Psychische Gesundheit am Arbeitsplatz darf kein Tabu sein
Psychische Krisenerfahrungen und der Weg zurück in die Arbeit – wie man Betroffene dabei unterstützen kann.
© diversifylens/Satrio Ramadhan
Psychische Gesundheit betrifft uns alle – trotzdem wird darüber am Arbeitsplatz noch viel zu selten gesprochen. Wie Menschen mit psychischen Krisenerfahrungen den Weg zurück in die Arbeitswelt schaffen und was Arbeitgebende tun können, um sie dabei zu unterstützen.
Stress, Überforderung, ständige Erreichbarkeit: Immer mehr Menschen geraten im Arbeitsleben an ihre psychischen Grenzen. Laut WHO ist jede dritte Person im Laufe ihres Lebens zumindest einmal von einer psychischen Erkrankung betroffen; rund 75 Prozent beginnen bereits vor dem 25. Lebensjahr.
Psychische Erkrankungen zählen inzwischen zur vierthäufigsten Ursache für Krankenstände – und sind der häufigste Grund für Pensionierungen aufgrund geminderter Arbeitsfähigkeit. Trotz dieser Realität wird der Umgang mit psychischen Belastungen in vielen Arbeitsumgebungen weiterhin tabuisiert. Dabei könnten Unternehmen eine entscheidende Rolle spielen: indem sie Arbeitsbedingungen schaffen, die Belastungen früh sichtbar machen und Betroffene ermutigen, Unterstützung in Anspruch zu nehmen.

Unterstützung auf jedem Weg
Denn wer eine psychische Krise erlebt, verliert oft nicht nur Stabilität und Gesundheit, sondern häufig auch den Zugang zum Arbeitsmarkt. Genau hier setzt die Arbeit von pro mente tirol an: Die psychosoziale Organisation hilft und begleitet Menschen in psychischen Krisenzeiten auf dem Weg zurück in ein selbstbestimmtes Leben.
Unter ihrem Dach vereint pro mente tirol verschiedene Angebote, um wieder in das Berufsleben einzusteigen: das Arbeits- und Berufstraining ARTIS, den Integrationsbetrieb ARTIS sowie das Seminarprojekt „Erste Hilfe für die Seele“. Gemeinsam haben sie ein Ziel: Menschen mit psychischen Erkrankungen zu befähigen, ihr Leben wieder aktiv zu gestalten – beruflich wie auch persönlich.
Sensibilisierung als Prävention
Manuela Pillei-Schenner leitet das Projekt „Erste Hilfe für die Seele“, eine Seminarreihe zur Förderung psychischer Gesundheitskompetenz. Die lizenzierten Kurse vermitteln fundiertes Wissen zu psychischen Erkrankungen und konkreten Erste-Hilfe-Maßnahmen bei seelischen Krisen.
- Angeboten werden unterschiedliche Formate, etwa für Erwachsene, Jugendliche, Führungskräfte oder in Form von Auffrischungs-Workshops.
„Viele wissen zwar, was bei einem Herzinfarkt zu tun ist, aber wenn jemand psychisch erkrankt, herrscht oft Unsicherheit“, sagt Pillei-Schenner.
In den Seminaren lernen Teilnehmende erste Anzeichen zu erkennen, Gespräche achtsam zu führen und psychische Erste Hilfe zu leisten. Übungen, Rollenspiele und Reflexionen sollen Hemmschwellen abbauen, Handlungssicherheit stärken und langfristig eine Arbeitskultur fördern, in der psychische Gesundheit selbstverständlich mitgedacht wird.
Struktur gibt Halt
Ein weiteres Angebot von pro mente tirol ist das ARTIS Arbeits- und Berufstraining. Menschen, die aufgrund einer psychischen Erkrankung längere Zeit aus dem Arbeitsleben ausgeschieden sind, erhalten hier die Möglichkeit, in einem geschützten, aber realitätsnahen Umfeld wieder erste Schritte zurück in den Beruf zu gehen. Eine ehemalige Teilnehmerin beschreibt: „Die klare Tagesstruktur war für mich essenziell. Ich wusste, was wann passiert, konnte kleine Ziele setzen und hatte die Freiheit, bei Überforderung Pausen zu machen.“

