlebnisses eine passende Jeans steht. Dabei gibt es längst Ansätze: Körpermess-Tools via Smartphone, Größenempfehlungen mittels KI, erste virtuelle Anproben. Doch diese Systeme sind immer noch nicht flächendeckend verfügbar oder funktionieren nur für bestimmte Produktgruppen. Selbst 3D-Avatare wirken oft eher wie Zukunftsversprechen als wie echte Lösungen. Wo bleibt denn der technologische Fortschritt, wenn man ihn braucht?

Mehr als eine Zahl

Sprechen wir es aus: Kleidung, die so weit von der Norm abweicht und die Trägerinnen verunsichert, ist schlicht diskriminierend. Mode sollte auch zur Lebensrealität der Durchschnittsträgerinnen passen. Modelabels könnten durch klare Größenkommunikation Vertrauen schaffen statt Frust. Neue Ansätze kommen von jungen Labels, die sich gänzlich von den standardisierten Größen abwenden. Sie geben Größen in Zentimetern an oder setzen auf flexible, formschmeichelnde oder Unisex-Schnitte, die eine größere Vielfalt an Körperformen berücksichtigen. Auch der Secondhand-Boom verändert unseren Blick auf Größen – dort zählt oft weniger die Zahl als das Gefühl, ob etwas wirklich sitzt. Wer also das nächste Mal in der Kabine am Verzweifeln ist, sollte daran denken, dass nicht wir uns an die Modeindustrie anpassen müssen, sondern die Kleidung an uns – denn unser Wert definiert sich nicht über eine Zahl auf einem Etikett.

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Mehr über die Autorin dieses Beitrags:

© Marija Kanizaj

Betina Petschauer ist Redakteurin bei der STEIRERIN und hauptsächlich für die Ressorts Genuss, Leben, Freizeit, Menschen und Emotion zuständig. Als Foodie zieht sich die Leidenschaft für Essen und Trinken durch alle Bereiche ihres Lebens. Daneben schlägt ihr Herz für Serien, Filme und Bücher, die sie in der Rubrik „Alltagspause“ auch regelmäßig rezensiert.

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