Sextoys: Wie viel Technik verträgt unsere Lust?
Vibratoren & Co. gehören für viele zur Sexualität dazu. Für Expertin Heidi König lohnt sich aber ein genauerer Blick, denn Sextoys können den Zugang zur eigenen Lust sogar erschweren.
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Vibratoren und Co. sind heute stilvoll, leistungsstark und gesellschaftlich weitgehend akzeptiert. Für viele Menschen gehören Sextoys ganz selbstverständlich zur Sexualität dazu. Sie können für Offenheit, Selbstbestimmung und auch den Wunsch, die eigene Lust aktiv zu erkunden, stehen. Gleichzeitig lohnt sich allerdings ein genauerer Blick: Was passiert dabei im Körper? Und unterstützen oder verbessern Sextoys wirklich immer den Zugang zur eigenen Erregung – respektive können sie diesen auch manchmal überdecken beziehungsweise den zukünftigen Lustzugang gar erschweren?
Sexualität beginnt beim eigenen Körper
Lust kann erlernt und im Körper erlebt werden. Erregung ist schließlich kein Schalter, der sich einfach umlegt, sondern ein Zusammenspiel aus Körperwahrnehmung, Atmung, Bewegung und muskulärer Aktivität. Der Körper lernt, worauf er reagiert – und er kann auch Neues lernen. Viele Menschen haben aber nie wirklich gelernt, wie sich Lust im eigenen Körper aufbaut oder wie unterschiedlich sie sich anfühlen kann. Lust muss auch nicht immer zu einem Höhepunkt führen. Sie darf leise, verspielt, neugierig oder auch kraftvoll sein – je nach Lebensphase und Stimmung der Person.
Erregung ist mehr als Stimulation
Erregung entwickelt sich und lässt sich im Körper modulieren. Daher beginnt hier auch die etwas kritische Betrachtung von Vibrator, Dildo und Co. Sehr viele moderne Sexspielzeuge – etwa jene, die eine sehr gezielte und intensive Stimulation versprechen – können Erregung meistens sehr schnell auslösen. Für manche Frauen ist das wohl auch sehr entlastend. Gerade dann, wenn der Zugang zur eigenen Lust längere Zeit schwierig war und endlich ein Tool gefunden wurde, mit dem es funktioniert.
Hilfsmittel, die zur sexuellen Stimulation verwendet werden, sind nicht per se problematisch, aber sie beeinflussen doch, wie Lust erlebt wird.
Mag. Heidi König
Gleichzeitig kann es aber passieren, dass der Fokus so sehr stark auf das äußere Hilfsmittel rutscht und weniger auf das innere Erleben geachtet wird. Das heißt, eine sehr schnelle und sehr punktuelle Stimulation beispielsweise der Klitoris kann dazu führen, dass der Körper kaum Zeit hat, eine gewisse Erregungskurve in Richtung Orgasmus aufzubauen. Das kann sich so weit steigern, dass manche Frauen in der Beratung berichten, dass sie ohne ein sehr spezielles Hilfsmittel kaum noch in die Erregung finden – allerdings nicht aus Abhängigkeit, sondern weil der Körper sich an eine sehr spezielle Art von Reiz und Stimulation gewöhnt hat. In sexuellen Begegnungen mit anderen Menschen funktioniert der Lustzugang dann häufig nicht, weil der Körper den sehr speziellen Reiz, den er durch das Sextoy gewöhnt ist, nicht bekommt. Das bedeutet nicht, dass alle Hilfsmittel, die zur sexuellen Stimulation verwendet werden, immer problematisch sind, aber sie beeinflussen doch, wie Lust erlebt wird – meist eher lokal und reaktiv.
Bewusstes Erleben statt „schneller, mehr und intensiver“
Wenn das Sexspielzeug allerdings die Körperwahrnehmung unterstützt anstatt sie zu ersetzen, kann es in gewisser Weise durchaus sinnvoll sein. Beispielsweise, um eine tiefere Atmung zu erlangen, um muskuläre Spannungsunterschiede im Beckenboden wahrzunehmen oder um sich überhaupt wieder mit der eigenen Lust zu beschäftigen. Die dahinterliegende Frage also, ob das Toy genutzt wird, um schneller ans Ziel zu kommen oder um den eigenen Körper besser zu spüren, ist zentral. Bewusstes Atmen, gezielte Bewegung und ein Spiel mit muskulärer Anspannung können auch mit Sexspielzeugen geübt werden, wenn es nicht ausschließlich um „schneller“, „mehr“ und „intensiver“ geht, sondern um ein bewussteres Erleben.
Erotikspielzeug richtig einordnen
Zusammengefasst: Für lustvolle Sexualität braucht es die Fähigkeit zu spüren, was im eigenen Körper geschieht, wie Erregung entsteht und wie sie sich modulieren lässt. Sextoys können diesen Prozess unterstützen oder verkürzen. Beides ist per se nicht falsch, aber es macht häufig einen Unterschied, ob Lust als etwas erlebt wird, was im eigenen Körper wächst und modulierbar ist, oder als etwas, was von außen ausgelöst wird. In der Beratung geht es nicht darum, Erotikspielzeuge zu feiern, sie abzuwerten oder zu kritisieren, sondern sie einzuordnen. Als Angebot und nicht als Voraussetzung. Als Möglichkeit und nicht als Maßstab. Denn Lust ist kein Produkt oder Leistungsziel, sondern ein körperliches Erleben. Wer gerne Sexspielzeuge verwendet, darf sich immer wieder einmal fragen: Bringen sie mich näher zu meinem Körper oder weiter weg von ihm? Diese Frage allein kann schon ein erster Schritt zu einer tieferen, selbstbestimmten Sexualität sein.
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