Berufliches Training mit Perspektive
Gabriele Höfler, fachliche Leiterin des ARTIS Arbeits- und Berufstrainings in Innsbruck, beschreibt die Idee dahinter: „An uns wenden sich Menschen, die aufgrund einer psychischen Krise oder Erkrankung eine Zeit lang nicht arbeiten konnten und sich nun wieder zutrauen, schrittweise in den beruflichen Alltag zurückzukehren.
Wir unterstützen dabei, Selbstvertrauen zu gewinnen und die eigenen beruflichen Kompetenzen zu stärken.“ Kernstück des einjährigen Trainingsangebots ist ein strukturierter praktischer Arbeitsalltag in betrieblich organisierten Trainingsbereichen.
Diese Bereiche funktionieren wie kleine Betriebe, in denen unterschiedliche Arbeitsaufträge mit soziotherapeutischer Unterstützung abgewickelt werden. Die Arbeitsumgebungen sind so gestaltet, dass echte Arbeitserfahrung gesammelt werden kann – mit Qualitätsanspruch, Kundenaufträgen und verbindlichen Abläufen. Dabei geht es um die Stärkung fachlicher Fähigkeiten sowie wichtiger Kompetenzen wie Selbstorganisation, Stressresistenz oder Teamarbeit.
Brücke in den Arbeitsmarkt
Neben dem Berufstraining betreibt pro mente tirol außerdem den ARTIS Integrationsbetrieb, ein gemeinnütziges Beschäftigungsprojekt des Arbeitsmarktservice Tirol.
„Wir bereiten Menschen nach psychischen Erkrankungen mit fachlicher sowie soziotherapeutischer Unterstützung auf die Herausforderungen des Arbeitsmarktes vor und helfen ihnen aktiv bei der Integration auf den ersten Arbeitsmarkt“, erklärt Jens Stollberg, wirtschaftlicher Geschäftsführer.
„Dabei geht es nicht nur um Arbeitsplätze, sondern um Perspektiven.“ Der Integrationsbetrieb bietet seinen Transitmitarbeiter:innen echte Beschäftigung mit voller Sozialversicherung sowie eine sichere Umgebung mit Wertschätzung, klaren Regeln und echter Verantwortung. „Wir verbinden sozialen Auftrag mit wirtschaftlicher Professionalität – damit Arbeit wieder Sinn stiftet und Menschen mit Krisenvergangenheit mutig und kompetent durchstarten können“, so Stollberg.
Schritt für Schritt
Die Tirolerin Bianca Engeler ist ein Beispiel dafür, wie aus Betroffenen wieder aktive Gestalter:innen des eigenen Lebens werden können. Durch strukturierte Begleitung bei pro mente tirol fand sie zurück in einen stabilen Alltag – und schließlich den Mut, die Ausbildung zur Genesungsbegleiterin zu beginnen.

„Aus Erlebtem etwas Positives zu machen, verleiht einer schweren Zeit Sinn“, erzählt sie.
Besonders wichtig war für sie das Arbeiten auf Augenhöhe, die individuelle Unterstützung durch das Team und das Gefühl, mit ihrer Geschichte nicht allein zu sein. Heute möchte sie mit ihrer Erfahrung anderen Betroffenen Hoffnung geben – und mithelfen, Stigmatisierung abzubauen: „Psychische Gesundheit muss in unserer Gesellschaft den gleichen Stellenwert bekommen wie körperliche.“
Neue Perspektiven gewinnen
Auch die pro-mente-Klientin Barbara Schmolmüller berichtet von einem herausfordernden, aber letztlich stärkenden Weg zurück ins Arbeitsleben. Nach einer belastenden Phase an einer deutschen Universität, in der sie sich zunehmend isoliert und überfordert fühlte, stand sie schließlich vor dem beruflichen Aus.
Der Wiedereinstieg gestaltete sich zunächst schwierig, umso bedeutender war für sie die Erfahrung bei pro mente tirol: Dort fand sie Struktur, ein unterstützendes Umfeld und die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten Schritt für Schritt neu zu entfalten. Sie gewann Vertrauen in sich selbst zurück, übernahm wieder Verantwortung und erlebte Wertschätzung für ihre Perspektiven. Heute ist sie Klient:innenvertreterin und blickt mit Zuversicht auf den geplanten Abschluss ihrer Ausbildung zur Genesungsbegleiterin im Sommer 2026.
Barrieren abbauen
Neben klarer Kommunikation und Akzeptanz braucht es laut Engeler und Schmolmüller vor allem praktische Schritte: niederschwellige Unterstützungsangebote, flexible Arbeitsmodelle sowie Schulungen für Teams und Führungskräfte. Pillei-Schenner bringt es auf den Punkt:
„Natürlich sind Betriebe nicht dafür verantwortlich, dass psychische Erkrankungen entstehen – aber sie können mit der Art und Weise, wie mit dem Thema umgegangen wird, sehr viel dazu beitragen, ob aus einer psychischen Belastung eine Erkrankung wird.“
Unternehmen, die psychische Gesundheit ernst nehmen, profitieren nicht nur menschlich, sondern auch wirtschaftlich: weniger Fluktuation, kürzere Ausfallzeiten, mehr Vertrauen und Loyalität – all das sind konkrete Effekte eines gesunden Betriebsklimas.
Ein gemeinsamer Weg
Die Angebote von pro mente tirol zeigen, wie Wiedereinstieg gelingen kann: durch Struktur, Begleitung, Empathie und echte Chancen. Mehr Offenheit, gezielte Sensibilisierungsmaßnahmen und die Förderung individueller Entwicklungsschritte können helfen, Betroffene nachhaltig zu unterstützen.
Genauso wichtig ist ein Betriebsklima, in dem Gespräche ohne Scheu möglich sind: „Wenn Mitarbeitende sich ebenso selbstverständlich zu einem psychologischen Termin bekennen können wie zu einem Zahnarztbesuch, entsteht echte Entlastung“, erklärt Pillei-Schenner.
Denn nur dort, wo Verständnis und Wissen zusammenkommen, können Menschen den Mut finden, Hilfe anzunehmen und Schritte zurück in den Alltag zu gehen.
„Psychische Belastungen und Erkrankungen dürfen kein Tabuthema in einem Betrieb sein“, so die Expertin abschließend.
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Mehr zur Autorin dieses Beitrags:

Tjara-Marie Boine ist Redakteurin für die Ressorts Business, Leben und Kultur. Ihr Herz schlägt für Katzen, Kaffee und Kuchen. Sie ist ein echter Bücherwurm und die erste Ansprechpartnerin im Team, wenn es um Themen wie Feminismus und Gleichberechtigung geht.
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